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Zeitreise per Anzug - so fühlt es sich an, alt zu sein

24.01.2013 | 17:51 Uhr
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Zeitreise per Anzug - so fühlt es sich an, alt zu sein
Viel Sichtfeld bleibt mit dem Helm inklusiver getönter Scheibe nicht übrig – Redakteurin Annika Fischer hat am eigenen Leibe erlebt wie sich Senioren im Straßenverkehr fühlen.Foto: Jakob Studnar

Essen.   Steife Gelenke, eingeschränktes Gesichtsfeld, schlechtes Gehör: Reporterin Annika Fischer schlüpft in eine Art Taucheranzug, genannt „Age Explorer“, um nachzufühlen was Ältere sehen, hören und fühlen. Fahrtest inklusive - und Tipps, wie Ältere ihre Fahrsicherheit auf einfachem Weg verbessern können.

Und auf einmal war ich alt. Es kam nicht schleichend, wie im wirklichen Leben; das Alter kam in einer Kiste, man stülpte es mir über wie einen – ja, es ist ein Anzug. „Age Explorer“ nennen ihn seine Erfinder, „Altersforscher“. Allerdings muss, wer in ihm steckt, gar nicht mehr viel forschen. Ich wusste sofort, was ich noch gar nicht wissen wollte: wie das Leben einst sein wird. Schlecht Hören, schlecht Sehen, schlecht Gehen. Und Autofahren wie, Verzeihung, alte Frau am Steuer.

„Sie werden jetzt fühlen“, sagte Gundolf Meyer-Hentschel, es klang wie eine Drohung des Erfinders, „dass Sie Gelenke haben – und zwar solche, die sich nicht mehr bewegen.“ Sprach’s und packte selbige in schwergewichtige Manschetten. Die vier Jahrzehnte alten Knochen sinken kraftlos der Erde entgegen. Alter macht schwach. Alter macht langsam. Alter macht ziemlich blind: Hinter der abgetönten Blende eines schweren Helms kann ich die Ziffern auf dem Tacho nur mehr erahnen. „Ältere Menschen wissen“, sagt der Fahrlehrer, den man mir vorsichtshalber an die Seite gesetzt hat, „wo 50 ist. Ungefähr.“

Alles ist gelb

Rechts und links kann ich auch nicht mehr gucken, die Frontscheibe des seltsamen Huts schränkt das Gesichtsfeld ein, die vielen Gewichte und Verschnürungen machen aus dem Rücken ein Brett, und die Farben. . . alles gelb, und was wirklich gelb ist, sehe ich gar nicht. Was erklärt, bestätigt Altersforscher Meyer-Hentschel, warum ältere Menschen ihre Tabletten verwechseln, warum weiße Haare manchmal lila sind statt blond und warum alte Damen zuweilen Töne tragen: „Oma, früher hattest du aber mehr Geschmack!“ Alter macht steif. Alter macht farbenblind.

Es macht auch schwerhörig. Hat der Fahrlehrer was gesagt? Jemand gehupt? Die Kopfhörer lassen das Leben dumpf werden, in den Handschuhen stecken 1000 Nervennadeln. Alter macht empfindlich. „70 Prozent der Über-70-Jährigen“, weiß Meyer-Hentschel, „haben täglich Schmerzen in irgendeinem Gelenk.“ Nun macht das Alter das nicht auf einmal und hoffentlich nicht alles. Aber nur ein paar Symptome davon, dazu einige Tabletten gegen übliche Gebrechen: Man möchte nicht in der Haut alter Menschen stecken (auch nicht in ihrem Anzug). Man möchte nicht allein über die Straße müssen, unfähig, nach links und rechts zu sehen, wenn links längst wieder was kommt. Man möchte keinen Bus besteigen, zwei, drei Stufen, und schnell gehen muss es auch. Autofahren möchte man aber auch nicht.

Lieber nicht einparken

Oder doch, man möchte doch. Einen „Jungbrunnen“, nennt „Age-Explorer“-Erfinder Meyer-Hentschel den Pkw: Darin kann man nämlich sitzen! Und bequem von A nach B kommen, ohne jemand bitten zu müssen. Allerdings, richtig sehen kann man nicht. Schnell reagieren, wie denn? Und den Schulterblick kann ich gar nicht. Ich versuche es wirklich, dehne, strecke und verrenke den Hals – die Heckscheibe bleibt uneinsichtig. Also einparken nur mit dem Innenspiegel. Oder lieber gar nicht. So machen alte Leute das. Ich weiß jetzt warum, werde es hoffentlich nicht mehr vergessen.

Das nämlich kann der Alters-Anzug nicht simulieren: den Gedächtnisverlust; was stand noch mal auf dem letzten Schild? Und die Nutzlosigkeit von Erfahrung auf immer volleren Straßen mit immer mehr schwer einschätzbaren Verkehrsmitteln: Wie schnell ist eigentlich ein Elektrofahrrad? Alte Menschen fahren lieber langsam, um zu kompensieren, was sie nicht mehr können. Vielleicht sind sie nicht einmal angeschnallt, weil sie den Gurt nicht zu packen kriegen. Mühsam hieve ich mich aus dem Auto, zurück in mein wirkliches Leben. Ein Letztes ist so, wie es einst womöglich sein wird: Ich kann mich nicht allein umziehen. Der Professor hilft mir aus 30, 40 Lebensjahren, meine Reise zurück in die Zukunft ist vorbei.

Ich werde nie wieder schimpfen.

Ältere können ihre Fahrsicherheit auf einfachem Weg verbessern

Von den 54 Millionen Autofahrern in Deutschland sind schon jetzt zehn Millionen älter als 65 Jahre, zwei Millionen älter als 75. Mehr als zwei Drittel der über 65-Jährigen haben einen Führerschein, bald wird jeder dritte Autofahrer jenseits der 60 sein. Und ist das schlimm?

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„Ältere Menschen sind im Straßenverkehr eher gefährdet als gefährlich“, sagt Sven Rademacher, Sprecher des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR). Autofahrer zwischen 65 und 75 schneiden in der Unfallstatistik deutlich besser ab als Fahrer zwischen 18 und 34. Sie fahren vorsichtiger und sensibler. Aber: Das Unfallrisiko bei den über 75-Jährigen ist statistisch doppelt so hoch wie bei Fahrern zwischen 30 und 60 Jahren. Senioren ab 65 haben mit das größte Risiko, im Straßenverkehr tödlich zu verunglücken. Mehr als die Hälfte der Fahrradfahrer, die einen tödlichen Verkehrsunfall erleiden, sind in dieser Altersgruppe, fast ebenso viele Fußgänger. Jedes vierte Verkehrsopfer in Deutschland ist im Rentenalter.

Sehtest, Reaktionscheck und Co.

Weil sich das Alter langsam ins Leben schleicht, nehmen viele Verkehrsteilnehmer die zunehmenden Einschränkungen erst spät – und dann ungern – wahr. Fast zwei Drittel der Autofahrer im Rentenalter geben aber zu, dass sie sich nachts oder bei schlechter Sicht unsicher fühlen; bei 58 Prozent verursacht nach einer Umfrage für den DVR das Wetter Stress. Jeden Dritten macht schon das Fahren in größeren Ortschaften nervös.

Sagen tun sie das aber lieber nicht: Sie haben Angst um ihren Führerschein und damit um ihre Mobilität. Nicht einmal mit ihren Hausärzten mögen die Senioren über das Thema reden, nur jeder zehnte tut das freiwillig, lediglich vier Prozent wurden von Medizinern auf mögliche Schwierigkeiten angesprochen. Dabei würden mehr als zwei Drittel ihren Führerschein abgeben, wenn der Arzt ihnen dazu raten würde.

Und auch das ist oft nicht einmal nötig. Regelmäßige Gesundheitstests (Sehtest ab 40, Reaktionschecks ab 60) können Probleme offenbaren, oft gibt es dann Hilfen: für Augen und Ohren, aber auch spezielle Spiegel oder Einstiegshilfen für das Auto. Der Verkehrssicherheitsrat bietet im Rahmen seiner „Aktion Schulterblick“ regelmäßig Seminare an, außerdem gibt es Fahrsicherheitstrainings. Auch immer mehr Fahrlehrer spezialisieren sich auf die älter werdende Kundschaft, schon wenige Fahrstunden können unsichere Verkehrsteilnehmer wieder sicherer machen.

Annika Fischer

Kommentare
27.01.2013
08:17
Zeitreise per Anzug - so fühlt es sich an, alt zu sein
von leiming | #3

... außerdem gibt es Fahrsicherheitstrainings, die sind auch erforderlich, damit Ältere wissen, wie sie scih vor vielen rüpelhaft fahrenden Jüngeren schützen können.

Ich mach doch jede Wette, dass mehr 18-jährige als 70-jährige Unfälle verursachen. Dabei kommen die gerade erst aus der Fahrschule.

26.01.2013
10:51
Statt Seniorenhetze
von meigustu | #2

besser autonome Fahrzeuge alltagstauglich machen.

Jammerdeutschland hat in keinem Fall eine Zukunft.

26.01.2013
10:40
Zeitreise per Anzug - so fühlt es sich an, alt zu sein
von bellis100 | #1

Abgesehen davon, dass ich diesen Test blöde finde; wer im Alter so weit ist, hat im PKW als Fahrer/in nichts mehr zu suchen!

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