Drahtseilakt im steilen Fels
25.08.2010 | 22:21 Uhr 2010-08-25T22:21:00+0200
Klettersteige – sie galten einmal als eine Mischung aus Wandern und Klettern. Vor allem in Südtirol führen die Eisenwege, „vie ferrate“, schon seit Jahrzehnten in steilen Dolomitfels. Doch Bergsteiger von heute wollen mehr.
Mehr Spaß, mehr Nervenkitzel, mehr Erlebnis. Genau nach dieser Rezeptur sind moderne Klettersteige in der Vertikalen konzipiert. Zum Beispiel die drei extremsten Steige im Wallis: Baltschieder, Leukerbadner und Jägihorn-Steig.
Wahnsinn! Nein, das kann jetzt nicht… Doch! Unglaublich! Mit einer atemberaubenden Überraschung warten die Schweizer Bergführer am Gipfelfelsen des Daubenhorns auf. Sie haben den längsten, schwersten, steilsten Klettersteig der Alpen vor zwölf Jahren in zwei Sommern in, Zitat, „Fronarbeit“ an dem Fast-Dreitausender angelegt.
1500 Meter über den Dächern von Leukerbad
Ganz weit oben, mit bloßem Auge von unten nicht mehr zu erkennen, geht es durch einen kleinen Stollen mitten hinein in einen Überhang, der förmlich ins Bodenlose abstürzt. 1500 Meter senkrechter Fels hoch über den Dächern von Leukerbad. Dächer, die von hier oben so winzig klein wirken wie aus einem Flugzeug. Doch die sauren Arme erinnern einen schmerzhaft daran, dass man jeden Höhenmeter mit eigener Muskelkraft hochgestiegen ist. Stundenlang immer wieder Klimmzüge an Stahlstiften und Drahtseilen.
Hochgezogen am 2000 Meter langen Drahtseil, an dem gleichzeitig die eigene Karabiner-Sicherung hängt. Hochgezogen an unzähligen Eisensprossen und Leitern. Angeblich sollen es nur zehn Leitern sein, steht irgendwo geschrieben. Können die Schweizer nicht zählen? Hochgezogen. Stundenlang. An diesem supersteilen Eisenweg - immer weiter nach oben, mal quer auf gerade mal fußbreiten Steigen mitten durch senkrechte Bergflanken, mal gerade hoch durch die Wände, über Pfeiler und schließlich sogar durch eine Höhle, die die Einheimischen liebevoll „Kathedrale“ nennen. Sie birgt eine Erfrischung in Form eines Wasserfalls, durch den das Drahtseil läuft. „Bleib doch mal stehen für ein Foto!“ fordert der Bergkollege auf. Haha, Witzbold! Bloß weg aus der kalten Dusche!
Bergsteiger verlieren sich in der Wand
Und schon wieder hinein in den nächsten Aufschwung. Bis zu zehn Stunden Gesamtkraxelzeit sind für den „Leukerbadner“ veranschlagt. Die gerade mal zwölf durchtrainierten Aspiranten, die sich an einem sonnigen Samstag im Juli in den mächtigen Wänden verlieren, schaffen die Herausforderung in der halben Zeit.
Dann, oben, wenn sich der Fels eigentlich schon zum Gipfel flacher werdend nach hinten neigt, lädt die Variante „Konst“ zum Abstecher ein, für die die Bezeichnungen „luftig“ oder „ausgesetzt“ nette Untertreibungen sind.
Nur durch eine Handvoll Eisenbügel entschärft, führt das Drahtseil hinaus, bis einem der Atem stockt. Solches Terrain war bislang ausschließlich Extremkletterern jenseits des sechsten Grades vorbehalten. Jetzt schafft das jeder sportliche Ferrata-Geher, was wiederum nicht jedermann gleichermaßen gefällt. Die Puristen – allen voran Klettersteige-Papst Eugen Hüsler – zürnen. Sie wollen den jungen Leuten, die mit bunter Funktionskleidung die Berge hochspurten, die Freude am sportlichen Erlebnis nehmen. Aber umso mehr Freude hat die neue Generation Bergsteiger an diesen Wegen.
Ursprung der Klettersteige in den Dolomiten
Klettersteige sind eine „Erfindung“ der Dolomiten. Dort dienten die Steige im ersten Weltkrieg als Nachschubwege im Krieg zwischen Österreich und Italien. Die Relikte kriegerischen Irrsinns sind längst zum Gegenstand erlebnishungriger Alpin-Touristen geworden.
Überhaupt keine Freude hätte Eugen Hüsler am neuen Klettersteig oberhalb von Visp im Baltschieder Tal. Der Bohrstaub klebt noch am Fels, als zwei Bergsteiger sich für die neue, sportive Variante des „Baltschieder“ entscheiden. Jeder Griff und jeder Tritt findet hier eine Eisensprosse. Der Berg selbst gerät fast schon zur Nebensache, bis ein spitzer Felssporn keck aus der Wand ragt und die Route vorgibt, die der Wirt der Wiwanni-Hütte, Egon Feller, mit seinen Mannen in wochenlanger, mühsamer Arbeit angelegt hat. 500 Sprossen wurden mit der Benzinbohrmaschine gesetzt. Genau bei ihm vor der Tür mündet schließlich der Steig nicht ganz zufällig nach vier Stunden, was jeder Bergsteiger herzlich gerne annimmt.
Szenenwechsel: Saastal.
Am Dreitausender Jägihorn haben Walliser Bergführer eine gelungene Mischung aus naturbelassenem Steig und einer rasanten technischen Variante gestaltet, die fast an einen Alpin-Spielplatz für Erwachsene erinnert. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Am Einstieg sind an einem Sommer-Sonntag durchaus auch Frauen und selbst Kinder unterwegs, um das Erlebnis zu wagen. Die Seilbahn zum Kreuzboden auf 2400 Höhenmetern hat den Zustieg verkürzt.
„Zitterpartie“: Drahtseile zwischen zwei Gipfeln
Auf 2700 Metern werden Gurte, Helme und das praktische Klettersteig-Set angelegt. Und schon bietet sich das erste herrliche Fotomotiv mit dem im Sonnenlicht gleißenden Gletscherriesen Weißmies (4017m) im Hintergrund.
Im gutgriffigen Fels kommt der Steig hier ohne viele Sprossen aus, bis der Aspirant nach dem Vorgipfel selbst entscheiden darf, ob er konservativ über Felsen weitersteigt oder aber wagemutig die sogenannte „Zitterpartie“ wählt. Hier sind vier Drahtseile über eine 100 Meter lange und tiefe Schlucht zwischen zwei Gipfeln gespannt.
Viel Luft unter den Sohlen
Viel Luft unter den Sohlen. Eine echte Mutprobe! Hier wird der Bergsteiger fast zum Artisten. Nichts für Hüsler also. Als Zugabe schließt sich noch eine senkrechte Seil-Takelage an, an der der Alpinist wie in einem Dreimaster hochturnen kann. Wieder wird der Bizeps sauer. Wenig später warten auf dem Jägihorn (3206m) Gipfelkreuz und Gipfelbuch. Aber auch - was ist das? - eine „Gipfelkasse“.
Die Materialschlacht am Eisenweg hat eben ihren Preis. Dafür sind die Berggemeinden um eine Attraktion reicher.
Ärmer wird wohl nur der Bergsteiger, der durch die neuen Ferrata-Spielereien den Blick für die natürlichen Schönheiten des Hochgebirges verliert.
INFOBOX
- Der Baltschieder Klettersteig liegt oberhalb von Visp im Wallis. Er beginnt auf ca. 1700 Höhenmetern und endet praktisch vor der Wiwanni-Hütte (2400Hm). Erbauer ist der Hüttenwirt, der nach einem mäßig schwierigen Steig kürzlich auch eine sportliche Variante angelegt hat.
- Der Leukerbadner-Klettersteig wartet mit den höchsten Schwierigkeiten auf und verlangt konditionell einiges ab. Eingestiegen wird auf ca. 2000 Höhenmetern, dann geht’s erst quer durch die Wände des Daubenhorns (2942m), später steil hinauf – mit einer extrem luftigen Variante am Ausstieg.
- Das Jägihorn (3206m) gilt als gemäßigter Klettersteig, der auch für die fitte Familie geeignet ist. An der Drahtseil-Variante scheiden sich dann die Geister.
Literatur: Eugen Hüsler, Meine Klettersteig-Favoriten, Bruckmann-Verlag, sehr informativ und gut lesbar geschrieben, viele Abbildungen und Fotos.
- Internet: www.klettersteige.ch, www.wallis.ch, www.leukerbad.ch, www.saas-fee.ch, www.MySwitzerland.com. (GN)
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