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"Ich war ein überzeugter Neonazi"

26.04.2007 | 16:51 Uhr

Mit elf Jahren rutschte er in den braunen Sumpf. Mit 17 hat er sich wieder rausgezogen. Heute spricht Erik (23) über seine Jugend: Sechs verlorene Jahre als Neonazi.

Es fing harmlos an: "Wir haben Musik gehört", berichtet Erik (Name geändert). Die Musik rockte, war laut und verboten. Getauscht auf dem Schulhof, zu Hause gehört. Das Politische hat ihn nicht interessiert. Aber die Musik öffnete ihm den Weg zu einer Clique. Sie wollte ihn, verunsichert und ohne Selbstbewusstsein, wie er war.

Nach und nach lernte er sie kennen. "Coole Typen". Macher, so alt wie er heute, mit Auto und Kohle. "Die haben uns Getränke ausgegeben, uns zu Partys gefahren, sich um uns gekümmert." "Uns"- das sind Jugendliche. Aus Scharnhorst, Marten, Dorstfeld oder Mengede. Da, wo aus der Sicht eines 13, 15 oder 17 Jahre alten Jungen nichts los ist, macht die Szene was los.

"Rattenfänger" nennt Erik diese Kümmerer heute. Sie seien dafür abgestellt gewesen. Sie hätten fast täglich Treffen organisiert, Grillabende, Konzertbesuche und Zeltlager. Erik passte sich an, will dazu gehören. Bald trägt er Glatze und Springerstiefel. "Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis das mein Ding war. Ich wurde zum Neonazi."

Die Szene gab ihm Selbstbewusstsein und Orientierung. "Ich bin da langsam reingerutscht. Meine eigene Meinung ging dabei unter. Ich habe ihre Meinung übernommen - im Glauben, es wäre meine", beschreibt Erik die Veränderung.

Die rechtsextreme Szene gab ihm den Platz zum Protest gegen alles. "Ich war in Vereinen. Aber über das Schwimmen kann man nicht rebellieren." Die braunen Kümmerer gaben ihm Rückmeldung. "Sie hörten zu und diskutierten mit mir - ohne erhobenen Zeigefinger." Und sie gaben ihm Bestätigung: "Wenn wir Plakate geklebt haben, gab es Lob, aber zu Hause nur Gemaule. In der Szene wirst du beachtet und ernst genommen."

Am Küchentisch gab es nur noch Krieg. Sagen ließ er sich nichts, floh zu seinen neuen "Freunden". Das Zeltlager wurde zum straff organisierten paramilitärischen Camp, das Abenteuerspiel zur Wehrsportübung - auch mit schweren Schusswaffen. "Wir waren bereit zum Kampf - auch rhetorisch", so Erik. "Gehirnwäsche" hat seine Mutter das genannt.

Schulungen fanden in Kameradschaftswohnungen im Dortmunder Norden statt. Dabei erwies sich Erik als brauchbar, wurde dann auch ins Ausland eingeladen. "Auf die Festung in Holland, so haben die das genannt. Es war eine Hinterhofschlosserei."

Rechte setzen auf soziale Themen statt faschistischer Hetze

Kaderschulung. Sie hatten wohl mehr mit ihm vor: "Lass dir doch die Haare wachsen. Und Springerstiefel brauchst du auch nicht." Er sollte nicht mehr mit dem "Fußvolk" marschieren. Gelehrt wurde die Sicht auf das Dritte Reich. Aber immer häufiger ging es um aktuelle Themen. So wie am 1. Mai in Wambel: "Mit Protest gegen Hartz IV erreichen sie vier Millionen Menschen. Mit ihren faschistischen Parolen nicht."

Dies verfolgt er heute nur noch als Außenstehender. Er ist raus aus der Szene. Den Ausstieg verdankt er mehr einem Zufall. Weil der Streit in der Familie eskaliert, kommt er als 17-Jähriger in die Psychiatrie. Drei Monate weit weg. Von der Familie, von der Szene. Seine so genannten Freunde lassen sich nicht blicken. "Zum Glück", sagt er aus heutiger Sicht. Erst nach seiner Rückkehr tauchten sie auf, standen mit 20 Leuten vor der Tür.

Mit ihnen ist er fertig. In der Psychiatrie waren nur "alternative Mädels": "Die haben mir gezeigt, dass es mehr als Faschismus gibt." Doch die Geister der Vergangenheit verfolgen ihn weiter: Wenn er ehemalige "Kameraden" sieht, wechselt Erik die Straßenseite oder das Lokal. Dennoch spricht er über seine Zeit als Neonazi. "Für mich ist das wichtig, wie eine Therapie."

Wie die Familie die Entwicklung von Erik erlebte Lokalseite 6

Von Alexander Völkel

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