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Kunstprojekt

"2 - 3 Straßen" - Nebenan wohnt die Kulturhauptstadt

21.01.2010 | 11:21 Uhr
"2 - 3 Straßen" - Nebenan wohnt die Kulturhauptstadt

Der Nachbar hatte hinter der Gardine gelauert. Neugierig. Als Blicke und Kameras in seine Richtung schwenkten, tauchte er ab in seine Privatspähre. Die Wohnung drüber, die ist als Kontrast so etwas wie ein öffentlicher Raum. Einer, von dem Impulse ausgehen sollen. Nebenan wohnt die Kulturhauptstadt.

Gestern am Dortmunder Borsigplatz, Herzstück einer Stadt, die mit Bier, Stahl, Kohle groß geworden ist, damals Wohnquartier der Malocher: Großer Bahnhof für die Kunst.

»Kann man die Kunst hier frei lassen?«

„Kunst, die hier scheinbar noch immer in den Kleidern hängen bleibt”, sagt Jochen Gerz. „Sie zirkuliert nicht. Man hat das Gefühl, die Menschen haben emotional noch die Kohle in der Tasche”. Er kann nicht das Geld meinen – die Gegend hier zeigt ihr ungeschminktes Gesicht. Eines, in das das Leben durchaus Furchen gegraben hat. Das macht es umso interessanter, dieses Experiment. Mit seiner Aktion „2-3 Straßen”, einem der größten Projekte im Rahmen der Kulturhauptstadt, will Gerz das Kreative anstoßen. Und fragt sich selbst: „Kann man die Kunst frei lassen?” Hinein in diese Wohnblocks, aus denen Kunstquartiere werden sollen?

Eins ist sicher: „Wir sind nicht auf Zuschauer aus.” Sondern auf Menschen, die mitmachen. Dazu gehört auch der Nachbar hinter der Gardine. Eine Form der Kunst wäre es, die Tür zu seiner Wohnung und seinen Gedanken zu öffnen. „Das geht”, begegnet Gerz der Kritik, nicht holperfrei. Den Platz am Fenster aufzugeben für einen mittendrin?

Dazu sind die neuen Mieter der Schlüssel: Sie kommen aus aller Welt, sind zwischen 19 und 68 Jahre alt. 78 von ihnen ziehen in Duisburg, Mülheim, Dortmund in 57 Wohnungen in eben 2-3 Straßen. Leben hier, ein Kulturhauptstadtjahr lang, mietfrei. Ziehen dorthin, wo andere „wech” wollen. Dafür schreiben sie. Einfach drauf los: „Der halbe Stadtteil wechsaniert, die halbe Bevölkerung wechgezogen, wechgestorben. Außer dem Müll schreiben sie nur noch das DER groß. Vor Arbeiterstadtteil...” Oder der 65-Jährige, der sinniert: „Altern ist weder lustig noch schmerzfrei. (...) Trotzdem: Es hat etwas Befreiendes”.

Info
Buch zum Abschluss
  • Ein Jahr, drei Straßen in Mülheim, Duisburg, Dortmund, 57 sanierte Wohnungen, 78 (und mehr) Autoren: Jochen Gerz „2-3 Straßen”.
  • Angestoßen wird ein sozialer Prozess: Ziel ist die Veränderung der Straßen durch das gemeinsame Erlebnis der Autorenschaft.
  • Die Texte fügen sich - unsichtbar - zusammen. Nach je acht Minuten verschwindet alles Geschriebene, ist nicht mehr korrigierbar. Der Text bleibt unbekannt bis 2011. Da soll er als Buch veröffentlicht werden.

So befreiend wie der Umzug für ein Jahr, die Kunst auf Probe. Es sind Menschen wie Du und ich, die zum Steinchen im menschlichen Kulturmosaik werden wollen. André aus Nordhorn gibt zu: „Ich bin bekennender Kunstbanause. Ich war zweimal bei Michael Jackson und einmal bei Falco.” - Aber fasziniert von der 2010-Idee. „Es war Zeit für einen neuen Schritt”, sagt Janni aus Venlo. Sie sind zwei von vielen Multiplikatoren, die im Pott rühren – und ihn auch anderen schmackhaft machen könnten. Ein „Umdenken in den Köpfen”, erhofft sich Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (Staatssekretär Kultur). Ein „anderes Format”, erkennt Karl-Heinz Petzinka (Künstlerischer Direktor Ruhr 2010). „Es ist reif”, ist Jochen Gerz überzeugt. Die Zeit, die Menschen, die Gesellschaft. Für die brodelnde Mixtur aus Kulturen und Erzählungen. Für ein kreatives, kommunikatives Umfeld, in der sich Menschen nicht über Klingelknöpfe definieren.

Mehr: Westfalen/Videos im Netz

Anja Schröder

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