Das aktuelle Wetter NRW 15°C
Literatur

Sascha Rehs Roman "Gibraltar" - Die Schulden und die Schuldigen

19.02.2013 | 18:53 Uhr
Sascha Rehs Roman "Gibraltar" - Die Schulden und die Schuldigen
Völlig losgelöst von der Produktion: Die Börse hat Hochkonjunktur – als Romanthema. Auch bei Sascha Reh.Foto: dapd

Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Autor Sascha Reh nimmt in seinem zweiten, rasant erzählten Roman „Gibraltar“ die drängendste Frage der Zeit auf: die nach der Schuld am Zocker-Unwesen der Banken. Am Ende offenbart die Geschichte, dass selbst altehrwürdige Bankiers machtlos sind gegen die halsabschneiderischen Exzesse der Finanzindustrie.

An der spanischen Mittelmeerküste hat die Bauspekulationsblase halbfertige Ferienhausruinen zurückgelassen, die gut als Versteck taugen. Nicht nur für die Afrikaner ohne Papiere, die es übers Mittelmeer geschafft haben. Sondern auch für den Börsenhändler aus Frankfurt, der gerade fast 40 Millionen Euro beiseitegeschafft hat und auf der Flucht ist – seine Privatbank trudelt nämlich gerade in die Pleite. Er muss dringend nach Gibraltar, aber die Illegalen flehen ihn um Hilfe an.

Machtlos: altehrwürdige Bankiers

Bis in die Örtlichkeit hinein gut ausgedacht, dieser symbolpralle Zusammenstoß von Menschen aus zwei sehr entfernten Regionen der Sozialskala im digitalen Kapitalismus. Der im Ruhrgebiet aufgewachsene Sascha Reh nimmt mit seinem zweiten, rasant erzählten Roman „Gibraltar“ die drängendste Frage der Zeit auf, die nach der Schuld am Zocker-Unwesen der Banken, das mit seinen Wett-Optionen und Leerverkäufen jeden wirtschaftlichen Sinn hinter sich gelassen hat.

Die Blickweise dieses Romans scheint eine Antwort zu sein. Sechs Beteiligte am Geschehen, vom Besitzer der Privatbank, seiner Frau und seinem Sohn bis zum tablettensüchtigen Börsenbroker, seiner Frau und seiner Stieftochter: Die Welt besteht aus Perspektiven. So erschließt sich nebenbei die Geschichte des Bankhauses Alberts & Co. von der Weimarer bis zur Berliner Republik. Am Ende offenbart sie, dass selbst altehrwürdige Bankiers machtlos sind gegen die halsabschneiderischen Exzesse der Finanzindustrie.

Ein böser Verdacht

Sascha RehFoto: Remo Bodo Tietz

Durch diesen Roman streunen aber auch unzufriedenheitssüchtige Frauen und verantwortungsscheue Männer. Einer bringt seine permanente Unentschiedenheit gewinnbringend in der Therapeuten- und Beraterbranche ein. Und Nutznießer-Talente, die es weit gebracht haben in ihrer Opportunismus-Optimierung. Es gibt aber auch den einen oder anderen Zufall zu viel in diesem Buch (wie das wenig originelle Zusammentreffen zweier Eheleute beim Blind Date).

Am Ende bleibt in „Gibraltar“ ein böser Verdacht: Die individuelle Schuld an der Erpressung einer ganzen Gesellschaft durch das Finanzsystem könnte sich auf die Entscheidung beschränken, ob man von diesem System profitieren will oder nicht. Dass es dessen grundlegende Gesetzmäßigkeiten sein könnten, die zur Steuerzahler-Plünderung führen, gerät schon gar nicht mehr in den Blick. Wohl aber, dass die Schulden, mit denen die Banken ihre Geschäfte machen, nie weg sind. Irgendwer zahlt immer die Zeche. Die Schuldigen allerdings am allerwenigsten. Da ist dieser Roman wieder voll und ganz in der Lebenswirklichkeit.

Sascha Reh: Gibraltar. Roman Schöffling & Co, 461 Seiten, 22,95 Euro.

Jens Dirksen



Kommentare
21.02.2013
20:56
Sascha Rehs Roman
von feierabend | #1

boulevard!!!!!!!!!!!!!

Aus dem Ressort
„Der Angestellte“ – Szenen aus dem Alptraum Büro
Neuerscheinung
Alptraum Büro: In „Der Angestellte“ sehen wir, wie deutsch auch Argentinien sein kann. In einem Großraumbüro irgendwo in Buenos Aires laviert sich ein Mann durch seinen Alltag. Bis er eines Tages genug von Intrigen und der Ausbeutung hat und seinen Ausstieg plant. Ein Roman von Guillermo Saccomanno.
Stadtarchiv Bochum zeigt große Weltkrieg-Ausstellung
Zeitgeschichte
Das Zentrum für Stadtgeschichte in Bochum hat sein Herbstprogramm vorgelegt. Zentrales Thema ist die Erinnerung an DAS Ereignis vor 100 Jahren. „Zwischen Heimat und Front – Bochum im Ersten Weltkrieg“ heißt die umfangereiche Eigenproduktion, die am 24. August eröffnet wird.
Buh- und Bravo-Rufe für "Siegfried"-Inszenierung in Bayreuth
Wagner-Festspiele
Ein Held muss vom Sockel. Frank Castorfs "Siegfried" ist in Bayreuth keine Lichtgestalt, sondern ein Soziopath. Dafür gibt es viele Bravos, aber auch entrüstete Buhrufe. Die Publikumsreaktion dürfte ein Vorgeschmack sein auf das, was Regisseur Castorf am Freitag nach der "Götterdämmerung" erwartet.
Louis de Funès – Zappelphilipp, Tyrann, Publikumsliebling
Kultstar
An diesem Donnerstag vor 100 Jahren wurde ein Mann geboren, der zu einem prägendsten Stars des europäischen Films werden sollte: Louis de Funès. Der Franzose war ein Publikumsliebling, obwohl die Leinwand-Nervensäge schlechthin war. Privat, natürlich, war er ganz anders.
„Ton Steine Scherben“ melden sich zurück
Reunion
Sie müssen nicht nur ohne Rio Reiser auskommen. Nur noch zwei MItglieder der berüchtigten Formation von "Ton Steine Scherben" sind in der neu formierten Band dabei. Man baut auf Familie, aber will trotz Rückbesinnung auch den Neuanfang. Bald kommt die Band nach Köln.
Umfrage
Die Bundesregierung erwägt, Arzttermine zentral zu vergeben , um lange Wartezeiten zu verhindern. Eine gute Idee?

Die Bundesregierung erwägt, Arzttermine zentral zu vergeben , um lange Wartezeiten zu verhindern. Eine gute Idee?