"Mein Programm ist eine ewige Baustelle"
15.03.2010 | 18:04 Uhr 2010-03-15T18:04:00+0100
Andreas Rebers ist „Auf der Flucht”. Der mehrfach prämierte Kabarettist kommt am 19. März ins Medien- und Kulturhaus Lyz.
Es ist sein drittes Gastspiel in Siegen. Irmine Skelnik sprach mit Rebers über Heimat und Betroffenheitskomik.
Erinnern Sie sich noch an ihre letzten beiden Auftritte in Siegen?
Ja, sehr gut. Beim ersten Mal brauchte das Publikum etwas Zeit, um mich kennen zu lernen und mit dem Humor warm zu werden. Beim zweiten Besuch wussten sie was sie erwartet und es war ein warmherziger, fröhlicher Abend.
Sie sind Niedersachse mit schlesischen Wurzeln und leben in Bayern. Wie autobiografisch ist „Auf der Flucht?
Eigentlich kaum noch. Ich halte es bei meinem Programm mit dem Prinzip von Ignacio Lopez, meinem ökonomischen und religiösen Vorbild. Er hat gemeinsam mit Ferdinand Piech im VW-Konzern KVP angewandt, also einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess.
Ab Juli mit „Ich regle das auf der Bühne”
So mache ich es auch. Auf meinem Weg erlebe ich viele Geschichten, sehe zum Beispiel, wie schön brüderliche Liebe in der katholischen Kirche sein kann. Das nehme ich mit auf. Ich bin ein offenes System, und mein Programm eine ewige Baustelle. Aber im Juli ist Schluss. Dann stehe ich mit der Fortführung „Ich regle das” auf der Bühne.
Wie ist ihr Programm?
Überparteilich und unsachlich, wie man so schön sagt. Es unterhält minimalistisch und abseits der Massenkomik. Wir sind auf dem Weg des Verfalls, alles wird platt geschliffen. Mein Programm ist geprägt von dem kleinen Humor. Ich bin übrigens im Besitz des Konjunkturmotors und bringe ihn mit nach Siegen. Angela Merkel möchte mit dem Konjunkturmotor die Wirtschaft ankurbeln, und ich habe ihn.
Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist da, wo ich gerade bin. Es ist eher ein Gefühl, auch ein Gewohnheitsgefühl, also da, wo ich meinen Frisör und meinen Zahnarzt habe. Meine Mutter war Flüchtling und mein Vater seit dem Zweiten Weltkrieg schwerbehindert. Dann sind wir in Niedersachsen angesiedelt worden. Ich glaube da, wo man seine Kindheit verbringt, ist das Heimatgefühl am ungetrübtesten. Ich bin immer noch gerne dort.
Haben sie dort auch noch Kontakt zu ihrer ersten Band „Los Promillos”?
Natürlich, mein Bruder hat in der Band Gitarre gespielt und ich Orgel. Wir hatten auch noch einen Schlagzeuger.
Als Kabarettist lassen sie sich sehr schwer kategorisieren. Wie würden sie sich selbst einschätzen?
Was ich zutiefst ablehne, sind ideologische Systeme, also alle -ismen. Ich betreibe auch keinen Lobbyismus auf der Bühne sondern bin eher kritisch. Ich habe einen vermutlich intellektuellen Hintergrund, habe aber weite Teile meines Lebens mit der Arbeiterklasse verbracht. Ich bin relativ in der Mitte und ziemlich unereignisreich.
Wir Deutschen haben gelernt, dass wir ein Tätervolk sind, und das Verständnis wird immer noch in den Schulen vermittelt. Doch es gibt heute auch Inländerfeindlichkeit, wenn zum Beispiel, wie neulich, eine Gruppe junger Türken Jagd auf blonde Schülerinnen macht. Das ist etwas, mit dem viele noch nicht klarkommen.
Betroffenheitskomik schafft keine Identität
Es ist kein Problem, sich auf die Bühne zu stellen und zu sagen, wir sind schuld. Diese traditionelle Betroffenheitskomik schafft aber keine Identität für die Zukunft. Diesem Denken habe ich mich schon früh verweigert, auch wenn ich mit vielen Polit-Kabarettisten der alten Schule wie Dieter Hildebrand gearbeitet habe.

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