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Devisenbeschaffung

Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern

28.12.2012 | 18:01 Uhr
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
Medikamente wie diese sind erprobt und einwandfrei. Die Pillen und andere hochwirksame Stoffe, die westliche Pharmakonzerne zu DDR-Zeiten gegen Honorar jenseits des Eisernen Vorhangs im Praxiseinsatz testen ließen, hatten diesen Status noch nicht.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dapd

Essen.  Pharmakonzerne haben in den 1980er Jahren tausende ostdeutsche Klinikpatienten benutzt, um Medikamente zu testen. Die Probanden waren meist ahnungslos, entgegen den Regeln internationalen Rechts wurden sie nie um eine Einwilligung gefragt. Die DDR besserte so ihre Devisenkasse auf.

Westdeutsche, österreichische, schweizerische und japanische Pharmakonzerne haben zwischen 1983 und dem Mauerfall 1989 Medikamente an mehreren Tausend ostdeutschen Klinikpatienten erproben lassen. Diese waren oft ahnungslos und sind – entgegen den Regeln des internationalen Rechts – nie um eine Einwilligung gebeten worden.

Nach Berichten des Berliner „Tagesspiegel“ und des Mitteldeutschen Rundfunks kam es zu insgesamt 165 Versuchsreihen. Auch mehrere Todesfälle („plötzlicher Herztod“) stehen offenbar in diesem Zusammenhang.

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Die DDR managte die Menschenversuche über ihr Gesundheits­ministerium. Das hatte 1983 den Finanzierungsweg zur Aufbesserung der Devisenkasse „erfunden“ und dankbaren Westfirmen angeboten. In der Bundesrepublik war zu dem Zeitpunkt gerade ein verschärftes Zulassungsverfahren in Kraft getreten, dem sie so ausweichen konnten. Auch sollen die Verträge die Haftung der Firmen ausgeschlossen haben.

Mittel gegen Krebs und Bluthochdruck im Test

So testeten nach Erkenntnissen, die der „Spiegel“ kurz nach der Einheit recherchiert hatte, Asahi und die Behringwerke Antikrebsmittel, die Linz AG Betablocker, Boehringer In­gelheim das gentechnisch erzeugte Interferon und Bayer Leverkusen die Medikamente Ciprobay und den Blutzucker-Senker Arcabose. Im Westen gab es nach Vorlage ­einiger Testberichte große Bedenken ärztlicher Experten, weil sie die Testreihen für unzureichend hielten.

Die Kliniken und wohl auch die Staatskasse der DDR erhielten für die Arzneitests in Einzelfällen bis zu 860 000 D-Mark pro Studie. Der Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski hatte nach Erkenntnissen der Stasi-Akten-Behörde ­Teile des Erlöses für sein „KoKo“-Imperium abgezweigt.

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„Die KoKo hat mitgefingert“, bestätigt die Behörde. Ei­ne Sprecherin sagte der WAZ, die Beziehungen zwischen westdeutschen Wirtschaftsunternehmen und der DDR seien generell wenig aufgearbeitet. Die Behörde gehe zum Beispiel davon aus, dass 100 West-Firmen – so wie Ikea – Produkte durch DDR-Häftlinge herstellen ließen.

Das Bundesgesundheitsministerium sagt, es verfüge nicht über ­Unterlagen. Die DDR habe als „Drittstaat“ in eigener Verant­wortung gehandelt. Auch seien Arzneimittelversuche erst seit 2004 vom Staat zu genehmigen. Über mögliche juristische Folgen der neuen ­Erkenntnisse könne man noch nichts sagen.

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Kommentare
30.12.2012
19:00
#20 Fortsetzung
von grashuepfer411 | #22

Ich vergaß die Vermutung zum Verbleib der Gelder letztendlich bei DEN LINKEN mit Material zu hinterlegen. Nehmen wir hierzu der Einfachheit halber die...
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Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
Westliche Firmen testeten Arzneien an DDR-Bürgern
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2012-12-28 18:01
DDR,Medizin,Medikamente,Arzt,Ostdeutsche
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