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Arbeitswelt

Die rastlose Gesellschaft

18.02.2013 | 19:40 Uhr
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Mittlerweile gibt es Gesundheitskurse, in denen gelehrt wird, Atem zu holen. Ganz so, als könne der Mensch das nicht von allein. Das Schlimme ist: Wir sind wirklich dabei, das Atemholen zu vergessen. Nicht als Individuum, aber als Gemeinschaft vergessen wir, dass wir Luft holen, aufatmen müssen, nicht immer durcharbeiten können. Gewiss, dass Polizei, Feuerwehr und Krankenhaus rund um die Uhr arbeiten, dass Strom, Gas und Wasser fließen müssen, ist offenkundig. Und niemand will in eine Gesellschaft zurück, in der sonntags Friedhofsruhe herrscht, niemand möchte, dass mit Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Doch mittlerweile gehen immer mehr Unternehmen dazu über, rund um die Uhr zu arbeiten: Wer seinen Maschinenpark ständig nutzt, senkt Stückkosten, bleibt konkurrenzfähiger, kann seine kostbaren Arbeitsplätze noch ein Weilchen halten, ehe sie dahin gehen, wo Arbeit noch billiger ist. Zurück bleiben Menschen, die mit dem Fluch von Wechselschicht und Wochenendarbeit geschlagen sind: Einem erhöhten Krebs- und Herzkreislauf-Risiko, das die Weltgesundheitsorganisation schon 2007 als bedrohlich eingestuft hat. Die Nacht- und Wochenendarbeit hat neue Rekorde erreicht. Die Zahl der psychisch Erkrankten auch.

Denn im Terror ständiger Erreichbarkeit über Telefonie und Internet und zwischen verkaufsoffenen Sonntagen (die wir brauchen, weil wir sonst vor Arbeit nicht zum Shoppen kommen) sind wir zu rastlosen Menschen geworden. Arbeitstiere, die Sendeschluss und Zapfenstreich als antiquiert empfinden.

Wohl dem, der es da noch schafft, sich in dieser rastlosen Gesellschaft noch seine Oasen der Ruhe zu bewahren. Denn die Wallstreet – das Zentrum im weltenweiten Netz immer rasanterer Kapitalflüsse, in denen derzeit eine Aktie alle 22 Sekunden den Besitzer wechselt, gibt den Takt unseres globalen Dorf es vor. Wir sind alle Anlieger der Wallstreet und haben verdrängt, dass sie in jener Stadt liegt, die besungen wird als Metropole, die niemals schläft. Das klang lange wie eine Verheißung. Doch wir haben leider uns verhört. Es ist eine Drohung.

Stephan Hermsen

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