Burn-Out: Jeder dritte Lehrer ausgebrannt
02.11.2009 | 10:35 Uhr 2009-11-02T10:35:00+0100
Dortmund. Eine neue Studie belegt: Lehrer sind extremen Belastungen ausgesetzt. Eine repräsentative Umfrage des Uniklinikums Freiburg unter Lehrern ergab, dass jeder fünfte Lehrer eigentlich krankgeschrieben werden müsste.
Bei jedem dritten seien Symptome für ein Burn-out-Syndrom nachweisbar, sagt der Autor der Studie, Prof. Joachim Bauer.
Für die repräsentative Studie wurden über tausend Lehrer an Hauptschulen und Gymnasien befragt. Das Ergebnis ist besorgniserregend und widerlegt den verbreiteten Mythos, der Lehrerberuf sei eine gut bezahlte Halbtagstätigkeit mit viel Urlaub. Laut den Forschungsergebnissen des Psychiaters arbeiten Lehrer im Schnitt 51 Stunden pro Woche, wobei sie zunehmend Schikanen ihrer Schüler ausgesetzt sind. Als Folge fühlen sich immer mehr ausgebrannt. In Hauptschulen treten die Probleme verstärkt auf.
Jeder vierte leidet an Erschöpfung
Den Angaben zufolge sind rund 30 Prozent der Lehrer überlastet. Etwa jeder vierte leide unter Erschöpfungszuständen, jeder fünfte an stressbedingten Gesundheitsstörungen wie depressiven Symptomen und Schlafproblemen.
Damit gehörten Lehrer zu den am stärksten vom Burn-out-Syndrom betroffenen Berufsgruppen. Begünstigt werde dies durch zwei Faktoren: Einerseits zeigten viele Lehrer eine hohe Bereitschaft, sich zu verausgaben - ohne Anerkennung zu erhalten. Andererseits hätten sie kaum Gestaltungsspielräume. Zugleich sollen sie den Erwartungen gerecht werden, die Schüler, Eltern und Politiker an sie stellen. Die Situation sei paradox: Lehrer sollen viel bewirken, dürften aber nur wenig entscheiden.
Sehr hohe Dunkelziffer
Dorothe Schäfer, stellvertretende Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW-NRW, sieht viele nicht erfasste Burn-out-Fälle. „Wir haben eine sehr hohe Dunkelziffer.” Betroffene melden sich meist nicht, „da sie sich persönliches Versagen vorwerfen”. Schäfer spricht von einem „dramatischen Problem”.
Es müsse unbedingt eine „bessere Kooperation zwischen Eltern und Lehrern” geben, so Prof. Joachim Bauer. „Kinder brauchen Führung, sie brauchen eine klare Linie in der Schule und zuhause”, sagt der Psychiater. Viele Kinder seien außerhalb der Schule ganz auf sich gestellt. Experten sprechen in diesem Fall von „Wohlstandsverwahrlosung”.
„Die Anforderungen des Lehrerberufs sind gewaltig”, betont Bauer. Lehrer müssten nicht nur fachlich perfekt sein. Darüber hinaus sollten sie Kinder und Jugendliche mögen, wobei aber erwartet werde, dass sie ihre Schützlinge nicht nur empathisch behandelten, sondern zugleich auch energisch führen könnten - und dies möglichst ohne Frustrationen zu erzeugen. Zudem seien sie neuerdings einem hohen Maß an verbaler und körperlicher Aggressivität von Schülern ausgesetzt.
Akute Kränkungsereignisse
Vor allem jene Lehrer, die sich mit dem Beruf überidentifizierten und sich stark verausgabten, seien am häufigsten von Erschöpfungszuständen geplagt. Laut Bauer geht einem Burn-out meist ein „akutes Kränkungsereignis” voraus wie etwa ein schwerer Lehrer-Schüler- oder Lehrer-Eltern-Konflikt.
Neun bis zehn Stunden Arbeit
- Schon Ende der 90er Jahre hatten Experten in NRW den hohen Einsatz vieler Lehrer gemessen. 6500 Pädagogen wurden untersucht, die durchschnittlichen Jahresarbeitszeiten lagen zwischen 1750 und 1980 Stunden (9-10 Stunden pro Schultag).
- Auffällig war die große Streuung der Werte. Es gibt demnach Pädagogen, die ausgesprochen viel arbeiten - und solche, die den Job eher leichtnehmen.
- Für Lehrer, die unter dem Burnout-Syndrom leiden gibt es im Allgäu die Hochgrat-Klinik, die auf solche Fälle spezialisiert ist. hochgrat-klinik.de
Die Probleme werden nach Erkenntnissen des Wissenschaftlers oft schon im Referendariat akut: Bereits in dieser Phase der Ausbildung stellten viele Pädagogen fest, dass sie nicht ausreichend auf den Beruf vorbereitet worden seien, und entwickelten erste stressbedingte Gesundheitsbeschwerden.
Der Wissenschaftler arbeitet mit betroffen Lehrer in sogenannten Kriseninterventions-Trainings. Lehrer lernen dort Beziehungspsychologie, Körpersprache und den Einsatz ihrer Stimme. „Alles wichtige Faktoren, die sonst in der Ausbildung außer Acht gelassen werden”, so Bauer.
GEW und Joachim Bauer fordern als Konsequenz eine bessere Lehrerausbildung. „Bisher werden Lehrer kaum auf die Situation in der Schule vorbereitet”, so Bauer. Zudem müssten die Klassen verkleinert werden. Auch in NRW ist das Problem erkannt. Bereits mehrfach nahm das Schulministerium Kontakt mit dem Freiburger Experten auf.
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