Musik für die Augen
30.04.2010 | 15:50 Uhr 2010-04-30T15:50:00+0200
Kann man Musik sehen? Victoria Coeln nickt. Sie spielt das zusätzliche Instrument beim großen Klangvokal-Finale im Dortmunder Konzerthaus, sie macht Musik fürs Auge.
Dieses Konzert hat viele Spannungsbögen: Es vereint Richard Wagner und Hans Werner Henze, beide Pioniere der Moderne, zu ihrer Zeit. Der 1. Akt der „Walküre” gekoppelt mit Henzes 5. Sinfonie; die Brücke schlagen Wagners Wesendonck-Lieder, neu instrumentiert von Henze. Ein Abend der großen Stimmen, allen voran Angela Denoke, Stig Andersen. Ein Abend der großen Töne: Dortmunds Orchester „hat einen Riesen-Wagner-Klang”, sagt dessen Dirigent Jac van Steen. Ein Abend der großen Gefühle – denn aus der Musik schöpft Coeln die Inspiration fürs Bild und damit ein völlig neues Format für die Aufführung.
„Keine Angst vor Wagner”, sagt Dortmunds Generalmusikdirektor Jac van Steen – schon gar nicht in dieser szenisch-konzertanten Form. „In dieser Spannungskurve wird Wagners Musik neu zu hören sein”, malt Torsten Mosgraber (Klangvokal) ein überzeugtes Bild vom Sehnsuchts-Akt mit Siegmund und Sieglinde. Und die Regisseurin des Abends, Franziska Severin, Operndirektorin in Leipzig, führt den Pinsel weiter: „Wir schaffen eine visuelle und szenische Klammer”.
Auf der Bildebene öffnet sich eine neue Geschichte, keine 1:1-Umsetzung der musikalischen Erzählform. Keine Bebilderung also, betont Lichtkünstlerin Victoria Coeln, „sondern fast eine neue poetische Komposition mit Licht und Video”. Da, sagt sie, will sie hinkommen, wenn sie Lichträume und Schattenebenen schafft, die über Sängern und Orchester schweben. Wenn sie, weg von der reinen Interpretation, am Mischpult ebenso auf van Steens Dirigat reagiert wie die Musiker im Orchester und abstrakte Kontrapunkte schafft.
- Dezember 2008. Die Opernhäuser, Konzertsäle, Ballettkompanien und Festivals des Ruhrgebiets treffen sich zum gemeinsamen Arbeitsgespräch mit Hans Werner Henze. Nach einer langen Weile greift der Komponist zum Mikrophon. Er spricht leise, sehr langsam und dringlich: „Ich nähere mich einer geheimnisvollen Mitte. Ob das gelingt? (...) Ich höre von Ihren Planungen für 2010 und bin bis zur Unaussprechlichkeit gerührt. Meine Vorfahren kommen von hier. Mein neues Werk ist eine Gabe an meine Heimat. Im Grunde bringe ich einen Affekt musikalisch zum Ausdruck.“
- Die Weltkulturhauptstadtinszenierung, schreibt das Theater Hagen, kommt für einen symbolischen Moment zum Stillstand. Und so fragil dieser Augenblick auch ist, so spürbar zieht er seine Energie und Relevanz aus der Aufgabe, um die es geht: Um Neue Musik für eine ganze Metropole. Für die Hommage an den Komponisten und Musikdenker Hans Werner Henze hat sich die gesamte Musiklandschaft der Region zu einem Netzwerk für Neue Musik zusammengeschlossen. 35 Partner präsentieren seit Januar und bis Dezember 2010 Henzes musikalisches Werk und gesellschaftliches Handeln. Als Komponist, Festivalleiter, Förderer junger Talente und Impulsgeber gehört Henze zu den prägenden Persönlichkeiten und Pionieren der Moderne.
Keine Angst vor Wagner: Mit dem Projekt „Wagner & Henze” wollen Klangvokal und Philharmoniker nicht nur künstlerisch Hemmschwellen abbauen, sondern auch finanziell. Der Preis fürs einzigartig sinnliche Erlebnis im Dortmunder Konzerthaus ist deshalb mit 10 bis 44 Euro ganz niedrig angesetzt.
Konzert am Donnerstag, 10. Juni, 20 Uhr, Konzerthaus; Tickets 01805-570005
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