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Mitten unter uns

06.02.2010 | 12:58 Uhr

Man muss den etwa 30 Neonazis sogar dankbar sein, die sich am Donnerstagabend unter die vielleicht 140 Besucher in der Bürgerhalle des Rathauses gemischt hatten.

Sie lieferten den besten Beweis zu der Lehre, die Professor Wilhelm Heitmeyer aus seiner Studie zum Rechtsextremismus in dieser Stadt gezogen hat. Die Rechten sind kein isoliertes Phänomen. Sie sind mitten unter uns – und es gibt zu wenige, die etwas dagegen tun.

Und nicht jeder der Rechten ist fett und tumb, wie er gern in den Medien dargestellt wird. Da sitzen freundlich lächelnde Milchgesichter, die ihren Auftritt gut organisiert haben. Natürlich kann man ihre brav auswändig gelernten Redebeiträge als inhaltslose Parolen belächeln. Doch es gibt keinen Grund, sich darüber lustig zu machen, dass die Hauptdarsteller der Studie, die Autonomen Nationalisten, ein knappes Viertel der Besucher in der Bürgerhalle gestellt haben. Ein Thema, das jeden Dortmunder angehen sollte, hat am Donnerstagabend nur die üblichen Zwangsverpflichteten zusammenkommen lassen. Mitglieder aus Parteien, Gewerkschaften, Jugendorganisationen und linken Bündnissen, die quasi von Berufswegen in Dortmunds Zentrum der Demokratie sitzen. Zieht man sie und die gut 30 Neonazis ab, bleibt nur ein kümmerlicher Rest der Zivilgesellschaft, die hier die Gelegenheit gehabt hätte, Flagge zu zeigen.

Einen möglichen Grund dafür, dass sie es nicht getan hat, lieferte die Studie gleich mit. Weite Teile der Bevölkerung fühlen sich durch die lokale Politik nicht vertreten und sogar von ihr im Stich gelassen.

Einen besseren Aufruf zum Handeln an die Volksvertreter, Verwaltung und Kämpfer gegen Rechts um den Sonderbeauftragten Hartmut Anders-Hoepgen kann es nicht geben. Doch anstatt diese Kritik einfach hinzunehmen, dröhnt Sozialdezernent Siegfried Pogadl die Analyse an die Wand und erzählt ernsthaft, dass es zur Politik der demokratischen Parteien keine Alternative gebe. Die miserable Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent bei der vergangenen Kommunalwahl, scheint der aktuelle Chef der Stadtverwaltung da verdrängt zu haben. In der ehemaligen Festung der Sozialdemokratie, dem Stadtbezirk Eving, halten über 21 Prozent der Befragten die NPD für eine normale Partei und 38 Prozent fühlen sich auf Grund zahlreicher Migranten in ihrem Viertel fremd im eigenen Land.

Diese und andere Ergebnisse der Studie sowie die dürftige Beteiligung der Dortmunder Zivilgesellschaft müssen nun Signal sein, sich den Warum-Fragen zu stellen. Warum sind die Neonazis für Jugendliche attraktiv? Warum erreichen die traditionellen Parteien immer weniger Bürger? Warum existiert auch bei sogenannten Demokraten ein latenter Rechtsextremismus? Sich damit auseinanderzusetzen, wird anstrengend sein und kann schmerzhafte Resultate zu Tage fördern. Aber es muss geschehen. Denn ein Verbotsantrag der rechten Parteien oder des Nazi-Marschs zum Antikriegstag, das musste jetzt der Jugendring bei einem Besuch des Verfassungsgerichts erfahren, hat keine Chance. Die Rechten haben dazugelernt, da sie sich mit der Gesellschaft und ihren Regeln auseinandersetzen. Das muss umgekehrt auch funktionieren.

Gregor Boldt

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Schnell nachbessern
PRO
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