Wenn aus Maxime der Wikinger Ragnar wird
01.02.2010 | 05:00 Uhr 2010-02-01T05:00:00+0100
Arnsberg. Eine halbe Stunde dauert es, dann sitzt alles vom silbrig glänzenden Helm bis zu den braunen Lederschuhen perfekt: Aus Maxime Guns wird Ragnar, der kämpferische Wikinger. Für den 48-jährigen Arnsberger hat die Verkleidung nichts mit Karneval zu tun, sie ist eine Lebenseinstellung.
In der Saison von April bis November ist Maxime Guns jedes zweite Wochenende auf mittelalterlichen Märkten oder in Mittelalter-Lagern zu finden. Seit 30 Jahren lebt der Belgier, der aus Brüssel stammt, in Arnsberg. Als Berufssoldat kam er ins Sauerland, arbeitete als Schreiner in Oeventrop. Heute ist er als Oberbote in Arnsberg.
Sein langer Bart, den er mit schwarzen Haargummis an mehreren Stellen zusammengebunden hat, ist das Markenzeichen des fünffachen Vaters. Vor 15 Jahren besuchte er zum ersten Mal Mittelaltermärkte. Das Interesse wuchs: „Dann kauft man mal hier ein Hemd, da eine Hose, immer ein bisschen mehr Ausrüstung.”
Rollenwechsel macht ihm Spaß
Seit vier Jahren schlüpft Maxime Guns regelmäßig in die Rolle von Ragnar. Auf dem Schlossberg in Arnsberg war Premiere. Weil es keine Wikinger im Arnsberg des 13. Jahrhunderts gab, verdingte er sich als Söldner bei Ritter Johannes von Esleben - der wohnt übrigens im richtigen Leben wie ein weiterer Ritter in seiner Nachbarschaft.
Seinen Wikingernamen hat er aus nostalgischen Gründen gewählt: „Als Kind habe ich ein Buch gelesen über Ragnar den Wikinger.” Der Reiz am Mittelalterlichen? „Ich versuche, das so zu erleben, wie die Leute das damals erlebt haben. Ohne die Technologie heute, mit den Materialien, die sie damals benutzt haben”, erklärt er. Ein Handy hat er trotzdem - mit einem krähenden Hahn als Klingelton: „Das stört auf dem Markt nicht”, lacht er.
Ins Lagerleben taucht er gern ein - etwa beim großen Treffen im hessischen Freienfels, wo sich bis zu 3 000 Mittelalter-Fans zum neuntägigen Lager einfinden. Auch beim Schlafen im Zelt hat er's lieber warm als stilecht: „Ich benutze meinen Militärschlafsack und lege ein paar Felle drüber.” Abends mit den Freunden am Lagerfeuer zu sitzen, ein wärmendes Fell um die Schultern - das ist das Größte für den Arnsberger: „Das ist herrlich. Da wird getanzt, Met getrunken. Das ist Urlaub für uns.”
Urlaub wird geopfert
Für die Wikinger-Ausflüge opfert Maxime Guns seinen gesamten Urlaub: „Es gibt immer was irgendwo.” Ideen sind bei der Ausstattung gefragt: „Man kann alle Klamotten kaufen”, sagt Maxime Guns, „aber das ist teuer.” Also versuche er, möglichst viel selbst zu machen - oder im Internet-Auktionshaus zu ergattern. So locker sehen das nicht alle: „Es gibt die A-Fraktion, das sind die Authentischen. Wir nennen uns AA - annähernd authentisch. Ganz authentisch kann man nicht sein, das geht gar nicht”, schmunzelt er.
Seine Leidenschaft gilt dem Schwertkampf. „Ich bin immer Kämpfer gewesen”, sagt er mit Blick auf seinen früheren Beruf als Soldat. Bei seinen Kämpfen auf dem Mittelaltermarkt ist allerdings alles nur Schau: „Die meisten Schläge sind abgestimmt.” Leicht verletzt hat er sich trotzdem beim Schlagabtausch mit Schwert und Axt schon mal - trotz der schweren Wikinger-Schutzkleidung.
Auch wenn's nur um Schaukämpfe geht, fit sein müsse man, betont der 48-Jährige. Trainiert wird möglichst am Wochenende auf dem Arnsberger Schlossberg für zwei bis drei Stunden. Natürlich im Verein - der Gräflichen Allianz Arnsberg Mark, der Maxime Guns seit drei Jahren angehört. Vom Training geht er oft in voller Rüstung heim: „Da gucken die Leute. Aber ich muss die Sachen sowieso transportieren - da kann ich sie auch gleich anziehen.”
Positive Reaktionen
Die Reaktionen im Umfeld sind positiv: „Die meisten Leute sind begeistert.” Dass Mancher ihn belächelt, stört Ragnar den Wikinger nicht. „Riesig Spaß” macht es ihm, Kindern das Mittelalter nahezubringen - etwa in Schulen oder in den Sommerferien 2008 in der Kinderstadt in Arnsberg: „Es gibt nichts Schöneres”, strahlt der 48-Jährige.
Nicht jeder sei „so extrem” wie er, gibt er zu. „Für mich persönlich spielen auch die Götter aus dem Mittelalter eine Rolle”, betont Maxime Guns. Naturreligionen haben es ihm angetan: „Man versucht, so gut wie möglich in Einklang mit der Natur zu sein”, sagt er. Ein Leben ohne sein Wikinger-Ich kann sich der 48-Jährige nicht vorstellen. „Mir ist sogar schon mal der Gedanke gekommen, mich in der Rüstung beerdigen zu lassen”, sagt er.

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