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Experte: Armut bedroht die Demokratie

19.06.2009 | 14:03 Uhr
Experte: Armut bedroht die Demokratie

Köln. Armut in Deutschland - sie wird nicht offen gezeigt und ist weniger spektakulär. Aber sie gefährdet die Demokratie. Davor warnt der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge im Interview mit der WR: "Ich befürchte einen politischen Rechtsruck."

Herr Butterwegge, was verstehen Sie unter Armut?

Christoph Butterwegge: Armut ist ein umkämpfter Begriff. Je nach Situation wird darunter unterschiedliches verstanden. In der Forschung unterscheidet man zwischen absoluter und relativer Armut.

Absolute Armut ist die klassische Form, bei der wir eher an die Dritte Welt denken?

Christoph Butterwegge. (Foto: WR)

Ja, das Fehlen von Nahrung, Obdach, Kleidung. In der Bundesrepublik Deutschland haben wir es mit der relativen Armut zu tun, der Armut in einem reichen Land. Arme Menschen sind hier von Wohlstand umgeben. Armut bedeutet hier, dass man nicht mithalten kann, dass man sich nicht leisten kann, was Nachbarn, Freunde, Spielkameraden als selbstverständlich ansehen.

Solche Armut ist versteckt?

Sie wird nicht offen gezeigt und ist weniger spektakulär. Ich fürchte aber, dass in Folge der Weltfinanzwirtschaftskrise auch bei uns wieder dramatischere Formen der Armut zutage treten. Die Armut wird in den Straßen deutlicher zu sehen sein, als das mit einem noch funktionierenden Sozialstaat der Fall war.

Sind die Tafeln ein Anzeichen dafür?

Durchaus, denn sie zeigen, dass sich der Sozialstaat aus seiner Verantwortung für die Armen mehr und mehr zurückzieht und das, was gegen Verelendungstendenzen zu tun nötig ist, denen überlässt, die sich ehrenamtlich engagieren. Wie in den Vereinigten Staaten, wo die Armut längst zur Alltagsnormalität gehört. Dort zerfallen die Städte in Luxusquartiere mit privaten Sicherheitsdiensten einerseits sowie Elendsquartiere, Slums und Ghettos andererseits.

Ist Armut vor allem eine Folge politischer Versäumnisse?

Armut ist fester Bestandteil eines Wirtschaftssystems, das stark auf den Markt, Leistung und Konkurrenz ausgerichtet ist. Aber sie ist immer auch die Folge politischer Verantwortungslosigkeit. Armutsbekämpfung ist eine Kernaufgabe des Sozialstaates, wie ihn unsere Verfassung fordert. Regierung und Parteien kommen dieser Verpflichtung des Grundgesetzes aber immer weniger nach.

Teilen Sie die Warnungen vor sozialen Unruhen?

Nein, denn die Deutschen neigen nicht zu revolutionärem Überschwang. Ich befürchte eher einen politischen Rechtsruck. Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien könnten die Situation ausnutzen, wenn die Angst vor dem sozialen Abstieg die bürgerliche Mitte erreicht. Angst lässt Menschen irrational reagieren. In Krisen und Umbruchsituationen wendet sich die deutsche Mittelschicht erfahrungsgemäß nach rechts. Meine Befürchtung ist weniger, dass eine Revolution vor der Tür steht, als dass sich Rechtsextremisten die Sorgen der Menschen für ihre Demagogie zunutze machen.

Wird die Armut wird zur Gefahr für die Demokratie?

Ja, mir scheint, dass diese Gefahr viel zu wenig ernst genommen wird. Wir hatten jahrzehntelang ein relativ stabiles Wachstum, das den Wohlstand breiter Schichten gesichert hat, flankiert von einem Sozialstaat, der diejenigen auffing, die von Armut bedroht waren. Werden diese Sicherungsmechanismen systematisch abgebaut, wie das mit der Agenda 2010, Hartz IV, Gesundheitsreformen und Rentenkürzungen passiert ist, sind die Grundlagen der Demokratie bedroht.

Weil das Vertrauen in die Demokratie schwindet?

Viele Menschen machen die Demokratie, die regierenden Parteien und den Parlamentarismus für ihre Notsituation verantwortlich. Dadurch verliert die Demokratie an Rückhalt, es besteht die Gefahr, dass autoritäre Herrschaftsformen Platz greifen. Verarmungs- und Verelendungstendenzen rütteln an den Fundamenten unseres Gemeinwesens.

Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenreformen sollen doch Instrumente sein, die den Sozialstaat funktionsfähig halten.

Die Bundesrepublik insgesamt ist so reich wie noch nie. Die Zahl der Reichen und Superreichen hat in den letzten Jahren zusammen mit der Zahl der Armen deutlich zugenommen. Nach den USA ist die Bundesrepublik das Land mit den meisten Milliardären. Die finanziellen Möglichkeiten wären vorhanden, Armut wirksam zu bekämpfen. Allerdings wird eine Steuerpolitik gemacht, welche die Wohlhabenden immer stärker entlastet. Die Politik hat eine Umverteilung von unten nach oben organisiert. Maßnahmen wie Hartz IV sind nicht notwendig, um den Sozialstaat zu konsolidieren, sie demontieren ihn.

Sie plädieren für eine Umverteilung von oben nach unten. Wie sollte die konkret aussehen?

Die Vermögenssteuer, seit 1997 ausgesetzt, müsste wieder erhoben werden. Sinnvoll wäre auch eine Vermögensabgabe, um die Reichen und Superreichen zur Kasse zu bitten. Denn wir brauchen eine neue Kultur der Solidarität.

Hat es die je gegeben?

Entsolidarisierung ist kein Naturgesetz. Das Bruttoinlandsprodukt ist heute sehr viel höher als in den 70er Jahren, die Bundesrepublik gibt aber prozentual von ihrem Reichtum weniger aus, um die Armut zu bekämpfen. Globalisierung und demographische Entwicklung werden als Sachzwänge konstruiert, um die Kürzung von Sozialleistungen zu rechtfertigen. Wir haben aber nicht Armut, weil das Land arm ist. Das Land ist sogar reich. Für die Banken konnten über Nacht dreistellige Milliardenbeträge bereitgestellt werden. Das zeigt: Die Bundesrpublik ist ökonomisch potent, aber der politische Wille zur Verringerung der sozialen Ungleichheit fehlt.

Petra Kappe

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Kommentare
13.07.2009
16:45
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von Pit01 | #86

Die 400 Euro Jobs müssen weg, sie killen die Ganztagsjobs. Ebenso müssen endlich die Mindestlöhne verpflichtend sein. Ein Job muss seinen Mann/Frau und Familie ernähren.

13.07.2009
15:26
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von kolonie54 | #85

Die Armut gefährdet die Demokratie
Hä............?
Was für eine Demokratie?

Die der Deutschen die sich 3 Spitzenanwälte leisten können?
Oder diejenigen, die sich auf den Ämtern nackig machen müssen?

Was denn nun?

blinker5902

29.06.2009
14:54
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von ehemaliger SPD wähler | #84

Nicht die Armut gefährdet die Demokratie (in Deutschland gibt es keine ARMUT DA WIRD JEDER DANK DER SOZIALÄMTER SATT)sondern solche Demagogen wie Christof Butterwegge !!!!!!!!!!!!!!!!!!

20.06.2009
12:34
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von sprichdichaus | #83

#69
Auch hier in diesem Land hungern Menschen .
Wenn viele Mitmenschen mal von dem hohen Ross auf dem sie sitzen herabschauen würden könnten die das sogar erkennen.

20.06.2009
12:26
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von immerNett | #82

Macht euch mal klar, eine Million Menschen auf der Welt hungern. In Deutschland wird auf hohen Niveau geklagt.

20.06.2009
10:38
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von derpradler | #81

Die Armut ist NUR die Folge des Neoliberalismus!

20.06.2009
08:53
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von doowopwop | #80

#66 + #67
der Prof, siehe Kommentar #48, sieht das genauso

19.06.2009
23:17
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von MacPaul | #79

zu #29:
An solchen Kommentaren erkennt man den - vorsicht formuliert - mangelnden Intellekt vieler Menschen, welcher dann zum oft zu beobachtenden, niedrigen Diskussionsniveau führt. Hinweis für den Verfasser: er lebt aber in Deutschland…

19.06.2009
23:17
Blockierter Kommentar.
von Beatrix.Gutmann | #78

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

19.06.2009
22:28
Experte: Armut bedroht die Demokratie
von Wahlhelfer | #77

An mein Freund Jürgen, Harz 4 Empfänger:
Bei der ARGE giebt man dir zu verstehen: Du bist nichts,du hast nichts,du kannst nichts,du bist ein Schmarotzer und nutzlos.
In Wirklichkeit bist du ein sympatischer,hilfsbereiter,netter Kerl,mit dem ich gern ein Bier trinken gehe.
Aber eines Tages,wenn man es dir lange genug einredet,glaubst du selber,du bist nichts,du hast nichts,du kannst nichts,du bist ein Schmarotzer und Wertlos.
Keiner wird als Verlierer gebohren.
Aus dir wurde ein Verlierer gemacht.
Und das interessiert keine Sau.
Eigentlich schade.
Menschenverachtend.
Systemrelevant.

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