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"Der Weihnachtspreis - das war kein normales Radrennen"

26.12.2009 | 10:04 Uhr
"Der Weihnachtspreis - das war kein normales Radrennen"

Dortmund. Weihnachten ohne Weihnachtspreis? Für einen Radsportfan ebenso undenkbar wie für einen Radsportler. Seit 1925 wurde am 26. Dezember hinter Steher-Maschinen gefahren, unterbrochen nur durch die Kriegsjahre. Anfang September kam das Aus für die älteste Veranstaltung in der Westfalenhalle.

Einer, der seit 1998 Weihnachten in der Westfalenhalle feierte, war Andreas Beikirch. Der Lokalmatador schaut trotz aller Professionalität mit einer dicken Portion Wehmut zurück auf eine Zeit, die unwiderruflich vorbei sein dürfte.

Erschöpft nach dem Steherrennen über 40 km: Andreas Beikirch 2004. Foto Bodo Goeke

 Rückblick Heiligabend 2008: Es ist lausig kalt in der Westfalenhalle, in der Handwerker zimmern und malen, Logen aufstellen die haushohe Tanne aus dem Sauerland aufrichten. Und mitten drin einige dick eingemummte Radsportler, die auf der Bahn ihre Runden drehen. Erik Zabel ist da, Andreas Beikirch natürlich auch, der hinter einer Steher-Maschinen trainiert. Diese Motorräder stammen aus der Schweiz, wurden in den 1920er-Jahren gebaut und gehören seitdem zu Dortmund wie Bier und Stahl. Selbst die Schrittmacher auf diesen fünf Zentner schweren Stahlkolossen wirken ähnlich museal wie ihr Arbeitsgerät.

Zwei Tage später verpasste Beikirch seinen sechsten Sieg in Dortmund nur knapp. Damit wäre er der erfolgreichste Steher seit 1925 geworden. Chance vertan, er wurde Zweiter. „Wenn ich vorher gewusst hätte, dass das mein letzter Weihnachtspreis sein könnte, vielleicht hätte ich mich dann noch mehr angestrengt”, blickt Beikirch zurück. Konnte er aber nicht wissen. Das Ende des einstigen Publikumsmagneten Weihnachtspreis kam schneller als erwartet.

Lange Zeit hat sich der Rheinländer Andreas Beikirch keinen Kopf darum gemacht, was er denn heute Nachmittag machen würde, statt wie üblich nach Dortmund zu fahren. Der 40-Jährige nimmt es gelassen. Sagt er jedenfalls. „Dann verpasse ich zum ersten Mal seit 1998 nicht die Christmette in meinem Heimatort Titz. Meine drei Kinder und meine Frau werden sich freuen”, sagt Beikirch.

Und dennoch wird Wehmut heute Abend aufkommen, wenn die Großfamilie Beikirch bei Kartoffelsalat und Würstchen feiert. Trotz aller Einschränkungen, trotz aller Entbehrungen, die er jahrelang auf sich genommen hat. „In Gedanken war ich spätestens ab dem 1. Weihnachtstag beim Rennen. Während alle anderen gefeiert haben, bin ich drei Stunden lang trainieren gefahren. Egal, ob es geregnet hat oder geschneit. Und statt fetten Gänsebraten gab's für mich Spaghetti mit etwas Soße. Ein normales Weihnachtsfest war das nie”, sagt Beikirch.

Und dennoch habe er es gerne gemacht. Natürlich habe auch das Geld eine Rolle gespielt, schließlich sei er Profi und müsse davon eine Familie ernähren. Aber da sei auch noch mehr gewesen. „Der Weihnachtspreis”, so Beikirch, „das war kein normales Radrennen. Wenn 11 000 Zuschauer in der Westfalenhalle sind und dich in den letzten 20 Runden anfeuern, dann bekommst du eine Gänsehaut vor Aufregung. Das ist eines der schönsten Erlebnisse, die du als Radsportler haben kannst.”

Automatisch denkt er an seinen Husarenritt von 2006 zurück, als er mit Rundenvorsprung ins Ziel raste: „Das war Adrenalin pur. Das gibt es in keiner anderen Halle.”

Nach dem Berliner 6-Tage-Rennen ist Schluss: Andreas Beikirch steigt dann vom Rad. Foto: Bodo Goeke

Es dürften romantische Erinnerungen an eine große Zeit des Radsports in Dortmund sein. Mit dem Tod beginne die Verklärung, heißt es. Zwar ist eine Wiederbelebung der Dortmunder Six-Days oder des Weihnachtspreises noch immer ein Thema, aber dürfte angesichts der nicht zu leugnenden Krise nicht wirklich aktuell sein. Und sollte dennoch das Unverhoffte eintreten, dann ist Andreas Beikirch nicht mehr dabei. Es ist ein harter Sport, in dem er sich nach oben gearbeitet hat. 120 Six-Days hat er seit 1993 bestritten, vier davon gewonnen, 30 Mal auf dem Podium gestanden, zusammen mit Andreas Kappes war er Europameister. Und dennoch wird er im Januar Schluss machen, in Bremen und Berlin seine letzten 6-Tage-Rennen bestreiten.

Und was macht er Weihnachten 2010? Er wird natürlich wehmütig an Dortmund denken, an die kalte Halle, an die Fans. Und wird abends dann einen fetten Gänsebraten essen. Endlich.

Peter Kehl

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Kommentare
26.12.2009
13:55
Der Weihnachtspreis - das war kein normales Radrennen
von H. G. | #1

Wenn der Radsport sich wieder auf den Sport und nicht das große Geld besinnt, dann kann es wieder aufwärts gehe.

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