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Büro mit hohem Krabbelfaktor

10.11.2008 | 08:06 Uhr
Büro mit hohem Krabbelfaktor

Bochum. Das Büro von Sara Zühlsdorff sieht nicht so aus, wie man sich die Räumlichkeiten einer Rechtsanwältin vorstellt. Auf dem Boden liegen Puzzle-Teile und Schuhe, an der Wand hängt ein großes Eichhörnchen-Poster, und auf dem Schreibtisch liegt eine Taucherbrille.

Für „advoprax” in Bochum nichts Ungewöhnliches: Die Kanzlei wurde gerade als besonders familienfreundlich ausgezeichnet.

Und das gleich zweifach: Sie hatte erfolgreich an dem Projekt „Mit Familie für unsere Zukunft” des Verbundes für Unternehmen & Familie und der IHK Mittleres Ruhrgebiet teilgenommen, zum anderen wurde ihr beim Start-Award NRW der Sonderpreis „Familienfreundliches Jungunternehmen” verliehen.

Kein Wunder: In dieser Kanzlei ist vieles anders als in anderen Kanzleien - nicht nur, was die Einrichtung der Büros anbelangt, sondern auch das restliche „Innenleben”. Denn zu dem fünfköpfigen Team - drei Rechtsanwältinnen, ein Rechtsanwalt und ein Unternehmensberater - gesellen sich noch vier Kinder. Das Älteste acht Jahre alt, das Jüngste 13 Monate. Dass der Nachwuchs von morgens bis abends die Zeit mit den Müttern im Büro verbringen kann, ist für Petra Steude (40), die die Kanzlei 1998 gründete, selbstverständlich. „Man muss sich halt nicht nur juristisch bei den Fällen absprechen, sondern auch mit den Kindern. Die sind ja schließlich nicht festgebunden!” Nur das Besprechungszimmer ist „kinderfreie Zone” - damit man sich hier mal in Ruhe mit Klienten beraten kann.

Petra Steude selbst brachte zu Beginn ihr - inzwischen verstorbenes - behindertes Kind mit in die Kanzlei, inzwischen sind es die beiden Töchter Melina (8) und Frederike (5). Und die beiden Mädchen haben längst Verstärkung bekommen: Durch die Kanzlei krabbeln und laufen inzwischen auch der zweijährige Fabian von Sara Zühlsdorff und der einjährige Lukas von Sandra Hesse.

Für die beiden Rechtsanwältinnen war von Beginn an klar, dass sie ihren Beruf nicht aufgeben oder eine Halbtagsstelle annehmen, sondern die Söhne wenige Wochen nach der Geburt mit in die Kanzlei nehmen. „Es ist total schön, dass man sich nicht von dem Kind trennen muss”, gibt Sara Zühlsdorff zu. „Und dass man ganz viel mitbekommt”, bestätigt Sandra Hesse (37). Manchmal jedoch mehr, als man gerade beim Aktenwälzen, Recherchieren und Formulieren gebrauchen könnte. Wie man es schafft, gewissenhaft zu arbeiten, während Fabian die Puzzle-Teile durch die Luft wirft und Lukas erfolgreich die Kappe des Textmarkers öffnet? „Man lernt, sich auf den Punkt zu konzentrieren”, sagt Sara Zühlsdorff (38). „Und das Zeitfenster, das man mal ohne Kind hat, genau zu nutzen.”

Denn auch da beweist die Kanzlei Flexibilität: Sämtliche Kinder können nicht nur frei durch alle Büros wuseln, die Mitarbeiter fühlen sich auch wechselseitig dafür verantwortlich - und springen mal bei der Betreuung ein, wenn die Kollegin gerade einen Klienten zu Besuch oder einen besonders komplizierten Fall zu bearbeiten hat. Eine erfolgreiche Arbeit steht hier nach wie vor im Mittelpunkt - auch wenn manche Anwältinnen von außerhalb etwas abfällig von der „Kindergarten-Kanzlei” sprechen, in der die Arbeit wohl nicht vernünftig geleistet werden könne. „Das ist vielleicht der Neid der Besitzlosen”, meint Steude. Zwar wird so manche Stunde der täglichen Arbeitszeit mit Spielen verbracht, dennoch geht die Rechnung Familienfreundlichkeit auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht voll auf. „Motivierte Mitarbeiter sind die besten Mitarbeiter”, sagt Petra Steude. „Wenn ein Kind woanders betreut wird oder man macht sich Sorgen oder hat ein schlechtes Gewissen, ist das aus ökonomischer Sicht sicherlich schlechter.”

Die beiden Auszeichnungen und auch die positive Resonanz der Mandanten haben die Rechtsanwältinnen jedenfalls bestätigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Steude: „Ich würde mich freuen, wenn andere unserem Beispiel folgen." Und dafür vielleicht auch, wie Sara Zühlsdorff, eine bemalte Tapete hinterm Schreibtisch in Kauf nehmen: „Der Preis für ein Telefonat in Ruhe.”

Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

Der Verbund für Unternehmen & Familie e.V. in Castrop-Rauxel existiert seit zwölf Jahren. Ihm gehören 60 Unternehmen an.

Den Titel „Ausgezeichnetes Unternehmen in NRW – Mit Familie für unsere Zukunft“ erhielten erstmals elf Unternehmen aus Bochum, Oberhausen, Herne, Castrop-Rauxel und Lüdinghausen.

Im Mittelpunkt der Auszeichnung standen die Entwicklung, Einführung und nachhaltige Umsetzung personal-politischer Maßnahmen und familienfreundlicher Instrumente zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Etwa die Gestaltung der Elternzeit, Arbeitszeit und Arbeitsorganisation, Teilzeitstellen und Homeoffice.

„Die Konkurrenz der Unternehmen um qualifizierte und motivierte Fachkräfte wird vor dem Hintergrund des demographischen Wandels immer größer“, sagte Tillmann Neinhaus, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittleres Ruhrgebiet, bei der Zertifikatsübergabe. „Hier können familienfreundliche Unternehmen punkten und sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.“

Interessierte Unternehmen, die Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung familienfreundlicher Konzepte im Betrieb wünschen, können sich wenden an den Verbund für Unternehmen & Familie, Tel. (02305) 9215014 oder per E-Mail an held@zfbt oder im Internet.

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Katja Sponholz

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