Die Schriftstellerodyssee
21.03.2012 | 18:29 Uhr 2012-03-21T18:29:00+0100
Ein Buch, könnte man meinen, entsteht im Kopf des Schriftstellers. Derhank allerdings hat die Vielstimmigkeit gesucht: Mit 50 weiteren Autoren feilte er an einem Kettenroman – mit dem epochalen Titel „Spiekeroogyssee“.
Ein Buch, könnte man meinen, entsteht erst im Kopf des Schriftstellers und dann einsam an seinem Schreibtisch. Derhank allerdings hat die Vielstimmigkeit gesucht: Mit 50 weiteren Autoren feilte er über drei Jahre auf einer Internetplattform an einem Kettenroman – mit dem epochalen Titel „Spiekeroogyssee“.
Kurzurlaube dienen oft der Entspannung. Der Mann, dessen Künstlername „Derhank“ ist, hat bei einem solchen Kurztrip allerdings die Idee zu einem Projekt entwickelt, das ihn drei Jahre lang „wahnsinnig viel Arbeit“ kostete: Auf Spiekeroog, vielleicht bei einem Spaziergang am Wasser, befand er, dass es Zeit sei für einen Roman über die Insel – und einen Roman von mehreren Autoren.
Reine Neugierde
„Das war reine Neugierde. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals veröffentliche“, sagt Derhank, diesmal am Wasser des Phoenix-Sees, mit dem gerade erschienenen Buch in der Hand.
Viel Organisation liegt zwischen der Idee und dem Buch: Derhank hat zunächst andere Autoren gesucht, erst in seiner Dortmunder Schreibgruppe, dann bei Lesungen – bis sich das Projekt auch bei völlig Fremden in ganz Deutschland herumsprach. 30 der 50 Autoren kennt er, den anderen ist er nie im Leben begegnet. Und doch hat er mit ihnen ein Buch geschrieben.
Isoliert von der Außenwelt
Den Ort, die Ausgangslage und die Hauptfiguren hat Derhank vorgegeben: Sven und Lara, zwei Jugendliche, machen Ferien auf Spiekeroog – als plötzlich, über Nacht, die Insel völlig isoliert ist von der Außenwelt, allein im Ozean.
Immer sonntagabends hat Derhank erfahren, wie es mit seinen Figuren weitergeht: Eine Woche hatte jeder Autor Zeit, um ihm die nächsten zwei Seiten zu schicken – zunächst per Mail, dann auf einer Internetplattform. Eine Kette der Worte, der Ideen, der Kreativität. „Zwischendurch habe ich schon die Krise bekommen, als sich die beiden plötzlich im All wiederfanden“, erzählt Derhank.
Eigentlich aber ist er entspannt mit der Vielstimmigkeit umgegangen: Nur, wenn die Geschichte zu sehr abdriftete oder der Stil allzu krude wurde, hat er stärkere Eingriffe vorgenommen. „Aber man kann immer noch erkennen, dass es verschiedene Autoren sind.“ Ein halbes Jahr hat Der-hank für das Lektorat gebraucht, hat Formulierungen glattgebügelt oder Figuren zusammengefasst – mehr als einen verrückten Kapitän braucht kein Roman.
Derhank hat außerdem dafür gesorgt, dass die „Spiekeroogyssee“ auch ihren Namen verdient: Auf der Insel hat er die Straßen fotografiert, um Sven und Lara nicht nur irgendwo umherlaufen zu lassen, hat mit der Fährgesellschaft gesprochen und den Bürgermeister ausgefragt, was im Katastrophenfall wirklich geschehen würde.
Soviel Freundlichkeit hat Derhank übrigens belohnt: Da die anderen Autoren einen machtbesessenen, tyrannischen Bürgermeister erfunden hatten, lässt Derhank den echten am Anfang mysteriös verschwinden. Verwechslung ausgeschlossen – schließlich will Derhank auch weiterhin auf Spiekeroog urlauben dürfen.
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