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Verstärkte Jagd auf Taschendiebe

20.01.2012 | 06:00 Uhr
Verstärkte Jagd auf Taschendiebe
Foto: Franz Luthe

Dortmund.   „Ich habe mich doch nur fünf Sekunden umgedreht, dann war mein Portemonnaie weg“. Diesen Satz hört Kriminalhauptkommissar Uwe Bornemann häufig. „Doch diese fünf Sekunden reichen den professionell ausgebildeten Taschendieben“, weiß der erfahrene Kripomann. In nur wenigen Sekunden werden die meist älteren Betroffenen zu Opfern, zu echten Opfern.

„Ich habe mich doch nur fünf Sekunden umgedreht, dann war mein Portemonnaie weg“. Diesen Satz hört Kriminalhauptkommissar Uwe Bornemann häufig. „Doch diese fünf Sekunden reichen den professionell ausgebildeten Taschendieben “, weiß der erfahrene Kripomann.

In nur wenigen Sekunden werden die meist älteren Betroffenen zu Opfern, zu echten Opfern. Sie sind traumatisiert. Schlagartig ändert sich ihr Leben. Die Opfer: meist ältere Frauen. Die Täter lassen traumatisierte Opfer zurück, die sich zu Hause verbarrikadieren, nicht mehr im vertrauten Lebensmittelmarkt einkaufen, in dem sie bestohlen worden sind und schotten sich immer mehr von der Außenwelt ab.

„Und sie leben in ständiger Angst, sie könnten wieder Opfer von Taschendieben werden“, weiß der Experten für die Bekämpfung von Taschendieben und betont „Taschendiebstahl ist kein Gelegenheitsdelikt, sondern straff organisierte Kriminalität.“

Ausländische Familienunternehmen

Demgegenüber stehen die Täter: Meist ausländische Familienunternehmen, gut organisiert, die ihren Lebensunterhalt gewerbsmäßig mit Taschendiebstahl finanzieren. Professionell ausgebildet, allerdings ohne erkennbar mafiöse Strukturen. Aber: eine „gute“ Klau-Frau werde in den Kreisen wie ein gut bezahlter Fußballspieler gehandelt. Zwar nicht für Millionen verkauft, aber da gingen schon mal 100 000 Euro für die Frau über den Tisch. Und daran sehe man auch, wie lukrativ diese Verbrechenssparte ist.

Die sehr gut strukturierten Familien melden zum Beispiel ihren Wohnsitz in Dortmund offiziell an und brechen dann von dort „zu ihren Diebstahlstouren auf, legen dabei an einem Tag auch schon mal 1000 Kilometer zurück und bewegen sich in Hessen oder Niedersachsen bis nach Baden-Württemberg“, beschreibt Uwe Bornemann die Situation. Dabei handelt es sich nicht wie fälschlicherweise angenommen um Gelegenheitsdelikte, „sondern um präzise ausbaldowerte und generalstabsmäßig vorbereitete Diebstahlstaten.“

Die Opfer, in der Regel ältere Frauen, die einkaufen gehen, meist jenseits von 60 Jahren alt, gebrechlich, werden von den Tätern ganz genau ausspioniert. Manchmal verfolgen die Täter sie von einer Bank bis ins Geschäft oder den Supermarkt. „Bevor die Diebe dann zuschlagen, wissen sie genau, wo die Beute steckt, ob sie lohnenswert ist“.

Ihr Ziel: Ausschließlich Bargeld und EC-Karten . Dabei nutzen sie die Situationen am Wühltisch oder wenn ältere Frauen mit Rollator im benachbarten Supermarkt oder im Tante Emma-Laden einkaufen eiskalt aus. „Denn hier werden die Opfer nachlässig, anders als im Weihnachtsmarkttrubel, wenn sie wissen, dass es Diebe auf sie abgesehen haben könnten“, sagt Bornemann.

Aufklärungsquote nur fünf Prozent

Die eigentliche Tat sei dann auch von erfahrenen Kripoleuten gar nicht zu erkennen. So schnell husche die Hand unbemerkt in die Tasche der Geschädigten, ziehe die Geldbörse heraus. „Das dauert wirklich nur Sekunden!“ Und dann verschwinden die Täter meist unerkannt zum nächsten Geldautomaten.

Denn die Opfer hätten häufig irgendwo in der Geldbörse die PIN-Nummer aufbewahrt. Bemerken die Opfer, dass sie bestohlen worden sind, sind die Täter längst über alle Berge. Manchmal zeigen Betroffene die Taten aus Scham gar nicht an. „Taschendiebstahl ist lukrativ und das Risiko entdeckt und verurteilt zu werden äußerst gering“, schildert Bornemann, der die Aufklärungsquote mit fünf Prozent angibt. Und von diesen fünf Prozent werde gerade die Hälfte verurteilt.

Wie raffgierig die Täter sind zeigt das Beispiel einer 26-Jährigen, der man an einem Vormittag allein sechs Taten nachweisen konnte. Ihre Beute: rund 600 Euro Bargeld. Sie habe neben dem erbeuteten Geld gleich mehrfach an verschiedenen Bankomaten versucht, mit den gestohlenen EC-Karten die Konten ihrer arglosen Opfer zu plündern.

Auch schwanger noch aktiv gewesen

Die Frau sei auch noch im siebten Schwangerschaftsmonat kriminell äußerst aktiv gewesen, habe in verschiedenen Städten gearbeitet und sich durch verschiedene Perücken getarnt. Man habe der Frau, Mutter von drei Kindern, allein über 40 Fälle nachweisen können, habe sie anschließend auch - richterlich genehmigt - observiert. Wie hoch die Dunkelziffer sei, könne man nicht sagen.

Doch auch hier musste man die Fälle „rückabwickeln“, so schnell vollzogen sich die Taten. „Durch die gestohlenen Geldbörsen oder die am Bankautomaten abgehobenen Geldbeträge können wir auch heute noch Taten aufklären und ihr auch nachweisen“, berichtet Bornemann. Hier sei es gelungen, da man alle Verfahrensbeteiligten immer wieder sensibilisiert habe, der Frau noch im Kreißsaal ihren Haftbefehl zu verlesen.

Man habe es mit einem sehr großen Personal- und Zeitaufwand geschafft, die ansteigenden Zahlen einzudämmen. „Dazu haben wir auch die Justiz, Staatsanwälte und Richter, mit ins Boot genommen“, so Bornemann. Man habe diese vor allen Dingen auf die Gefühlslage der Opfer aufmerksam gemacht. Das habe in Dortmund dazu beigetragen, drei festgesetzte Tätergruppen mehrere Monate in Untersuchungshaft zu bringen, ehe sie dann vor Gericht wegen gewerbsmäßigem Bandendiebstahls verurteilt worden sind. Das Gericht forderte dabei von den Tätern eine besondere Entschädigung der Opfer.

Beschleunigtes Gerichtsverfahren

Als sofort wirkende Maßnahme wurde das „beschleunigte Verfahren“ wieder aktiviert, so dass ermittelte Einzeltäter schon ein paar Tage nach der Tat vor Gericht standen. Doch sei Deutschland hier noch ein Flickenteppich. Osnabrück und Köln zum Beispiel oder auch Dortmund gingen entschieden gegen Taschendiebe vor, auch die dort ansässigen Gerichte, was deutlich an den zurückgehenden Fallzahlen abzulesen sei. „In anderen Städten wird so aber leider noch nicht gehandelt“, so Uwe Bornemann.

Andreas Winkelsträter



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