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Studentenleben

Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden

15.12.2009 | 06:00 Uhr
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden

Dortmund. Bildungsstreik in Deutschland. Der Bachelor steht auf dem Prüfstand. Studierende gehen auf die Straßen; fordern Korrekturen an der Umsetzung. Doch wie lebt es sich als Bachelor-Student? Linda Weber gibt einen Einblick - sie studiert im dritten Semester Bioingenieurwesen in Dortmund.

7.00 Uhr, der Wecker klingelt. Linda hat Glück. Sie wohnt direkt an der Uni. Ein Vorlauf von einer Stunde bis zur ersten Veranstaltung genügt ihr. Die gebürtige Duisburgerin hat schnell gemerkt, dass lange Anreisewege nicht das Gelbe vom Ei sind.

»Ich brauch' das nicht, dass mir einer falsch und richtig drunter schreibt«

8.15 Uhr, die Werkstoffkunde-Übung. Der Tag beginnt mit Verschleiß. Es geht um Korrosion, also Rost. „Die Übung ist nicht ganz so voll. Es ist ein ziemlich großer Hörsaal gebucht”, erklärt Linda. Die Übungen sind zur Vertiefung des Stoffes gedacht, der in den Vorlesungen erklärt wird. Dozenten rechnen vor. Im Vorfeld laden die Studierenden sich Übungszettel aus dem Internet herunter. In der Übung werden die Aufgaben abgeglichen. Hilfreich bei besonders hartem Lernstoff. Linda: „Alle Themen sind ziemlich krass. Wir haben teilweise Durchfallquoten von über 80 Prozent. Das war aber schon immer so. Nicht erst seit dem Bachelor.”

Das Pensum ist hart, Linda schätzt ihre Studienzeit auf etwa 53 bis 60 Stunden pro Woche. Am Ende des Semesters muss sie sieben Klausuren bestehen. Fünf davon allein im Februar. Doch heute bleibt keine Zeit zu lamentieren. Linda muss in die H-Bahn.

10.15 Uhr, die Mathe-Übung. Auch hier hat Linda einen Übungszettel vorbereitet. Es gibt die Möglichkeit, die Lösungen im Vorfeld abzugeben, dann werden Fehler angestrichen. „Ich brauch das nicht, dass mir einer falsch und richtig drunter schreibt”, meint Linda. „Das sehe ich ja in der Übung.” Durcharbeiten muss sie die Unterlagen trotzdem. Sie macht das etwa eine Woche im Voraus. Es geht um Differentialgleichungen und Kurvenintegrale. Die Lerngruppe ist „relativ überschaubar. Günstigere Matheübungen sind voller, weil sie besser in die Stundenpläne passen.” Einige der Übungen sind geteilt und finden jeweils 14-tägig statt.

12.15 Uhr, noch eine Übung: Strömungsmechanik. Neue Übung, neuer Übungszettel, neues Thema: Bernoulli-Gleichung. „Der Lehrplan war schon immer so dicht. Man hört das zwar nicht so gern, aber eigentlich ist der Bachelor schon an das Vordiplom angelehnt. Aber eben ein eigenständiger Abschluss mit deulich mehr Praktika. Dadurch ist es noch straffer”, erklärt Linda. Sie wird finanziell von ihren Eltern unterstützt. Ein bisschen was verdient sie noch als Trainerin im Hochschulsport. „Ich bin aber nicht auf den Job angewiesen. Wenn meine Eltern mich nicht finanzieren könnten, hätte ich mir schon überlegt, ob ich wirklich studiere oder nicht. Andere müssen sich da mehr Gedanken machen.”

»Man hört das nicht so gern, aber der Bachelor ist schon ans Vordiplom angelehnt.«

14.15 Uhr, Englisch am Campus-Süd. Ein Pflichtfach. „Ein sehr kleiner Raum, in dem sich 30 Leute zusammen quetschen”, beschreibt Linda die Situation. „Wir lernen fachbezogen, ich finde das gut. Das Fach ist aber sehr gut zu bestehen. Viele tun sich das nicht mehr an und gehen da nicht mehr hin.” Die Mensa hat nun auch schon zu, aber da kommt Linda dienstags sowieso nicht hin. „Ich schmiere mir Brote und esse die zwischendurch, während ich herumlaufe oder mit der H-Bahn fahre.” Wer sich einmal in einen der vollbesetzten Wagen gequetscht hat, weiß, wie wenig das mit Esskultur zu tun hat.

16 Uhr, Fachschaftstreffen. In ihrer Freizeit ist Linda in der Fachschaft aktiv. „Ich bin in der Party AG, in der Evaluation, beantworte E-Mails und bin in der Arbeitsgruppe Gutachten und Bescheinigungen”, zählt die 20-Jährige auf. Heute steht Party-Planung an. Normalerweise hat Linda zwischen 17 und 18 Uhr Zeit, nach Hause zu gehen, um ihre Sportsachen zu holen. Heute schafft sie das nicht mehr.

18 Uhr, Mathe Global-Übung. Die hält, was sie verspricht. Ein neuer Übungszettel wird besprochen – global. Im Hörsaal sitzen „mehrere hundert Mann. Es können Fragen gestellt werden, aber dafür bieten sich eher die Tutorien an”, so Linda. Also kleinere Arbeitsgruppen. In ihrer Fakultät gebe es einen guten Dialog mit den Studierenden. „Die Fachschaft bewertet die Lehrstühle mit einem Sternesystem”, erklärt Linda. Eine Art interner Qualitäts-Check. Außerdem kommen an die Gegenstände, die aus Studiengebühren finanziert wurden, kleine Aufkleber. Transparenz ist den Studierenden wichtig.

»Wenn ich keine Hobbys hätte, wäre alles etwas einfacher«

20 Uhr, Sport. Wenn andere schon die Füße hochlegen, geht Linda noch zum Sport. „Ich bin nicht besonders gut im Studium”, sagt sie. „Wenn ich keine Hobbys hätte, wäre alles etwas einfacher. Dann hätte ich aber auch keine sozialen Referenzen oder Freunde mehr.”

21 Uhr, endlich zu Hause. Nach dem Sport druckt Linda sich neue Übungsblätter aus und arbeitet die Vorlesungen durch. „Eigentlich nichts wirklich Anspruchsvolles mehr”, sagt sie. Selten kommen Linda Weber Bemerkungen wie „sehr verschult” oder „dicht gepackt” über die Lippen. Sie lamentiert nicht über den Bachelor – hat auch wenig Zeit dazu. „Alle bemühen sich”, sagt sie. Und: „Eine halbe Stunde zwischen den Veranstaltungen reicht dicke.” Bescheidenheit statt Panikmache. Auch eine Möglichkeit, mit dem Bachelor umzugehen.

Anja Frenzel

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Kommentare
06.01.2010
18:00
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von meiomei | #12

Mein Arbeitstag hat 14 Stunden. Den Rest des Tages habe ich Bereitschaft, ausser im Urlaub. Das geht jetzt schon 15 Jahre so und ich bin damit glücklich. Jetzt hört endlich mal auf zu jammern, ist ja kaum mehr auszuhalten.Nebenbei erziehe ich übrigens noch 2 Kinder und habe ein tolles Hobby. Alles eine Frage der Einstellung Da jammern Leute schon herum, die noch gar nicht richtig mit dem Arbeiten angefangen haben. Was soll das denn noch geben.

06.01.2010
17:48
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von Bernd25 | #11

Finde es faszinierend, wie sehr sich einige über die Studenten aufregen wollen. Arbeiten die auch am Wochenende? Haben die einen oder mehrere Nebenjobs? Müssen die sich auch Gedanken machen, wann welche Termine liegen, damit Sie sich für Prüfungen anmelden, Gebühren entrichten und nebenbei Studieren sollen? Zahlen diejenigen auch noch Geld dafür?

Das die Wirtschaft durchaus Tätigkeiten mit sich bringt, die später 10, 12 oder 16 Stunden fordern, wissen wir alle. Das der Trend zunimmt auch, aber das als Vorbereitung zu interpretieren? Sollten alle Azubis dann jetzt auch jeden Tag 12 h arbeiten? Dann sollten diejenigen, die früher mehr Freizeit hatten jetzt dementsprechend mehr arbeiten, um den Genuss der alten Zeit denjenigen angleichen, die jetzt so viel arbeiten.

Ich kenne übrigens keinen Studenten, der nicht auch am Wochenende tätig ist. Geht jeder hier am Wochenende arbeiten?

Ich für meinen Teil sitze auch am Wochenende noch jeden Tag rund 10h, was ich übrigens sogar am 25. und 26.12. tat. Achja, Hobbies habe ich derzeit keine mehr, wozu auch, hab ja 3 Nebenjobs, die bringen auch Spannung!

17.12.2009
11:13
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von funny_stuiff | #10

Ich für meinen Teil, finde den Tag dieser netten Dame eigentlich recht angenehm. Ich studiere Meteorlogie und bin mittlerweile nicht mehr in der Regelstudienzeit, obwohl meine Arbeitseinstellung recht gut ist. Gestern sah mein Tag ungefähr so aus: 10°° Uhr Erste Übung. 14°°Uhr Uni-Schluss. Schnell etwas essen und dann noch bis 1°Uhr nachts am Schreibtisch sitzen, Übungsblätter rechnen (die sehr streng bewertet werden und als Zulassung für die Klausur gelten) und ein wenig Vorlesungen nachbereiten. Für Sport und sonstige Aktivitäten bleibt da nur wenig Zeit.
Zum Bachelor-System kann ich nur sagen, dass durch z.B. die Einführung neuer Vorlesungen, Praktika etc. die Qualität verloren geht. Es fühlt sich so an, als ob man sich wie ein Schwamm mit Wissen, Daten und Fakten vollsaugt, die in der Klausur auskotzt und danach wieder vergisst... wo bleibt hier die Zeit sich selbst weiterzuentwickeln? Kein Wunder dass man in der Praxis erst einmal überfordert ist.

16.12.2009
13:22
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von dummer Wähler | #9

Vor der Rechtschreibreform schrieb man wieviele durchaus als ein Wort. Wer aber selber die Zeichensetzung (Neben- und Relativsätze werden durch Kommata abgetrennt) nicht beherrscht und einen zweifelhaften Satzbau betreibt (nach verkneifen fehlt ein Infinitiv mit zu), sollte den Mund nicht so voll nehmen.
Möglicherweise beginnen genau hier die Probleme, aufgrund derer der Bachelor heute als größere Hürde als das vergleichbare Vordiplom empfunden wird. PISA läßt grüßen.

16.12.2009
01:34
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von Seb | #8

Ich kann es mir nicht verkneifen wie viele saudoofe Leute es gibt die nicht von der UNI kommen und wieviele zusammenschreiben.

16.12.2009
00:59
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von hamicha | #7

Ich kann es mir einfach nicht verkneifen :wieviele saudoofe ( Dipl.-) Ingenieure von der UNI kamen und glaubten sie seien die Herren der Welt. Die Praxis hat sie sehr schnell eines Besseren belehrt.

15.12.2009
20:20
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von ma29 | #6

#2Der-Ossi
Aha, sie vergleichen also das Diplom eines Kaufmannes mit dem Diplom eines Verfahrensingenieurs, dass zeigt mal wieder wie viel Ahnung sie doch haben ... . Als Ingenieur muss man noch Praktika machen (Chemie, Physik, Mikrobiologie, etc.) das kommt auch noch in die Woche rein.


#5
@ Hauro, was machen sie dann schon um 1700 am PC, etwa arbeitslos?!

15.12.2009
17:04
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von Hauro | #5

1.) Niemand wird zum Studium gezwungen.
If you can´t stand the heat, get out of the kitchen.
2.) Davon auszugehen, dass im späteren Berufsleben irgendjemand sich dafür interessiert, wieviel Stunden am Tag man für eine Sache gearbeitet hat, ist naiv. Wenn das Ziel nicht mit 10 Stunden Arbeit am Tag erreicht werden kann, arbeitet man eben 12 oder noch länger. Heulend zu protestieren ist nicht zielführend. Dann sollte man es doch lieber mit Hallenhalma versuchen.
Wann sagt mal bitte endlich jemand den Traumtänzern, wie das Leben wirklich funktioniert?

15.12.2009
15:00
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von Smartdriver | #4

Die Absolventen sollten auch lieber nicht davon ausgehen,dassich das nochmal ändert im Leben.
Wer einen der wenigen Jobs mit Verantwortung und guter Dotierung erlangt hat, der wird feststellen,das es auch Arbeitstage mit deutlich mehr als 10 Stunden gibt.
Die Wirtschaftswunder Zeiten sind nähmlich lange vorbei, willkommen im globalen Markt.

Smartdriver/ tech. Betriebswirt

15.12.2009
14:50
Ein Tag von Bachelor-Studenten dauert zehn Stunden
von DaDe | #3

Ich selbst studiere auf Bachelor und habe wesentlich mehr, ich gehe im Durchschnitt um 8.00h aus dem Haus und komme bis auf einen Tag nicht vor 22h wieder nache hause, da ich auch arbeiten muss, sonst könnte ich mir das Studium nicht leisten.
Für ehrenamtliche Tätigkeiten bleibt da leider kein Platz mehr, auch wenn ich es gerne wollte
Was die meisten Leute anscheinend irgendwie verwechseln, hier geht es ums studieren, nichts ums reine pauken....

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