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Lkw-Fahrer filmt seine Jagd auf Flüchtlinge bei Calais

Lkw-Fahrer filmt seine Jagd auf Flüchtlinge bei Calais

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wegda22~ee910e0d-ef0f-4bff-9fb4-e5bccf53c059.jpg Foto: YouTube/Levente Jeddi
„Kriegsgebiet“ sei das vor Calais, sagt ein Lkw-Fahrer. Und setzt dann in einem schockierenden Video seinen Brummi als Waffe ein.

Calais. 

Ein ungarischer Lkw-Fahrer hat ein Video veröffentlicht, das seine Jagd auf Flüchtlinge bei Calais zeigt. Der Fahrer beschleunigt unter wüsten Drohungen seinen Lkw und hält gezielt auf die Menschen an der Autobahn zu. Auch Tage danach verteidigt er seine Aktion noch in Kommentaren auf YouTube und Facebook.

Das rund 14 Minuten lange Video zeigt, wie Flüchtlinge an der Straße nach Möglichkeiten suchen, in Lkw Richtung England zu gelangen und dabei ständig auf der Fahrbahn laufen. Als ein Lkw mit offener Tür am Rand steht, hört man den vorbeifahrenden Fahrer sagen: „Ziehen sie den aus dem Führerhaus.“ Die Aggression steigert sich. „Bleibt von mir weg, oder ich fahre Euch über den Haufen!“, sagt er. Dann berichtet der Fahrer, ein Migrant sei gerade bei ihm zwischen Zugmaschine und Anhänger geklettert. „Er ist direkt hinter mir. Wenn ich rausgehen, steche ich die Ratte ab, das schwöre ich.“ Dieses und weitere Videos hat er unter der Überschrift “Calais-Migranten gegen Lkw-Fahrer und Europa“ veröffentlicht.

Rund eine halbe Minute später bringt er seinen Lkw aus nicht genau ersichtlichen Gründen zum Stehen. Auf dem Video ist zu erkennen, dass die Türe des Lkw zwei Mal geöffnet und zugeschlagen wird. Auf ungarisch schreit der Fahrer dann unter obszönen Beleidigungen, man solle seinen Spiegel nicht anrühren. „Raus, ich schlage Dir den Kopf ein“, sagt er dann, während dauerndes Hupen zu hören ist.

Als ein Lkw rechts überholt, fährt auch der Lkw wieder an und fährt versetzt neben dem anderen Lkw her, bis er sich plötzlich dahinter fallen lässt und dann stark nach rechts zieht. „Kommt her, ich fahre euch platt“, sagt der Mann unter weiteren obszönen Bezeichnungen. Männer springen im letzten Moment zur Seite, einige zeigen ihm den Mittelfinger, Plastikflaschen fliegen Richtung Lkw. Der Fahrer wechselt danach auf die linke Spur, auf der zu diesem Zeitpunkt auch ein Mann läuft.

Bislang gibt es keine Berichte, dass Ermittlungen gegen den Lkw-Fahrer eingeleitet wurden. Das Video ist inzwischen mehr als 2 Millionen Mal abgerufen, die Diskussion darunter ist zum Teil erschreckend. Der Fahrer bekommt viel Zuspruch, für den er sich bedankt. Zugleich verteidigt er sich gegen Kritik und attackiert Medien. Dort sei es wie in einem Kriegsgebiet, es seien keine echten Flüchtlinge, sondern Kriminelle. Es habe auch keine echte Gefahr für die Männer bestanden.

In seinem Video hatte der Mann eingangs bereits deutlich gemacht, was er über die Flüchtlinge denkt: „Warum seid Ihr nicht Zuhause und kämpft gegen die Terroristen? Eure Frauen wehren sich gegen das Regime und ISIS?“

Logistikverbände mahnen Hilfen für Branche an

Die unglaubliche Aktion des Fahrers hat eine monatelange Vorgeschichte: Bei Unfällen sind schon Flüchtlinge auf der Autobahn gestorben. Angesichts der Zustände weigern sich nach Angaben von Logistikverbänden und Transportunternehmen inzwischen Fahrer oft, diese Route zu fahren.

Der deutsche Bundesverband Logistik forderte bereits im Mai von der Bundesregierung wörtlich, „mit den Auslandsvertretungen der Bundesrepublik Deutschland alles zu unternehmen, damit die körperliche Unversehrtheit der Fahrer gewährleistet und das Eigentum der Unternehmen wirksam geschützt wird.“ Angesichts der großen Anzahl von Menschen zeige sich die Polizei meist machtlos und schaue weg.

Auch Touristen geschockt

Direkt an der Autobahn ist der sogenannte „Dschungel“, ein Lager von Menschen, die auf Gelegenheiten zur Einreise nach England warten. Bekannt geworden war auch das Video aus einem Reisebus mit neuseeländischen Touristen, in dem Fassungslosigkeit und vereinzelte Angst deutlich wurde.

Dave Adams, dessen Frau Jenny das Video gemacht hatte, schrieb in seinem Blog dazu: „Wir hoffen, dass die Bilder dazu führen, dass über Auswege für die Menschen gesprochen wird und nicht die Folge haben, dass die Flüchtlinge diffamiert werden. Wir waren geschockt, aber unser Mitgefühl gilt den Menschen.“