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PCB-Skandal

Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt

08.10.2010 | 17:29 Uhr
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
Drei Jahre hat Dennis Bark bei Envio gearbeitet, jetzt ist er am Boden zerstört.

Dortmund.Ein früherer Leiharbeiter bei der Dortmunder Skandalfirma Envio verlor alles: Gesundheit, Familie und die Zuversicht in eine Zukunft - Nun ist er in der Psychiatrie.

Angst. Dennis Bark* hat nur noch Angst. Jeden Tag, jede Nacht. Früher steckte der 43-Jährige voller Leben. Dreieinhalb Jahre bei der Skandalfirma Envio haben ihn vergiftet – körperlich und seelisch. Seit sechs Wochen liegt in der Psychiatrie eines Dortmunder Krankenhauses. Seine Zukunft: „Welche Zukunft?“

Der Job bei Envio sollte ein Übergang sein. Bark hat Maschinenbau- und Konstruktionstechnik studiert. Als seine Tochter zur Welt kommt, bricht er ab, nach sechs Semestern. Das Diplom will er nachholen, „wenn die familiären Weichen gestellt sind“. Jetzt ist die Familie kaputt. Seine Gesundheit auch.

„Das helle Köpfchen“, wie ihn Kollegen gerufen haben – es steckt im Dunkel der Orientierungslosigkeit. „Wie in einer Nebelwand“ fühlt sich Dennis Bark. Bei Envio hat er im Nebel gestanden. Sein Arbeitsplatz: der Schredder. Staub schwängert die Luft, wenn die Anlage den Giftmüll zermahlt. Schon ein Foto, geschossen mit einer Handykamera, schlägt auf die Atemwege: Eine Feinstaubwolke umhüllt die Maschine. Höchstbelastete PCB-Trafos liegen offen herum. Die Maske, die er trägt, nützt nichts. „Der Filter war voll.“ Ersatz gibt es nicht. „Die Schichtleiter hatten keinen Schlüssel für den Materialschrank. Und die oberen Herren gaben nichts raus.“ Gefühlter Arbeitsschutz: „Gleich Null. Die Absauganlagen funktionierten nicht. Aus vielen Trafos lief PCB-Öl aus.“ Der Chef sagt: „Nimm den Lappen und wisch es weg.“

Die Nächte sind purer Horror

Weil er das Geld braucht, gehorcht der Leiharbeiter. Als erste Kopfschmerzen kommen, schluckt er Tabletten, wie andere Kollegen auch. Nach einem Jahr Envio wachsen ihm keine Haare mehr an den Beinen. Dafür übersäen dunkle Flecken die Haut. Chlorakne gilt als Anzeichen für eine PCB-Vergiftung. Schon die Arbeitstage zehren. Die Nächte sind purer Horror. Alpträume quälen den Mann. Mit Herzrasen wacht er auf. Sein Pyjama: pitschnass. Der Freundin wird es zu viel. „Ich habe schon genug Kinder. Ich brauche nicht noch eins“, sagt sie und geht.

Dennis Bark ist krank, kriegt schlecht Luft. Angst schnürt die Kehle zu – „Angst vor der Arbeit, vor dem Chemie-Gestank, der in den Kopf kriecht.“ Das Immunsystem streikt. Die Lunge ist dicht. Mit einer schweren Bronchitis liegt er im Bett, da kommt die Kündigung. Und dann dieser Befund: Er hat nicht nur 400-fach erhöhte Mengen von PCB im Blut, sondern auch das Seveso-Gift Dioxin und ultratoxische Furane. Als die Ärztin im Gesundheitsamt ihm das sagt, zittert der Mann am ganzen Leib. „Angst“, stammelt er, „ich hab’ totale Angst.“ Die Einweisung in die Psychiatrie folgt auf dem Fuße. Zu seinem Schutz.

„Versuchen Sie es anderswo“

„Die Krisenintervention war erforderlich, der stationäre Aufenthalt ist zwingend“, sagt Dr. Ralf Dirb, der behandelnde Arzt. „Psychisch sehr belastet“ sei sein Patient. „Er ist da unverschuldet reingeraten und hat ein schweres Trauma erlebt.“ Bark nimmt Seroquel, ein Psychopharmakon. Die Wirkung: „Mehr Schlaf, weniger Gehirntätigkeit“. Doch auch im Schlaf ist er nicht sicher. Neulich gerät er in den Envio-Schredder, wird zerstückelt. Seine Reste entsorgen sie in einem Plastiksack. Ein schrecklicher Alptraum. Ein Rückfall. Ein neues Medikament stellt ihn ruhig.

Seine Perspektive: „Ich habe keine. Sobald ich zurückgehe, bin ich arbeitslos.“ 48 Bewerbungen hat er geschrieben. 28 kamen sofort zurück. „Die Anderen sagten: ‚Ach, Dortmunder Hafen, Envio. Ja, wir lesen Zeitung. Versuchen Sie es anderswo.’“ Da hat sie ihn niedergestreckt – die Verzweiflung. Langsam, ganz langsam, versucht er aufzustehen. Basteln und Bewegungstherapie als Wege in die Selbstständigkeit. „Stationär ist schon einiges erreicht“, sagt der Arzt. Die nähere Zukunft: „Vielleicht eine Tagesklinik. Oder eine ambulante Weiterbehandlung.“ Was Dennis fühlt, wenn er daran denkt: „Angst.“

(* Name geändert)

Klaus Brandt

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Kommentare
18.10.2010
12:09
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von Hans Laufenberg | #24

Ich bin überrascht, dass die Mitteilung von Maus fehlt.
Hätte gerne gewusst, was Maus zu berichten hatte.

17.10.2010
22:31
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von Maus | #23

Hans Laufenberg

16.10.2010
15:59
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von vaikl | #22

@ #20 u.21

Behandeln Sie den beschriebenen Fall? Ich frage, weil Sie hier den Eindruck erwecken, Sie wüssten schon, welche Therapie für *diesen* Ex-Mitarbeiter besser ist.

Allgemeine Empfehlungen helfen den Opfern nicht, weil die toxische *Akut-Wirkung* von PCB (außer bei der oben erwähnten Chlorakne) ebenso schwer nachweisbar ist wie eine erfolgreiche Therapie.

16.10.2010
14:30
Blockierter Kommentar.
von Hans Laufenberg | #21

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

16.10.2010
14:27
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von Hans Laufenberg | #20

zu Nr. 2
Zitat: Wenn man keine Ahnung von Psychiatrie und Medikament hat, einfach mal schamvoll schweigen!
Sedierende Medikamente sind nicht schön, aber manchmal notwendig.

Hinweis:
Wenn man keine Ahnung von UMWELMEDIZIN hat, sollte man besonders schamvoll schweigen.

Bei Vergiftungen können zusätzlich verabreichte Psychopharmaka/Neuroleptika die Symptome noch verschlimmern. Dies kann z.B. zu Halluzinationen und sogar zum Suizid führen.

Der PCB verseuchte Leiharbeiter hätte nicht seitens des Gesundheitsamtes in die Psychiatrie überwiesen werden sollen, sondern zu einem kompetenten Umweltmediziner.

Bei PCB-Vergiftungen ist es - im Gegensatz zu Entgiftungen von z.B. Lösemitteln und Schwermetallen - besonders schwierig, zu entgiften.
Aber es gibt immerhin durch kompetente Umweltmediziner Hilfen und Möglichkeiten, die zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation führen können.
Kompetente Umweltmediziner sind z.B. die KURATIV“ arbeitenden Umweltmediziner (z.B. Deutscher Berufsverband der Umweltmediziner- dbu), die die Giftopfer nicht psychiatrisieren, wie dies häufig bei den Ärzten der KLINISCHEN Umweltmedizin geschieht, zu denen nach Recherchen die Universitären Einrichtungen für Umweltmedizin sowie auch die mit ihnen verbandelten Gesundheitsämter gehören.

12.10.2010
23:39
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von jetztabermal | #19

@17

„in den meisten Fällen“
„nie eine Lösung“

Vielleicht beschäftigen Sie sich mal mit Logik, bevor Sie Ihre Unkenntnis hier öffentlich machen.

12.10.2010
07:07
Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von SoIstEsNunMal | #18

Der für den Giftschlamm verantwortliche Chef aus Ungarn ist sofort verhaftet worden.
Mein Mitgefühl den Ex-Mitarbeitern von Envio! Ich hoffe, sie werden entschädigt und die Verantwortlichen bestraft.

11.10.2010
14:50
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von Christian Eberland | #17

@2: aber dennoch sind die krankenkassenkompatiblen, chemischen Agenzien zur Ruhigstellung in den meisten Fällen nur gut für die behandelnden Fachkräfte (evtl Ärzte).
Sowas ist nie eine Lösung, außer für den sparsamen Gesundheitssektor

09.10.2010
22:58
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von Nicht mehr meine Stadt | #16

Wie ist es möglich , eine solche Giftschleuder wie Envio so lange in Betrieb zu lassen , ohne ausreichend kontrolliert zu weden ?
Ich wette , die Steuerprüfer waren schon öfter da.
Jede Pommesbude wird im Jahr mehrfach kontrolliert.
Hier stinkts ganz gewaltig nach Korruotion!

09.10.2010
21:51
Envio-Opfer: Vergiftet, verstört und ausgebrannt
von vaikl | #15

@ #14

Entweder sind Sie selten naiv oder verfolgen ganz andere Ziele. Was glauben Sie, warum im Artikel keine Realnamen erwähnt werden? Fragen Sie doch einfach in der Redaktion nach.

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