Letztes Fünkchen Hoffnung glimmt noch
07.03.2010 | 20:10 Uhr 2010-03-07T20:10:00+0100
Irgendwie war die Situation irreal. Da spielte und zauberte eine Mannschaft, die bislang zwei kümmerliche Siege (29:25 und 29:28) zustande gebracht hatte, trat souverän auf wie ein Topteam und manchmal sogar brillant.
Die Abwehr stand ausgezeichnet (zehn Gegentore bis zur Halbzeit!), die Torfrau hielt, was zu halten war und eine ganze Menge mehr, der Angriff zauberte teilweise wie aus dem Lehrbuch und „Daggi (Anm.: Kowalska) verbreitete sogar einen Hauch von Weltklasse”, wie Gustl Wilke anmerkte. Folgerichtig gewannen die Damen des BVB gegen den weit höher eingeschätzten FHC Frankfurt/Oder mit 32:24 (13:10), der zuletzt noch den Meister HC Leipzig an den Rand einer Niederlage gebracht hatte (29:31).
Beide Trainer waren zunächst fassungs- und sprachlos. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und doch brachten sie genau auf den Punkt, was sie über 60 Minuten gesehen hatten. „Mir fehlen die Worte zu unserem Auftritt. Der BVB hat uns mit seinem leidenschaftlichen Kampf, aber auch mit seiner starken spielerischen Leistung überrascht”, fasste Dietmar Schmidt (FHC) zusammen, „so spielt eigentlich kein Absteiger.” Stimmt: eigentlich...
„Mir fehlen ebenfalls die Worte, wenn ich auf die Anzeigetafel schaue", entgegnete Gustl Wilke. „Was meine Mannschaft heute gezeigt hat, war - angesichts unserer Situation - beinah sensationell zu nennen.” Was er nicht sagte: er hatte sie bis ins kleinste Detail auf den Gegner vorbereitet. Und so feierten die Spielerinnen, die in dieser Saison noch nicht allzuviel zu jubeln hatten, bei volkstümlicher Polkamusik. Und ließen sich feiern.
Zuzana Porvaznikova gab Bundesligatorschützenkönigin Franziska Mietzner (151) kaum Raum und Zeit, um zu ihren gefürchteten Sprungwürfen anzusetzen, Gesine Paulus' Rückkehr stabilisierte die gesamte, offensiv ausgerichtete Abwehr, im Tor stellte die phantastisch haltende Inge Roelofs mit 23 Paraden einen BVB-Saisonrekord auf. Und vorne brannte die Borussia ein Feuerwerk ab wie schon seit langem nicht mehr. Dagmara Kowalska schoss dabei mit zehn Toren (bei zwölf Versuchen) und fünf „Assists” den Vogel ab, aber auch Zuzana Porvaznikova wirkte beweglich und im Abschluss konzentriert wie selten. Julia Kunze, die in der Vorwoche reaktivierte Nicola Scholl und Stella Kramer trafen von außen neunmal, wobei Kunze mit Kunstwürfen glänzte. Kramer hatte viele hervorragende Aktionen und Zug zum Tor, ging mit ihren Chancen im Abschluss aber noch zu fahrlässig um. Zum Schluss, als Frankfurt mit offener Deckung alles riskierte, kam auch noch Tessa Cocx auf eine angemessene Torquote. Sie war lange Zeit zugestellt. Fiel aber nicht weiter ins Gewicht, weil der Rückraum zum Tanz bat und Dagmara Kowalska und Zuzana Porvaznikova ihre Gegenspielerinnen auswackelten als seien sie aus Pappmaschee´.
Dem hatte der FHC im Angriff nur eine Friederike Gubernatis (8) und ab und an Susann Schneider (4) entgegenzusetzen, während die Nationalspielerinnen Mietzner (6/4, Christine Beier (4) und Mandy Hering (2) frustriert den Platz verließen.
Dabei müsste der Frust beim BVB größer sein. „Soll ich mich nun über dieses tolle Spiel freuen - oder mich ärgern, dass meine Mannschaft nicht häufiger so gut gespielt hat?" fragte Trainer Gustl Wilke und erwartete gar keine Antwort. Denn die Abstiegsgefahr ist immer noch ungleich höher als die Rettung.
BVB: Roelofs, Roch, Trodler; Kowalska (10/1), Köhler (1/1), Paulus (2), Schäfer, Porvaznikova (7/2), Kramer (4), Busch, Cocx (3), Kunze (4), Scholl (1).
INFO:
Richtig gut eingelebt haben sich Dagmara Kowalska und ihre Familie in Dortmund. Sie spiele zwar lieber in der ersten, sei aber auch bereit für den BVB in der zweiten Liga anzutreten und beim Neuaufbau zu helfen: „Ganz abgesehen davon, dass es mit bei der Borussia und in Dortmund sehr, sehr gut gefällt, bin ich es auch leid, ständig umzuziehen.” Die 33-Jährige, die 105 Länderspiele für Polen absolvierte, würde ihre Karriere gerne in Dortmund ausklingen lassen.
Die Vierte der Bundesligatorschützenliste (133 Treffer) soll mit Zuzana Porvaznikova, die ebenfalls in Dortmund heimisch geworden ist und eine Stelle als Lehrerin angetreten hat, der enorm verbesserten Julia Kunze und Steffi Glathe das Gerüst für den „neuen BVB” bilden.
Im Tor hält nach den letzten Leistungen Inge Roelofs die besten Karten in der Hand. Seit Jörg Fähmel regelmäßig neben Tanja Missner, die aber beruflich nur am Montag abkömmlich ist, an drei weiteren Tagen mit den Torhüterinnen arbeitet, sind die Leistungen besser und stabiler geworden. Isabell Roch hatte ihren großen Auftritt gegen Bayer Leverkusen, Inge Roelofs zeigt seit Wochen konstante Form (gegen Trier, in Sindelfingen, gegen Frankfurt).
Alle anderen stehen - mehr oder weniger - auf dem Prüfstand, „nach dem Preis-/Leistungsverhältnis” (Andreas Heiermann). Die Gespräche laufen derzeit, erste Ergebnisse sollen nach dem Spiel gegen Leipzig bekannt gegeben werden. Ein starkes Gerüst soll's geben, darum herum viele Talente. Oder müssen sie doch für die erste Liga planen? Trotz des Sieges immer noch höchst unwahrscheinlich. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
INFO 2:
Dem Druck, vom ersten Spieltag an der Musik hinterher zu laufen, war der auf die erste Liga völlig unvorbereitete Lückenbüßer BVB, der erst im Juni den freigewordenen Platz der Rhein-Main-Bienen übernahm, offensichtlich nicht gewachsen.
Jedesmal, wenn Hoffnung aufkam, versagten die Borussinnen. Und erst jetzt, da die Würfel gegen sie gefallen zu sein scheinen, spielen sie locker auf. Es gehört zu den wichtigen Qualitäten im Leistungssport, Druck aushalten zu können. Es gibt Teams, die ihn genießen...
Mittwoch geht es gegen den HC Leipzig (19.30 Uhr), am 27. März muss der BVB nach Celle, ehe der Thüringer SV am 10. April nach Dortmund kommt. Die letzten drei Chancen für die Borussinnen zu zeigen, dass auch sie mit Druck fertig werden.
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