Das aktuelle Wetter NRW 1°C
Kultur

Verbrechen in den Zeiten der Pest

28.03.2008 | 18:44 Uhr
Funktionen

Kann man nach einem historischen Mammutwerk wie "Die Säulen der Erde" einen zweiten, ähnlich kolossalen Roman schreiben? Ken Follett hat's versucht - und das Ergebnis ist alles andere als langweilig.

Ken Follett mit seinem neuen Roman. (Bild: Schacht/action press)

In "Die Tore der Welt" gibt es Parallelen zum Vorläufer. Kingsbridge als Ort der Handlung ist bekannt. Abermals prägen Bauwerke, Fehden, die Gier nach Macht und Geld den Alltag. Der Brite nimmt den Leser mit auf eine fesselnde Zeitreise, die rund zweihundert Jahre früher beginnt als bei der ersten Entdeckungstour.

Zwei der Hauptfiguren sind sehr ungleiche Brüder, sie stehen beide in direkter Linie zu Jack Builder, dem Erbauer der Kathedrale. Merthin heißt der eine Sproß, der als Baumeister ein rechtschaffenes Leben führt, Ralph ist sein Bruder, der nach heutigen Maßstäben schon als Kind ein Fall fürs Erziehungscamp gewesen wäre. Damals konnten allerdings Verbrechen, suchte man sich die richtigen Opfer und die passenden Beschützer aus, der Karriere zuträglich sein. Schließlich erhält Ralph sogar den Titel "Sir".

Eine Holzbrücke vor den Toren der Stadt hat bei ihrem Einsturz Hunderte Menschen in den Tod gerissen. Szenen wie die des Brückeneinsturzes sind sehr plastisch erzählt. Man zuckt beim Lesen förmlich zusammen. Und wenn ein Vater (aus Not und Niedertracht) seine Tochter verkauft, wird der Leser zum Komplizen des Mädchens, als es seine Peiniger tötet. Hilflosigkeit spürt man in den Passagen, in denen der Autor von den Folgen der Pest erzählt. Zugleich erhält man Einblick in eine Art des medizinischen Denkens, die die Ausbreitung der Seuche verschlimmert.

Als sinnlos erscheinen auch die Schlachten der Engländer und Franzosen, die Follett brutal schildert. Detailreich schmückt er die Stellen aus, in denen es um Liebe und Sex geht. Da muss der Leser selbst kaum Fantasie entwickeln.

Bleibt für Geschichtsbewusste noch die Frage, ob der Roman historisch korrekt ist. Sagen wir mal so: Mit Quellentexten des Mittelalters allein dürfte es schwierig werden, Spannung zu erzeugen. Dichterische Freiheit kann nicht schaden. Ken Follett: "Die Tore der Welt". Lübbe Verlag. 1294 Seiten. 24,95 Euro.

Theo Körner

Kommentare
Aus dem Ressort
"Niveau Weshalb Warum" - Im Herzen von Deichkind
Musik
Das neue Deichkind-Album „Niveau Weshalb Warum“ sagt Kluges im Partymodus – und bewegt sich an der Grenze zwischen Irrsinn und Ernsthaftigkeit.
US-Sängerin Anastacia eröffnet das Zeltfestival Ruhr
Musik
Mit dem Konzert der amerikanischen Sängerin Anastacia wird am 21. August das Zeltfestival Ruhr eröffnet. Weitere Gäste sind Rea Garvey und Clueso.
"Chronist der Jugend" - US-Fotograf Will McBride gestorben
Nachruf
Vor Kurzem hat ihn eine Berliner Ausstellung noch gefeiert. Nun ist der amerikanische Fotograf Will McBride im Alter von 84 Jahren gestorben.
Satiriker Fritz Eckenga bringt Gedichtband heraus
Lyrik
Ein gerade erschienener Leinenband versammelt auf 448 Seiten „Alle Gedichte und neue“ von Satiriker Fritz Eckenga. Der ist derweil völlig mit sich im...
"Uptown Special" - Das Comeback von Funkmaster Mark Ronson
Musik
Vier Jahre nach dem Tod von Amy Winehouse, deren Bestseller „Back To Black“ er mit zu verantworten hat, wagt Mark Ronson ein musikalisches Comeback.
Fotos und Videos
article
1637690
Verbrechen in den Zeiten der Pest
Verbrechen in den Zeiten der Pest
$description$
http://www.derwesten.de/wr/kultur/verbrechen-in-den-zeiten-der-pest-id1637690.html
2008-03-28 18:44
Kultur