Das aktuelle Wetter NRW 22°C
Stammzellentherapie

Nabelschnurblut soll Max helfen

16.04.2009 | 12:52 Uhr
Nabelschnurblut soll Max helfen

Bochum. Mediziner Ruhr-Universität Bochum haben einem kleinen Jungen Stammzellen aus eigenem Nabelschnurblut transplantiert. Seitdem macht das Kind Fortschritte. Arne Jensen und sein Forschungsteam entwickeln seit rund sieben Jahren Stammzelltherapien, um frühkindliche Hirnschädigungen zu behandeln.

Es sind nur 90 Milliliter Blut, die ein Leben verändern können. 90 Milliliter, die den Unterschied ausmachen können zwischen einer hoffnungsreichen Zukunft oder einem Leben im Dämmerzustand: Der knapp dreijährige Max* (Anmerk.: Das Symbolbild oben zeigt nicht den behandelten Jungen) erlitt nach einem Herzstillstand einen Hirnschaden. Dem Kind wurden Stammzellen aus seinem eigenen Nabelblut injiziert. Jetzt macht Max erstaunliche Fortschritte.

Wenn Prof. Dr. Arne Jensen über die Behandlung des Jungen mit Stammzellen spricht, tut er das mit der gebotenen Vorsicht des Forschers. „Es ist noch zu früh, um den langfristigen Erfolg einschätzen zu können. Es ist ein einzelner Heilversuch und keine Studie, die eine Wirkung der Stammzellen zweifelsfrei belegt”, sagt der Direktor der Frauenklinik der Ruhr-Universität Bochum.

Das Kind lacht wieder - für die Eltern eine Erlösung

Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Eckhard Hamelmann von der Universitätskinderklinik führte er im Januar eine der weltweit ersten Nabelschnurblut-Transplantationen an einem Kind mit zerebraler spastischer Lähmung durch.

Jensen und seine Forschungen waren so etwas wie der letzte Strohhalm, nach dem die Eltern von Max griffen. Bei einer Darmoperation Ende November war das kleine Herz des Jungen stehengeblieben, durch Sauerstoffmangel erlitt sein Gehirn einen akuten Schaden. Max verfiel in eine Art Wachkoma, seine Arme und Beine verkrampften sich unter spastischen Lähmungen. „Die Eltern waren völlig verzweifelt, als sie bei uns anriefen”, sagt Jensen. Das Paar aus NRW, Jensen schildert es als jung und aufgeschlossen, hatte von dessen Forschungen auf dem Gebiet der Nabelschnurblutzellen erfahren. Könnten diese bisher an Tieren durchgeführten Behandlungsversuche womöglich auch die Situation ihres Sohnes verbessern? Die Hoffnung der Eltern kam aus dem Eisfach: Sie hatten bei der Geburt von Max vorsorglich Nabelschnurblut bei einer Blutbank einfrieren lassen.

Stammzellen unterstützen Regeneration des Hirns

Arne Jensen und sein Forschungsteam entwickeln seit rund sieben Jahren Stammzelltherapien, um frühkindliche Hirnschädigungen zu behandeln. „Unsere Versuche haben gezeigt, dass Nabelschnurblutzellen bei neugeborenen Ratten mit Hirnschäden verhindern, dass diese Tiere spastische Lähmungen bekommen”, sagt Jensen. Im Nabelschnurblut sind kernhaltige (mononukleäre) Zellen enthalten. Vereinfacht geschildert: Ein geschädigtes Gehirn versendet gewisse Schädigungssignale; die transplantierten Stammzellen wandern in den geschädigten Bereich und setzen Stoffe frei, die ihrerseits Prozesse veranlassen. „Wir wissen aus unseren Experimenten, dass Stammzellen die Regeneration des Hirns unterstützen”, sagt Jensen.

90 Milliliter Nabelschnurblut hatten Max' Eltern bei einem Leipziger Unternehmen einfrieren lassen, binnen weniger Tage wurde die Stammzellenübertragung organisiert. Nachdem die Forscher die Einwilligung der Ethikkommission der Ruhr-Universität erhielten, wurde dem Jungen am 27. Januar die gesamte eingelagerte Probe transplantiert. Die Zahl der Stammzellen darin war sehr hoch, „je mehr Zellen darin sind, desto besser”, sagt Jensen.

Eine Versicherung gegen die Angst

Prof. Dr. Arne Jensen, Direktor der Universitäts-Frauenklinik Bochum

Nun, knapp drei Monate nach der Übertragung, sind die Bochumer Fachleute selbst einigermaßen erstaunt über die Fortschritte des Kindes. Max war komplett an Armen und Beinen spastisch gelähmt. Er kann wieder sitzen und leidet nicht mehr an Krämpfen in den Extremitäten. Wird er geistig beeinträchtigt sein? „Das wissen wir nicht. Das Kind kommuniziert wieder mit der Umwelt, reagiert völlig angemessen auf Zuwendungen seiner Eltern und lacht wieder. Für die Eltern ist es eine Erlösung”, sagt der Bochumer Stammzellenexperte.

Warum die Eltern Blut aus der Nabelschnur einlagern ließen? Reine Bauchsache, eine Versicherung gegen die Angst, seinem Kind später einmal nicht helfen zu können, weil man nicht alles für es getan hat.

Jetzt Nachweis mit Studie führen

So wie es aussieht, ist Max durch die Behandlung mit seinen eigenen Stammzellen und der schnellen Reaktion seiner besorgten Eltern auf einem Weg, der Hoffnung verspricht. Denn zwischen der Schädigung des Hirns und der Gabe der Stammzellen darf nicht zuviel Zeit verstreichen. Die Umbauprozesse im Hirn nach der Schädigung seien sozusagen Voraussetzung dafür, dass die Stammzellen den Weg in das geschädigte Areal fänden, sagt Jensen.

Dürfen auch andere Patienten Hoffnungen in eine Stammzellentherapie mit eigenem Nabelschnurblut setzten? „Wir wollen jetzt in einer kontrollierten Studie die Wirkung dieser Stammzellen nachweisen. Bisher haben wir nur dieses eine Kind behandelt. Der Schluss liegt aber nahe, dass Stammzellen aus dem Nabelblut wesentlich zu einer Besserung beigetragen haben.”

*Name geändert

INFO

Nach Angaben von Prof. Arne Jensen von der Ruhr-Universität Bochum erleiden jedes Jahr rund 1000 Kinder vor oder während der Geburt sowie später durch Unfälle oder Krankheiten einen Hirnschaden. Bislang habe es dagegen keine Therapie gegeben. "Die Infusion der eigenen Nabelschnurblut-Stammzellen des Patienten verspricht offenbar erstmals echte Behandlungserfolge", sagt der Stammzellenexperte.

Nabelschnurblut, das Plazentarestblut, wird in -196 Grad kaltem Stickstoff konserviert. Daraus lassen sich Stammzellen gewinnen, die sich in viele Zell- und Gewebearten entwickeln können. Mediziner hoffen, sie später einmal bei Therapien gegen Krebs- oder Autoimmunerkrankungen einsetzen zu können.

Nabelschnurblut können Eltern in kommerziellen oder öffentlichen Blutbanken einlagern. Die Gebühren für 20 Jahre Lagerung in kommerziellen Banken können bis zu 2500 Euro betragen.

Experten wie der Genforscher Prof. Christoph Baum kritisieren, dass bisherige Erfolge von Nabelblutstammzellen wissenschaftlich nicht belegt seien.

Rund ums Thema:

Michael Schmitz

Facebook
 
Kommentare
16.04.2009
09:50
Nabelschnurblut soll Max helfen
von HB | #2

Spannende Sache, wenn das mit den Nabelblut Stammzellen funktioniert. Ich drücke dem Kind die Daumen.

16.04.2009
06:23
Nabelschnurblut soll Max helfen
von FF | #1

Tja dolle Sache, daß mit den Stammzellen aus der Nabelschnur.

Nur das die Extraktion und Konservierung dieser Stammzellen aus der Nabelschnur Eltern erstmal 1500-3000€ kostet, schreckt halt ab bzw. macht es den meisten unmöglich.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/607042/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Die wichtigsten Fotos der Woche
Bildgalerie
Bilder des Tages
Wave Gotik Treffen 2012
Bildgalerie
Kulturfestival
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Das ist die Miss Fußball-EM
Bildgalerie
Schönheitskönigin
Aus dem Ressort
Junge Deutsche in Bosnien acht Jahre als Sklavin gehalten
Misshandlung
Nach acht Jahren ist eine junge Deutsche befreit worden, die wie eine Sklavin gehalten wurde. Die 19-Jährige wurde von einem Ehepaar in Bosnien unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten. misshandelt und ausgebeutet. Polizisten brachten die Frau an einen sicheren Ort.
Dank Anke Engelke gewinnt nicht nur Schweden beim ESC
ESC
Zwei Auftritte hatten am Samstagabend beim Eurovision Song Contest in Baku besondere Klasse: der gesangliche der späteren Siegerin Loreen und jener von Anke Engelke. Sie schickte als einzige Vertreterin eines Teilnehmerlandes bei der Punktevergabe kritische Worte nach Aserbaidschan - und erntet...
Foto Text 7 Kommentare 7