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"Im Spiel bin ich ein anderer Mensch"

23.05.2007 | 07:06 Uhr

Dortmund. Fußball ist Mannschaftssport und als Mannschaft hat Borussia Dortmund die Klasse gehalten. Zwei Spieler waren in dieser Mannschaft herausragend: Stürmer Alex Frei, der 16 Tore erzielte, und Torwart Roman Weidenfeller, der fast über die gesamte S

Weidenfeller: "Am Anfang stand ich zu Hause im Tor. Da kam nie was drauf. Das war mir zu langweilig. Ich bin dann in den Sturm gegangen. Dann kam der Sommer (lächelt), es wurde warm. Und ich bin zurück ins Tor. Ich bin nicht der Typ, der gerne läuft.

Als Torwart sind oft fernab vom Geschehen und allein. Wie gehen Sie damit um?

"Man ist ein Einzelkämpfer, etwas Besonderes. Man trägt ein anderes Trikot, darf als Einziger den Ball in die Hand nehmen. Und du bist auch nicht so im Spiel. Als Feldspieler hast du mehr Möglichkeiten, ins Spiel zu kommen. Als Torwart musst du immer die Situation erwarten. Das ist die Schwierigkeit. Das ist wie bei einer Wildkatze, die im Busch wartet. Und zupackt, wenn Beute vorbeikommt. Als junger Torwart, ich auch, willst du solche Situationen erzwingen, bist unruhig. Aber du lernst, gelassen zu bleiben, auf die Situation zu warten, in der du gebraucht wirst."

Das ist bei einem Stürmer ähnlich.

"Sicher. Aber ich darf mir keinen Fehler erlauben. Jeder Fehler wird mit einem Tor bestraft."

Wie schaffen Sie es als Torwart angespannt zu bleiben, gerade in Spielen, in denen wenig passiert?

"Ich muss die Konzentration hochhalten, das ist besonders wichtig und wird besonders trainiert. Im Training gehst du über den Punkt X, das heißt, wenn du müde wirst, bekommst du noch 20 Bälle auf das Tor, wo du noch mal reagieren musst und dich 100 Prozent auf die Bälle einstellen musst."

Wie wichtig ist bei einem Torwart, neben Talent und Fleiß, die mentale Seite?

"Es gibt viele Torleute mit viel Talent, die es aber nicht zum richtigen Zeitpunkt abrufen können. Das ist die mentale Seite und die ist sehr wichtig. Ich denke, dass ich mental sehr stark bin, gerade in 1:1-Situation, die ich oft gewinne, weil ich die Stärke habe und weiß, ich kann mich auf mich verlassen. Darauf habe ich jahrelang hingearbeitet."

Sie sind auf dem Feld oft emotional, bestürmen Mitspieler, sagen klare Worte.

"Das ist mein Spiel. Privat bin ich gelassen, mache jeden Spaß mit, kann über mich lachen. Selbst in der Kabine bin ich noch locker. Aber auf dem Platz gibt es nichts mehr zu lachen, das ist purer Kampf. Bei meiner Arbeit, im Spiel, bin ich ein anderer Mensch, will das Wesentliche: Bälle fangen, gewinnen. Immer. Auch Trainingsspiele. Da wird die Wortwahl schon mal deutlich. Aber ich will niemanden beleidigen, sondern nur aufrütteln und warnen."

"Ich könnte manchmal ruhiger reagieren"

Staunen Sie, wenn sie nachher Bilder sehen, auch über sich selbst?

"Ja. Ich denke schon, dass ich manchmal ruhiger reagieren könnte. Das ist aber die Emotion. Als Torwart kann ich nicht einfach rausrennen, den Ball weghauen oder einen Spieler umgrätschen. Das ist eine besondere Situation. Die Nerven sind sehr angespannt. Aber ich denke, dass ich das inzwischen im Griff habe und mit Drucksituationen gut umgehe."

Entlädt sich in diesen Momenten Ihre Anspannung, sind Sie danach ruhiger?

"Es ist schon eine kleine Entspannungsphase, vor allem, wenn wir angreifen. Das Spielfeld ist für mich wie eine Ampel aufgeteilt: rot, gelb und grün. Bei rot ist der Ball an unserem Strafraum, bei gelb im Mittelfeld und bei grün vorne. Da werde ich lockerer und entspannter."

Haben Sie dann Gelegenheit, auch mal etwas um sie herum wahrzunehmen? Stadionatmosphäre oder den Gesang den Fans?

"Ich fahre etwas herunter, bin aber immer noch konzentriert. Ich lasse mich nie von Äußerlichkeiten ablenken, schaue auch nie im Stadion herum. Wir sind alle nur Menschen und du wirst emotional, wenn 80 000 Fans im Stadion sind und wollen, dass du gewinnst.

Es gibt Spiele, in denen es ruhig ist und Spiele, bei denen ständig Bälle auf das Tor kommen. Was liegt Ihnen mehr?

"Natürlich Spiele, in denen du dich ständig zeigen kannst, wo du nach zwei Minuten geprüft wirst und die Situation meisterst. Dann bist du im Spiel. Viel schlimmer sind die Spiele, in denen du in 90 Minuten nichts zu halten bekommst. Und dann musst du den Unhaltbaren halten."

Wie verarbeiten Sie im Spiel einen Fehler? Wenn danach wenig passiert, drohen quälende Gedanken.

"Es geht dir durch den Kopf, du gehst die Situation noch mal durch. Aber du versuchst auch, es zu verdrängen, willst deinen restlichen Job zu erledigen, schaust, dass du die 90 Minuten rumkriegst und nach dem Spiel analysierst. Aber das ist nicht einfach."

Als der BVB in der Rückrunde Probleme hatte, wirkten sie nicht mehr so sicher. Bei den Niederlagen gab es viele Gegentore.

"Gott sei Dank kam der Trainerwechsel"

"Das war eine Phase, in der ich mich nicht wohlgefühlt habe, nicht sicher war. Ich hatte unter Jürgen Röber nicht das Training, das ich über viele Jahre gewöhnt war, das mich stark gemacht hat. Die Überzeugung und Willensstärke, die ich mit auf das Feld genommen habe und mit der ich zwei bis drei Spieler mitziehen kann, gab es nicht mehr. Aber Gott sei Dank kam es zum Trainerwechsel. Mit Thomas Doll und dem gewohnten Training ist das Selbstvertrauen zurückgekommen."

In letzter Zeit hat es schwere Torwartverletzungen gegeben, Petr Cech bei Chelsea, Andreas Reinke in Bremen. Machen Sie sich mehr Gedanken als sonst?

"Heute steht viel mehr auf dem Spiel, es wird immer härter und aggressiver. Als Torwart bin ich einer anderen Gefahr ausgesetzt, weil ich mit Kopf und Händen dahin gehe, wo die Feldspieler mit den Füßen sind. Ich denke über die Situationen nach. Man darf aber nicht zu sehr daran denken. Du musst Respekt haben, darfst aber keine Angst haben. So wie ein Formel-1-Fahrer, der mit 320 Sachen durch die Gegend fährt. Ich fühle mich gut mit meinem Körper, weiß, dass ich etwas entgegenzusetzen habe. Ich kann einschätzen, wie ich in eine Situation reingehe."

Torhüter und Linksaußen, so die Fußballweisheit, haben einen Knall. Richtig?

Man sagt es ja. Ich denke, dass die Spieler einen Knall haben. (schmunzelt) Bei mir ist es verstärkt, weil ich Linksfuß bin. Aber ich kann damit leben. Und über mich lachen!

Von Thorsten Schabelon

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2007-05-23 07:06
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