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Adieu, Grunewald!

21.06.2012 | 18:15 Uhr
Adieu, Grunewald!
Das Traditionslokal Grunewald: Für seinen selbst gebackenen Butterstuten war das Haus weithin bekannt. Foto: privat

Süd.   Das traditionsreiche Gasthaus an der Markstraße muss Platz schaffen für den Discounter nebenan – und wird abgerissen. Karl-Heinz Sonneborn erinnert sich an die Zeit, als seine Eltern das Lokal führten. Rund ein Dutzend Kellner sorgten einmal fürs Wohl der Gäste.

Es schmerzt, wenn ein traditionsreiches Lokal schließen muss. Meist sind nur die unmittelbaren Nachbarn betroffen. Das Aus für das Restaurant „Zum Grunewald“ an der Markstraße 139 tut aber auch vielen Studenten weh, die hier viele Jahre lang, ganz nahe an ihrem studentischen Wohnort, eine Art „gastronomische Heimat“ gefunden hatten.

Das Haus soll abgerissen werden, weil der an dieser Stelle ansässige Discounter sich mit einem Neubau vergrößern will. Einen schmerzt dieses „Aus“ noch viel mehr als alle anderen: „Meine Eltern“, so erinnert sich Karl-Heinz Sonneborn, heute Ehrenvorsitzender des Deutschen Billard-Rekordmeisters DBC Bochum, „haben dort als Inhaber des Restaurants und des Lebensmittelladens hart gearbeitet.“

Das Ausflugslokal „Zum Grunewald“ hatte das Ehepaar Erna und Heinrich Sonneborn 1932 angepachtet. Im rechten Teil des Hauses gab es damals noch ein Lebensmittelgeschäft, das ab 1952 in zweiter Generation von Karl-Heinz Sonneborn geführt wurde.

Er könne sich gut erinnern, wie oft er als Kind in der Verbindungstür zwischen Lokal und Lebensmittelgeschäft gestanden habe und um die Aufmerksamkeit der Eltern bettelte. „Aber zuerst kam für sie immer die Arbeit, dann erst die Kinder.“ Die Kleinen waren im Übrigen schon sehr früh in die Arbeitsabläufe der Eltern mit eingebunden. Karl-Heinz (damals sechs Jahre alt) und seine Schwester Helga (12) mussten schon bevor sie in die Schule gingen alles saubermachen und die Böden blitzeblank bohnern.

Sehnsuchtsvoller Blick in den angrenzenden Wald

„Kinderarbeit ist ja heute verboten“, lacht Sonneborn. „Das hat aber damals keinen interessiert.“ Die Kinder mussten für den Winter auch das Holz in den Keller werfen und dort stapeln. Da fiel oft mancher sehnsuchtsvolle Blick in den direkt angrenzenden Wald des Restaurants: Dort drehte sich ein Kettenkarussell, und die Kinder jubelten, wenn sie auf die Schiffschaukel durften.

Auf der großen Veranda saßen oft die Gäste mit ihren Getränken – meist Bauern aus der Umgebung – und schauten dem bunten Treiben im Garten des Ausflugslokals zu. „Der Verkaufsschlager war damals der hausgebackene Bauernstuten aus dem Steinofen“, erinnert sich Sonneborn. „Der wurde mit Butter serviert. Und dafür war das Lokal weithin bekannt.“

Der große Saal der Gastronomie fasste nicht weniger als 300 Gäste, „und die Stammgäste“, erinnert sich Karl-Heinz Sonneborn, „waren eine richtig verschworene Gemeinschaft.“ Nicht weniger als ein Dutzend exzellent gekleideter Kellner sorgte für das Wohl der Gäste.

Von der Wehrmacht beschlagnahmt und besetzt

Man feierte Winzer- und Weinfeste: „Die Decke des Saals war dann immer üppig mit Weinlaub dekoriert.“ Diese Dekoration wurde stets am Boden hergerichtet und dann mit einem Seilzug hinaufgezogen zur hohen Decke des Saals. „Einmal ist die ganze Dekoration heruntergekommen“ erinnert sich Sonneborn lachend.“ Er sei gleich losgerannt, um die Kellner zu holen, die die schwere Konstruktion wieder nach oben hievten.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Saal, welcher der Firma Aldi jetzt zu klein ist, von der Wehrmacht beschlagnahmt und besetzt. Das hat auch den Hasselbergs, den damaligen Besitzern des Gasthauses, nicht gefallen. Heinz Hasselberg war mehrfacher Deutscher Radsportmeister. Sonneborn kann sich gut daran erinnern, dass der Sprinter vom späteren Weltmeister Walter Lohmann oft am Grunewald abgeholt wurde. „Die beiden fuhren immer die Markstraße rauf und runter“, erzählt er. „Da gab es ja kaum einmal ein Auto.“

Mit 19 Jahren übernahm er das elterliche Geschäft

Heinrich Sonneborn starb 1943 im Krieg. Da war der Familienvater 39 Jahre jung. Die junge Witwe Erna war zu diesem Zeitpunkt gerade 37 und musste sehen, wie sie ihre Kinder „durchbrachte“.

Karl-Heinz Sonneborn übernahm schon mit 19 Jahren das elterliche Geschäft, das er dann rund 30 Jahre lang führte. Eine Filiale an der Markstraße 339 und eine in Witten markierte die maximale Expansion des Steinkuhlers, der trotz aller Anstrengung immer noch Zeit fand für den geliebten Billardsport.

Eberhard Franken

Kommentare
13.09.2012
18:04
Adieu, Grunewald!
von friedo48 | #3

Warum so ein Buhai um den Grunewald gemacht wird ist unverständlich.
Die Gastronomie ist schlichtweg eine Katastrophe,die Bausubstans marode
und eine...
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6793418
Adieu, Grunewald!
Adieu, Grunewald!
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http://www.derwesten.de/wr/staedte/bochum/sued/adieu-grunewald-id6793418.html
2012-06-21 18:15
Süd