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Wie weit kann man gehen?

29.06.2012 | 15:33 Uhr
Wie weit kann man gehen?
Der Oberhausener Hardy Lech im Ziel beim Zugspitz-Ultralauf.

Hardy Lech nimmt am Swiss Irontrail teil: 202 Kilometer durch das Schweizer Hochgebirge.

Im Vorjahr quälte sich der Oberhausener Hardy Lech über die 101 Kilometer und 6000 Höhenmeter des Zugspitz-Ultralaufs. Es geht noch höher, weiter und extremer. Nun läuft der 57-Jährige den Swiss Irontrail. Der erstmals ausgerichtete Extremlauf beansprucht, das weltweit längste und höchst gelegene Ein-Etappen-Rennen zu sein. Der Lauf führt vom 6. bis 8. Juli über 200 Kilometer durch das Schweizer Hochgebirge. Lech, im Beruf Organisations- und Motivationstrainer sieht die Herausforderung so: „Wie esse ich einen Elefanten? – in kleinen Stücken!“

Er liebt die Berge, das große Naturereignis und das Gefühl während und nach Bestehen dieser ex-tremen Anforderung: „Danach spüre ich immer eine hohe innere Zufriedenheit.“ Was auf die Endorphinausschüttung zurück zu führen ist. Denn die 202,2 Kilometer werden vom Veranstalter mit 56 Stunden angesetzt, was drei Nächte ohne Schlaf bedeutet. Lech: „Zwei Nächte ohne kenne ich bereits.“ Er plant, dösend durchzukommen, will Pausen in einer Station vermeiden. „Da steht man nicht mehr auf.“

Kleine Schritte

Eine Strategie, wie diese langen Stunden zu bewältigen sind, kann es nicht geben: „Es passiert immer etwas, das alles durcheinander bringt. Ich plane nur kleine Schritte.“ Bei einem seiner ersten Berg-Extremläufe kostete ihn eine Kuhherde viele Stunden. Die Tiere waren bei einem Gewitter auf 3000 Meter Höhe der Panik nahe. „Sie ließen mich nicht durch das Gatter. Ich dachte nur: Mama, hol mich hier raus.“ Einige Mitläufer trieben die Tiere mit ihren Laufstöcken auseinander, aber Stunden später. Seitdem hat Lech Stöcke.

Und 1,5 Liter Flüssigkeit, Rettungsdecke, Trillerpfeife, Stirnlampe, Verpflegung, Ersatzkleidung, Regenüberzüge und ein GPS-Ortungsgerät. Das schreiben die Veranstalter vor.. Ein ärztliches Attest wird (anders als bei Veranstaltungen in Deutschland) nicht gefordert. Die Schweizer setzen auf Eigenverantwortung. Natürlich stellt sich auch Lech die Frage, wann man noch wissen kann, dass es besser ist, aufzuhören. „Nach 50, 60 Kilometern, das ist die Distanz meiner Trainingsläufe, sagt der Körper: Aufhören! Dann muss der Kopf ran, Bilder schaffen. Ich nenne das monoton-meditativ laufen.“ Bei den nächsten Stufen der Erschöpfung halfen ihm bei vorherigen Läufen Gespräche mit Wegbegleitern. „Oder der Gedanke an Schokolade an der nächsten Verpflegungsstation.“

Seine Umgebung, Lebenspartnerin und Tochter, stellen immer die Sinnfrage. Lech: „Einmal habe ich einen Extrem-Radfahrer getroffen, der hat das verstanden. Lech will seine Grenzen neu austesten. Wissen, wie weit man im wahrsten Sinne des Wortes gehen kann. „Das erdet mich und gibt mir Kraft“, argumentiert er wie geistesverwandte Extrem-Bergsteiger. Und es geht auch um das Gefühl, in Würde mit sich allein zu sein, wie der Schriftsteller John Steinbeck über einsames Erleben großer Natur schrieb.

Blutige Zehen

406 Läufer aus der ganzen Welt wollten das zunächst auch haben. „Die Teilnehmerliste schrumpft aber gerade“, sagt Lech. Mit 201,1 Kilometern Länge und nahezu 11 000 Höhen- und höchst gemeinen 12 700 Gefällemetern stellt der Irontrail alle anderen Strapazen in den Schatten. Startort ist Pontresina, Ziel ist Chur. Dazwischen liegen Krämpfe, blutige Zehen trotz Komplettverpflasterung, mehrere Gletscher, viel Schnee, viel Wasser und wahrscheinlich Gewitter – das alles auf Höhen zwischen 2500 und 3000 Metern. Beim bisher härtesten Lauf, dem Montblanc-Ultra-Trail mit 166 Kilometern, liegt die Ausfallquote bei bis zu 80 Prozent. Lech geht davon aus, dass er durchkommt. „Natürlich ist immer offen, ob man abbrechen muss. Natur ist unberechenbar. Ich gehe aber bewusst in diese Bereiche rein.“

40 Jahre spielte er bei Adler Osterfeld Fußball auf Asche und behielt überraschend heile Knie. Dann nahm ihn ein Bekannter zu einem City-Marathon mit. Den lief er und fragte sich: War’s das? Für ihn nicht, drei Wochen später startete er bei einem Bergmarathon im Fichtelgebirge. Da wusste er, dass er seine Herausforderung gefunden hatte. Seitdem ist er im Rennen, geht, klettert, kriecht, humpelt oder trabt durch Europas Berge. „Es ist wie im Fußball, man will immer ein Tor mehr.“ Oder kleine Schritte gehen und am Ende das große Ganze schaffen: „Ich habe schon das Bild im Kopf, wie ich im Ziel Weißbier trinke und mit den Weggefährten quatsche.“

Peter Voss



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