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Musik

Das große Glücksgefühl in der Gemeinschaft

25.03.2012 | 23:00 Uhr
Der Scratch-Chor 2012 in der Hagener Stadthalle.

Hagen. Es gibt weiß Gott Stücke, die leichter zu singen sind. Dennoch wagen 220 Laien-Sänger das Abenteuer, Rossinis „Stabat Mater“ an einem einzigen Tag einzustudieren und aufzuführen. Sie kommen aus Hagen, Herdecke, Iserlohn, Olsberg, Meschede, Olpe, Hamburg, Dortmund, Köln. Einmal im Jahr zieht es sie nach Hagen. Dann werden sie zum Chor für einen Tag : beim Scratch-Projekt .

„Sie müssen in dem Tempo singen, das ich dirigiere“, empfiehlt der Hagener Generalmusikdirektor Florian Ludwig. Ok. Ein guter Rat. Viele der regelmäßigen Scratch -Teilnehmer reisen extra wegen der mit Wonne erwarteten Sprüche des Maestros an.

"Singen rührt mich"

„Ein Sopran ist bass erstaunt, wenn ein Tenor alt wird“, sortiert Ludwig seine Mitstreiter nach Stimmlagen. Dann blicken wir ohne Umschweife dem Angstgegner des Tages entgegen. Der großen Schlussfuge. „In sempiterna saecula, Amen.“ Es ist theologisch eine großartige Idee von Rossini, die Ewigkeit als Kanon anzulegen und das Universum mit einer Reise durch die Oktaven zu umspannen. Leider liegen die Sprünge nicht bequem. Die Einsätze kommen schnell. Florian Ludwig bleibt gelassen. Er hat eine Menge Tipps parat. „Wenn Sie atmen müssen oder einen hohen Ton nicht treffen, kein Problem, dann lassen Sie einfach ein paar Töne weg. Sie haben Nachbarn, die das singen können.“

Beim Scratch treffen sich chorerfahrene Sänger mit Teilnehmern, die einfach gerne singen, ohne große Praxis oder Ausbildung zu haben. Barbara Richter aus Hagen ist zum ersten Mal dabei. Florian Ludwigs Aufforderung, vor falschen Tönen keine Angst zu haben, hat ihr Mut gemacht. „Ich habe das Werk auf CD gehört, das ist ja wirklich gewaltig. Da drin zu stehen und das mit Orchester mitzusingen, das stelle ich mir schön vor“, sagt sie in der Mittagspause. Sigrid Lux aus Hagen will schon seit Jahren beim Scratch mitmachen, konnte das aber bisher nicht mit ihrem Dienst vereinbaren. „Obwohl ich im Chor singe, kann ich keine Noten lesen“, schildert sie, dass sie das ergreifende Opus rein nach Gehör einstudiert. „Singen rührt mich an, es macht mich so glücklich.“

Mit Profiorchester und hervorragenden Solisten

Scratch ist Teamarbeit. Man muss auf die anderen hören und man hofft, sich von ihnen die Töne ablauschen zu können, die man selbst nicht draufhat. Wir sollen nicht mit gesenktem Kopf in der Partitur kleben, fordert Ludwig. „Lesen Sie die Noten mal so, dass Sie ein bisschen Kontakt zur Außenwelt haben.“

Scratch-Projekt mit 220 Sängern

Der Tag ist lang, die Stunden fliegen dahin. Für die meisten Teilnehmer besteht der Reiz von Scratch gerade darin, einmal unter einem richtigen Generalmusikdirektor zu singen, mit einem Profiorchester und mit hervorragenden Solisten. Angela Wannenmacher aus Dortmund hat bereits Erfahrung mit Projektchören, aber es ist ihr erstes Scratch. „Ich finde es klasse. Auch, dass man andere kennenlernt.“

Das gefürchtete hohe "C"

Noch eine Viertelstunde. Der Saal füllt sich. Familie und Freunde wollen das Ergebnis des Tages hören. Wieder einsingen. Ist mir allein so schlecht? Lampenfieber kocht die Knie butterweich. Jetzt! Der erste Einsatz! Geht doch.

Auch für die großartigen Solisten Angelina Ruzzafante (Sopran), Kristine Larissa Funkhauser (Mezzo), Rafael Vázquez (Tenor) und Karl Huml (Bass) ist das „Stabat Mater“ kein Spaziergang. Rossini hat sich ein paar Extras ausgedacht. Rafael Vázquez muss am Ende seiner großen Arie „Cujus animam“ auf dem hohen „Des“ jonglieren, einen Halbton höher noch als das gefürchtete hohe „C“. Steiler aufwärts geht es in der ganzen Tenor-Literatur nicht mehr.

Die Nervosität weicht

Einen Chorsänger soll man nicht hören, denn dann fängt er entweder zu früh an oder hört zu spät auf. Alle 220 Sänger zusammen hingegen klingen überwältigend. „Eia mater“. Das „Inflammatus et accensus“ mit den Flammen, die aus dem Orchester züngeln.

Und nun die Schlussfuge. Wir geben alles. Gott sei Dank fliegen wir nicht alle gleichzeitig raus. Die Nervosität weicht dem großen Glücksgefühl. Bin ich das? Die piepsende Maus gewinnt eine Stimme, die sitzt und von 219 anderen Stimmen getragen wird. Das ist Scratch.

Am Ende steht das Orchester auf, bevor wir unsere Zugabe geben können. Na ja, es kann halt nicht alles klappen. Das Seligkeit indessen bleibt. Wir treffen uns nächstes Jahr wieder.

Scratch-Projekt 2011

Monika Willer



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