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Wenn der Sohn zum Neonazi wird: "Der Feind im Haus"

26.04.2007 | 16:51 Uhr

Es gibt Familien, da wohnt der Feind im Haus. In der eigenen Wohnung. "Es war jeden Tag Krieg, weil unser Sohn zum Neonazi wurde", berichtet Miriam Mayer.

Früher waren sie eine ganz normale Familie in einem Dortmunder Vorort. Vater, Mutter, zwei Söhne. Eine glückliche Familie. Bis der ältere Sohn der Mayers (Name geändert) in die rechte Szene abglitt. Mit elf Jahren und rechter Musik fing es an. Mit ihr kamen neue Freunde. Die Eltern merkten es nicht sofort. Monate vergingen. Sie nahmen es nicht wahr oder wollten es nicht wahrhaben. Vor den Nachbarn wurde es geleugnet. "Doch alle wussten es, weil er als Skinhead gröhlend durch die Nachbarschaft zog."

Als Erik 15 Jahre alt wurde, wurde es richtig heftig: "Wir sind nicht zu ihm durchgedrungen, hatten kaum noch Einfluss", erinnert sich die Mutter. Er gab nur noch Widerworte, kam zu spät oder gar nicht. "Bei anderen parierte er." Die "anderen", das waren seine neuen "Freunde". Mit ihnen kamen Glatze und Springerstiefel. Und auch die ersten Waffen. Mit 15 ein Messer, später auch eine Schusswaffe. Bei einem Schulausflug kam es zu einer räuberischen Erpressung. Eriks Eltern drängten auf eine Anzeige, damit ihr Sohn Konsequenzen zu spüren bekäme. Doch Lehrer und Eltern des Opfers scheuten den Schritt.

"Exit" konnte Familie helfen

An Erik kamen sie nun garnicht mehr heran: Mit der Kraft am Ende, befürworteten die Eltern den Auszug des erst 17-jährigen Sohnes. "Es ging einfach nicht mehr."Alle ihre Bitten und Hilfeersuchen waren erfolglos. In der Schule, beim Jugendamt, bei der Ausbildungsstelle. Überall hörten sie nur Schuldzuweisungen. Selbst einen Arzt zogen sie wegen der psychischen Probleme zur Rate. Doch ein Therapieplatz wurde verweigert: Einen Neonazi könnten sie nicht gebrauchen. "Wir haben nie die Hand gegen unsere Kinder erhoben. Doch an einem Abend eskalierte die Situation, der Vater schlug auf seinen Sohn ein. Das bot eine Chance: Jetzt gab es die zuvor verweigerte Therapie - schließlich war er ja jetzt ein Misshandlungsopfer. Die drei Monate abseits von Familie und Szene halfen beim Ausstieg.

Heute sind die Eltern schlauer: "Wir müssen Grenzen aufzeigen und auch Konsequenzen ziehen." Sie sprachen frühere Freunde an, von denen sich der Sohn abge-wendet hatte. "Viele haben sich wieder gemeldet und mit ihm geredet. "Nicht über Politik, sondern über Dinge, die junge Leute bewegen." Diese und andere Tipps bekamen sie bei "Exit", einem Aussteigerprogramm für Neonazis. Die Mayers gehörten zu den ersten Familien im Elternprogramm. Die Berliner Einrichtung konnte zahlreichen Familien helfen. Doch jetzt geht das nur noch auf selbst organisierter Basis: Das Elternprogramm von "Exit" ist eingestellt worden - der Bund will Geld sparen.

Von Alexander Völkel

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