Das aktuelle Wetter NRW 16°C
Medizin

Neue Trainingsmethode könnte Lähmungen heilen

01.06.2012 | 08:45 Uhr
Neue Trainingsmethode könnte Lähmungen heilen
Forscher heilen gelähmte Ratten mit einer neuer Therapie.

Washington.   Ein schweizerisches Forscherteam hat es geschafft, gelähmte Ratten mit einer neuer Therapie zu heilen. Eine gezielte Stimulation des Rückenmarks und Lauftraining lassen Nervenverbindungen nachwachsen. Die Methode könnte auch Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen wieder auf die Beine bringen.

Trotz schwerer Rückenmarksverletzung haben querschnittsgelähmte Ratten dank einer neuen Therapie wieder laufen gelernt. Schon nach wenigen Wochen Training machten sie wieder erste selbstständige Schritte mit ihren Hinterbeinen, bald schon liefen sie wieder Treppen hinauf und wichen geschickt Hindernissen aus.

Erreicht hat dies ein schweizerisches Forscherteam mit gezielter Stimulation des Rückenmarks und Laufübungen. Durch diese Therapie seien neue Nervenverbindungen im Rückenmark gewachsen und hätten die Bewegungsfähigkeit der Hinterbeine vollständig wieder hergestellt. Das zeige, dass das Rückenmark regenerationsfähiger sei als bisher angenommen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Science".

Studie mit menschlichen Patienten geplant

Die Wissenschaftler halten es für durchaus möglich, dass die neue Trainingsmethode zukünftig auch Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen wieder auf die Beine bringen kann. Erste Studien mit menschlichen Patienten in einer Klinik in Zürich sind ihren Angaben nach geplant und könnten in zwei Jahren beginnen.

Während sich Gehirn und Rückenmark nach leichten Verletzungen wieder regenerieren können, ist dies bei schwerwiegenden Schäden meist nicht der Fall: Sind zu viele Nervenleitungen im Rückenmark durchtrennt, wachsen sie nicht mehr zusammen und eine dauerhafte Lähmung ist die Folge - dachte man zumindest bisher. Doch das Experiment der Schweizer Forscher zeigt nun, dass eine Heilung unter bestimmten Bedingungen doch möglich sein kann.

Der Schlüssel zum Erfolg sei, zunächst das vom Gehirn abgetrennte Rückenmark wieder aufzuwecken und zu aktivieren, sagen Grégoire Courtine von der Universität Zürich und der Ècole Polytechnique Fédérale de Lausanne und seine Kollegen. Dieses Rückenmarks-Gehirn, wie sie es nennen, müsse dazu gebracht werden, die Nervenheilung anzuregen und selbstständig Bewegungen zu koordinieren.

Verletzung ähnlich wie bei vielen menschlichen Gelähmten

Für ihre Studie durchtrennten die Forscher bei zehn Ratten die Hauptleitungsbahnen des Rückenmarks bis auf einen kleinen Teil des Nervengewebes. Diese Art der Verletzung entspreche sehr gut derjenigen vieler querschnittsgelähmter Menschen, sagen die Wissenschaftler. Als erstes injizierten sie chemische Botenstoffe in die untere Rückenmarksregion der Ratten und reizten den Bereich mit leichten Stromstößen. Damit simulierten sie aktivierende Signale, mit denen der Hirnstamm die Nervenleitungen normalerweise auf eine Bewegung vorbereitet.

Schon nach sieben Tagen dieser Behandlung führten die Ratten auf einem Laufband erste unwillkürliche Schrittbewegungen mit ihren Hinterbeinen aus. "Diese werden allerdings nur durch die Bewegung des Laufbands ausgelöst, selbstständig könnten die Ratten diese Schritte nicht ausführen", erklären Courtine und seine Kollegen.

Spezielles Lauftraining

Dies änderte sich erst, als die Wissenschaftler die elektrochemische Stimulation des Rückenmarks mit einem speziellen Lauftraining kombinierten. Dazu wurden die Ratten täglich 30 Minuten lang aufrecht in ein robotergesteuertes Gestell eingespannt. Dieses stützte ihre Wirbelsäule, wenn sie versuchten, ihre Hinterbeine zu bewegen. Eine Belohnung in Form von Schokolade lockte die Ratten an das andere Ende einer Übungsplattform. Triebkraft für ihre Bewegung war allein die Willenskraft der Tiere. Das Robotergestell fing sie nur auf, wenn sie zu fallen drohten.

"Nach zwei bis drei Wochen Training machten die Ratten die ersten selbstständigen Schritte", berichten die Forscher. Die Beine hätten dabei bereits das volle Körpergewicht der Ratten getragen. Die Kombinationsmethode habe das normalerweise nur im Kindesalter stark ausgeprägte Regenerationspotenzial des Rückenmarks reaktiviert und die Ratten wieder zum Laufen befähigt, konstatiert Courtine. (dapd)


Kommentare
Aus dem Ressort
An Ebola erkrankter Arzt aus Westafrika erliegt Krankheit
Ebola
Ebola breitet sich in Westafrika aus. Auch Ärzte haben sich schon bei Patienten angesteckt. Ein Mediziner, der möglicherweise in Hamburg hätte behandelt werden können, ist nun gestorben.
Ärzte fühlen sich unzureichend auf HIV-Beratung vorbereitet
Umfrage
Eine Umfrage in Deutschland ergab, dass sich Ärzte nicht ausreichend auf eine HIV- oder Aids-Beratung vorbereitet fühlen. Der Großteil gab zu, keine kompetenten Auskünfte über die tödliche Krankheit geben zu können. Eine Änderung ist in Anbetracht steigender Infektionszahlen dringend nötig.
Hautkrebs-Operationen in fünf Jahren deutlich gestiegen
Melanome
Die Zahl der Hautkrebs-Operationen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, 2012 mussten über 90.000 Patienten stationär behandelt werden. Insgesamt waren Männer etwas häufiger betroffen als Frauen. Zu viel Sonne ist eine der Hauptursachen, die andere ist nicht beeinflussbar.
Eine Frage der Abwägung - Fakten zum Mammografie-Screening
Brustkrebs
Ein Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs ist nicht unumstritten. Um eine Entscheidung über eine Teilnahme an diesem Verfahren zu treffen, sollten Frauen sich genau informieren. Wir geben einen Überblick über die Vor- und Nachteile der Vorsorgeuntersuchung.
Sanfte Handgriffe können bei Babys Verspannungen lösen
Entspannung
Die Zeichen von Babys zu verstehen, ist für Eltern nicht immer leicht, gerade dann, wenn das Neugeborene permanent schreit. Häufig ist Stress die Ursache für das Schreien. Doch mit bestimmten Handgriffen können Eltern ihrem Baby helfen, besser zu entspannen.
Umfrage
Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?

Bei Paketdiensten herrschen vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Das haben Kontrollen von Behörden ergeben. Welche Reaktionen erwarten Sie?

 
Fotos und Videos