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Industriekultur

Die Extraschicht der Rekorde

30.06.2012 | 15:00 Uhr
Extraschicht von oben; Deutsches Bergbau-Museum bei der Extraschicht 2010. Foto: Hans Blossey

Dortmund.   Seit elf Jahren ist die "Extraschicht" der größte schwerindustrielle Sommernachtstraum der Welt - und in diesem Jahr soll er wuchtiger sein denn je. Neue Spielorte des erfolgreichen Festivals locken. Am 30. Juni kommt die lange Nacht der Industriekultur.

Strukturwandel ist: Pressekonferenzen im Klärwerk - und wenn die Köttelbecke unserer Kindertage das Zeug zum Erlebnis „Emscherpassage“ hat. Nein, es bricht hier nicht die Stunde des Lästerns an. Wir blicken erwartungsvoll auf die „Extraschicht“. Seit elf Jahren ist es der größte schwerindustrielle Sommernachtstraum der Welt. Ein Magnet, der nicht nachlässt. Dieses Jahr soll er wuchtiger sein denn je. Dazu tragen neun neue Spielorte bei: Auf dem Nährboden harter Arbeit will die Kultur hier noch mehr Performance-Pflänzchen ziehen.

Was passiert?

Das ist jetzt praktisch gemeint und gar nicht gemein: Es gibt grundsätzlich am 30. Juni überall dasselbe: Menschen, die Neugier mitbringen und keine Angst haben, ihr Hemd zu verrußen, dürfen eine Nacht lang so viel Industrie plus Kultur sehen, wie sie wollen. So ziemlich überall – von Unnas 1979 geschlossener Lindenbrauerei bis zu den 1000 kreativen Feuern auf der Dinslakener Halde Lohberg. Nirgends – ob im Lärmtunnel der Dortmunder „Dasa“ oder bei m Chemiepark Marl – muss man sich anmelden. Höchstens anstellen. Regel: Wo es voll schön ist, ist es meistens auch schön voll.

Zeit und Geld

Los geht es ab 18 Uhr. Schluss ist meist weit nach Mitternacht, mal im Schein feister Feuerwerke, mal zu kubanischer Musik am leeren Pool des alten Castroper Parkbades oder auf der „Walpurgisnacht“ des Theaters an der Ruhr. Alles kostet den einen Preis (14 € für alle Transfers, alle Eintritte etc. Das Ticket für vier: 44 €) – und als Aufschlag vielleicht ein bisschen Geduld. Weil zum Beispiel im Oberhausener Gasometer immer nur 2025 Menschen zur gleichen Zeit sein dürfen. Oder weil der Shuttle-Bus von Bottrop Richtung Zeche Carl gerade weg ist oder die Ruhrtalbahn, mit der man mühelos von Zeche Nachtigall zur Henrichshütte tuckern kann.

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Ganz fesch: Es gibt E-Bike-Shuttles. Und für den Seemann im Püttrologen: Schiffsverkehr. So kann man in 75 hoch(ofen)romantischen Minuten von der Ludwiggalerie Oberhausen zum Amphitheater Gelsenkirchen gleiten.

Was immer geht

Klassiker vom Ganzen: Zollverein in Essen natürlich, Zeche Zollern in Dortmund. Duisburgs Binnenhafen, Hertens Zeche Ewald. Dasselbe ist es ja lange noch nicht, nur weil man im zweiten oder vierten Jahr hinpilgert. Nein, die Kreativen (ob Shakespeare Open Air oder Riesenreigen junger Bands) sind weit von Ruhrroutine entfernt. Wer sichergehen will, plant seine Reise durch die Nacht minutiös durch – nach Schauplatz, Kunstform oder Bequemlichkeit. Die anderen lassen sich treiben. Das Schlimmste, was passieren kann: den letzten Bus zu verpassen. Angeblich haben in der Not gebildete Sammeltaxen aber auch schon Ehen gestiftet.

Ganz schön hell hier

Es ist ja eine der großen Hoffnungen für unsere Region, dass den Machern mal ein Licht aufgeht. Am 30. Juni jedenfalls drücken sie die Schalter: „Licht an!“ heißt das auf gut Extraschicht-Deutsch. Die Beamerbuam erhellen Duisburgs Binnenhafen, Fiege in Bochum wird zum Plätzchen fürs „Lichtpicknick“. Und am Nordsternpark Gelsenkirchen treffen Laserstrahlen auf eine echte Sopranistin.

Wir sind Vorbild!

Die Extraschicht macht Schule. Der Osten ist ganz aus dem Häuschen und sendet 2012 sogar zeitgleich: In Oberschlesien und in der Ukraine bittet man zur „Industriada“ bzw. „Zweiten Schicht“. Delegationen haben an der Ruhr abgeguckt.

Die Neuen

Neun der 53 Austragungsorte der „Extraschicht“ sind neu. Das Bergwerk Bergmannsglück in Gelsenkirchen, das Zechengelände Arenberg-Fortsetzung in Bottrop, Mülheims Altes Solbad am Raffelberg, Bochums Ruhr-Uni und das Haus Witten; außerdem öffnet die Emschergenossenschaft von Holzwickede bis Dinslaken vier frisch gereinigte Feuchtgebiete fürs Publikum. Apropos Emscher: Vom Dach der drei „Fauleier“ ertönt die ganze Extraschicht lang immer wieder ein Hornkonzert mit Schiffs und Nebelhörnern. Das ist dann auch Strukturwandel: Dass man hört, was man gottseidank nicht mehr riechen kann.

Zum Programm der Extraschicht
Extraschicht 2011
Extraschicht im Revier

Lars von der Gönna



Kommentare
01.07.2012
19:27
Die Extraschicht der Rekorde
von Labret | #8

Wir haben unsere Extraschicht-Stationen allesamt mit Bus & Bahn erreicht und das wesentlich besser, als erwartet.

Die Shuttle-Busse waren voll, aber nicht überfüllt und man musste auch nicht Ewigkeiten auf dieselben warten. Lediglich die Taktung der Straßenbahn 107 könnte nochmal überdacht werden...

Grundsätzlich kann man es wohl nicht immer allen Recht machen. Für mich waren die Industriedenkmale nicht nur bloße Kulisse, sondern gleichermaßen interessant wie der "Firlefanz" drumherum - es war einfach ein perfektes Zusammenspiel.

01.07.2012
14:41
Die Extraschicht der Rekorde
von Wetterchen | #7

Mit den Auto konnte man auch alle Events gut erreichen. Wir waren in Recklinghausen, Jarhunderthalle Bochum, Uni Bochum und den Park in Gelsenkirchen. Parkplätze gabs genug, volle Buse (die wir zahlreich "voll" gesehen haben) brauchten wir nicht nehmen und zu Fuss war alles gut zu erreichen.

Das Programm hat auch überzeugt (bis auf die Jahrhunderthalle) und das Wetter war doch perfekt.

01.07.2012
12:29
Die Extraschicht der Rekorde
von sauerlandisse | #6

Volle Busse gehören doch einfach dazu, sonst stimmt was nicht.
Wir waren rund um Bochum und Dortmund unterwegs und es war wieder einmal toll. Das Wetter spielte ja auch mit!
Nicht so klasse fanden wir die Bauerei Fiege, das war Abzocke (2,50 Euro für ein Bier) und die angekündigte Brauereibesichtigung war eher reizlos und nichtssagend. Das kann die Konkurrenz im Sauerland besser!

01.07.2012
08:02
Die Extraschicht der Rekorde
von Chlodwig | #5

Dieses mal hat mir die Extraschicht richtig gut gefallen. Das Programm war abwechslungsreich und wirklich gut. Z.B. die Show im Amphitheater war ein echtes Highlight. Mit den Bussen hat es dieses Jahr zumindest bei mir auch gut funktioniert. Klar ist gerade zu den Stoßzeiten an den Hauptattraktionen viel Los. Insgesamt konnte ich aber überall schnell und problemlos hinfahren. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.

01.07.2012
02:18
Die Extraschicht der Rekorde
von drmccoy | #4

Die Extraschicht war für Bus und Bahnbenutzer teilweise eine reine Tourtour. Beispiel Duisburg. Hier war der Shuttlebus zum Landschaftspark Nord restlos überfüllt, Warum man die Straßenbahnlinie 903 nicht mit einbezogen hat bleibt wieder einmal ein Geheimnis der Verkehrsplaner. Beispiel Essen: Hier startet wie immer pünktlich der Nachtbus bereits um 23 Uhr und ab 0.30Uhr fuhren die Busse nur noch stündlich, auch hier das gleiche Bild, Überfüllte Busse und warum man die U-Bahn bei solchen großen Events nicht zumindest bis Veranstaltungsende fahren läßt, bleibt ebenfalls ein Geheimniss der Verkehrsplaner. Fazit: Nach dem Feuerwerk am Landschaftspark Nord hatte die DVG kurzfristig noch zusätzliche Bahnen im Einsatz, was sehr positiv aufgenommen wurde, Aber warum die Evag wieder einmal nicht über ihren Schatten springen konnte und zumindest bis 2.30 alle 30min den Nachtbus fahren läßt ist ein großes Rätsel was unbedingt besser werden muss.

30.06.2012
23:20
Die Extraschicht der Rekorde
von Andakawa | #3

Achja, früher war alles besser. Hach. ;-)

30.06.2012
20:01
Früher Klasse, heute Masse!
von SoerenHL | #2

Früher war die Extraschicht eine reizvolle Symbiose aus dem gebotenen Zugang zu ehem. verbotenen Städten und in die Industrieanlagen eingebettete Kultur. In den letzten, eventverseuchten Jahren verkommen die Industriedenkmale zur bloßen Kulisse von massenhaft als "Kunst" bezeichnetem Firlefanz. Hauptsache irgendwo juchzt, blinkt und nebelt es. So wirken die eigentlichen Stars der Industriekultur als traurige Skelette, als Beiwerk zum Futtern und Bechern und sind im inneren nur dazu da um oftmals reichlich banales Gedöns in ihen respektlos ausbreiten. Die Messlatte für Kunst liegt selten so niedrig wie in dieser Nacht. Weniger wäre (wie früher) mehr. Heute wirkt die Nacht der Industriekultur nicht mehr als identitätsstiftendes Fest, sondern als verzweifeltes Anfeiern gegen den Niedergang des Ruhrgebiets. Es ist ein Totentanz auf gefledderten Leichen. Ich gehe dieses Jahr nicht mehr hin.

30.06.2012
19:38
Die Extraschicht der Rekorde
von TVtotal | #1

Heimstätte der Arbeitslosigkeit und Sinnbild des Neokapitalismus.....aber wir machen daraus Kultur...LOL

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