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Geblitzt – und keiner hat’s gemerkt

10.06.2012 | 17:08 Uhr
Geblitzt – und keiner hat’s gemerkt
Geschwindigkeitsmessung an der L 692 Lüdenscheid - Nord Foto: Guido Raith

Westfalen.   Städte und Kreise schaffen neue Radargeräte an. Die Temposäulen verfügen über Laser und Rundumsicht und fotografieren, ohne dass ein Blitz ausgelöst wird.

Abzocke – das ist was die meisten Autofahrer denken, wenn der Blitz sie trifft. Über 700 000 Mal wurden Fahrer zwischen Siegen und Dortmund, Hagen und Winterberg, im vorigen Jahr von den Landkreisen und Städten zur Kasse gebeten. Den Unmut darüber bekommen nicht selten die Fahrer der Radarwagen zu spüren – manchmal werden Autofahrer sogar handgreiflich und schlagen auf die Kontrolleure ein, wie zuletzt in Arnsberg.

Wer von Radar-„Fallen“ spricht, oder davon, dass Autofahrern „aufgelauert“ wird, erntet von Offiziellen in Städten und Kreisen heftigen Widerspruch. Es gehe um die Überwachung von Unfallschwerpunkten heißt es dann. Doch: Neue Geräte lassen Zweifel daran wachsen. So stellte der Märkische Kreis im vorigen Jahr zwei Tempo-Säulen auf. Sie verfügen über Laser und Rundumsicht, messen das Tempo mehrerer Fahrzeuge gleichzeitig und fotografieren, ohne dass ein Blitz ausgelöst wird. Erwischte Autofahrer merken erst Wochen später, wenn das Knöllchen kommt, dass sie an dem zwischenzeitlich „Marterpfahl“ getauften stationären Gerät zu schnell vorbeigefahren sind. Zur Info: Einer steht an der Autobahnauffahrt zur A45 in Lüdenscheid-Nord und der andere am Bahnübergang Ohle in Plettenberg.

Info
Wussten Sie eigentlich, dass...

. . . Warnhinweise vor Blitzanlagen in Navis oder Smartphones verboten sind? „Wenn solche aktiven Geräte bei einer Verkehrskontrolle im Auto festgestellt werden, kann das geahndet werden“, sagt eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums. Betroffen sind z.B. Navis wie „TomTom“ oder Apps wie „Blitzer.de“

. . . dass eine Kontrolle auf solche Geräte für die Polizei aber schwierig ist? Zum einen ist es eine Grauzone, ob ein Smartphone per Definition auch ein Radarwarngerät ist. Zum anderen dürfen Polizisten nicht ohne Durchsuchungsbeschluss das Handy der Autofahrer auf möglicherweise installierte Apps durchsuchen, sagt Sebastian Knop von „Blitzer.de“. Ausnahme: Man gibt der Polizei das Handy freiwillig.

. . . es einen Freifahrtschein für osteuropäische Fahrer gibt? Wenn sie von Blitzern der Kommunen erwischt werden, hat das keine Sanktionen zur Folge. „Diese Fotos werden als nicht verwertbar zu den Akten gelegt“, sagt ein Mitarbeiter der Hochsauerländer Straßenverkehrsbehörde. es gibt kein Bußgeld-Verfolgungsabkommen mit diesen Ländern – nur mit den Niederlanden. Diese Fahrer können nur belangt werden, wenn sie die Polizei direkt anhält.

Im Hochsauerlandkreis kommt seit Mitte 2011 ein neues mobiles Gerät zum Einsatz: Die „Leivtec“-Kamera kann dank der hochempfindlichen Optik Autofahrer fotografieren, ohne zu blitzen – auch hier erfährt der zu schnelle Fahrer erst Wochen später von seinem Vergehen. Die „Leivtec“-Kamera kann auf einem Stativ am Fahrbahnrand aufgestellt werden, dabei sogar in Büschen getarnt und somit nahezu unsichtbar installiert werden. „Zurzeit haben wir sie in einem Fahrzeug“, zeigt Martin Reuther, Sprecher des Hochsauerlandkreises. Im unscheinbaren, dunkelblauen Ford Transit ist die Tarnung nahezu perfekt.

„Nichts anderes als Auflauern“

Experten kritsieren die Tempoüberwachung, von der die Autofahrer nichts merken – die erzieherische Wirkung bleibe aus (siehe Interview). „Für mich ist diese Art der Tempokontrolle nichts anderes als Auflauern“, kritisiert ein auf diese Weise mehrfach erwischter Autofahrer. Den Ärger und manchmal Hass darüber müssen völlig zu Unrecht die Kontrolleure, Angestellte der Städte oder Kreise, ausbaden. Mehrfach schon griffen Autofahrer, die von Radarwagen geblitzt wurden, Tempoüberwacher des Hochsauerlandkreises an. In Arnsberg fuhr zuletzt ein Autofahrer, der geblitzt wurde, zu dem Radarwagen zurück. Er stieg, aus ging zu dem Auto – und als der Fahrer des Kontrollwagens die Scheibe herunterließ, knallte der erwischte Fahrer dem Kreis-Angestellten die Faust ins Gesicht. „Es hat schon mehrfach Angriffe auf unsere Kontrolleure gegeben“, bestätigt Kreis-Sprecher Reuther. So ging ein Autofahrer mit einer Eisenstange auf einen Kontrolleur los, in einem anderen Fall versuchte ein Autofahrer, der sich über den Blitzer aufgregte, in das Auto einzudringen.

„Auf Kollegen zugerast“

Auch Hendrik Klein vom Märkischen Kreis kann von brenzligen Situationen berichten, denen die Kontrolleure ausgesetzt sind: „Wenn an Starenkästen Kameras gewechselt werden, ist es schon vorge kommen, dass Autos bedrohlich auf die Kollegen zurasten.“ In anderen Fällen, so berichtet Klein, „wurden aus fahrenden Wagen Coladosen auf die Mitarbeiter geworfen.“ Beschimpfungen gehörten zum Alltag.

Für Klein völlig unverständlich – und unnötig. „Wer sich an die Geschwindigkeitskontrollen hält, wird nicht geblitzt. So einfach ist das.“

Heinz Krischer


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