Das aktuelle Wetter Essen 10°C
Reptilienexperte

Ein Mann für sehr spezielle Gefahrenherde

29.03.2011 | 16:33 Uhr
Ein Mann für sehr spezielle Gefahrenherde
Der Reptilienexperte Roland Byner mit einer Boa constrictor. WR-Foto: Ralf Rottmann

Bochum.Wenn Berufsfeuerwehrmann Roland Byner ausrückt, dann meist zu sehr speziellen Gefahrenherden. Sie kann man nicht einfach austreten wie einen Brand. Von Dortmund bis Essen, von Bocholt bis Hagen wird Byner gerufen, wenn es um herrenlose Schlangen, exotische Spinnen und Skorpione geht.

Der Bochumer Reptilienexperte ist so etwas wie ein „Dr. Bob“ der Feuerwehr. Dr. Bob, das sollte man wissen, ist im RTL-Dschungelcamp so ziemlich der einzige vernunftbegabte Bewohner und muss verhindern, dass harmlosen tierischen Urwaldbewohnern von hysterischen deutschen C-Promis bei „Ekelprüfungen“ ein Leid angetan wird. Dr. Bob sagt Sätze wie: „Nicht bewegen“ oder „Wenn Du gebissen wirst, wird’s nur ein bisschen weh tun.“

Genau das sagt Roland Byner auch über seine Rotknie-Vogelspinne, die stoisch auf seinem Handrücken ruht. Der 47-Jährige weiß aus vielen Jahren Erfahrung, dass die haarige Mexikanerin ein gutmütiges Wesen besitzt. Eine weitere Vogelspinne, eine chilenische Rosea, ein Kaiser-Skorpion, zwei Boa constrictor und drei brasilianische Hühnerfresser-Nattern vervollständigen seinen überschaubar kleinen privaten Zoo. „Ich stelle mir doch nicht die Wohnung mit Schlangen zu“, sagt er.

Mieter weg, Tier blieb da

Meist handelt es sich um sogenannte Sicherstellungstiere. Eine der Boas stammt aus einer Messie-Wohnung. „Der Mieter hatte sich verflüchtigt und das Tier dagelassen“, sagt Byner. Der 47-Jährige hat sie aus dem Müll gefischt. Jetzt muss Byner die Riesenschlange wieder hinkriegen. Die Boa schleimte aus dem Mund und verweigerte Nahrung und dass eine Boa nicht frisst, hat Byner in seinem Leben als Schlangenmensch noch nie erlebt, denn sowas gibt’s nicht. „Lungenentzündung“, lautete die tierärztliche Diagnose.

Roland Byners Wohnung in der Nähe der Ruhr-Universität ist für die Fundtiere nur ein Übergangsheim. Der Reptilienexperte ist gut vernetzt, über Tierärztin und Terrarienfreunde kommen sie schnell in gute Hände. Sogar seinen Nachbarn hat er drangekriegt, ans Reptilienhobby. Kommt mal wieder eine harmlose Kornnatter rein, geht sie gleich über den Flur, zehn Stück hat der Mann schon. Einer der spektakulärsten Fälle seiner Laufbahn ereignete sich vor einigen Monaten in Dortmund. Eine 27-Jährige hatte von einer Trekking-Tour im australischen Outback einen hochgefährlichen blinden Passagier eingeschleppt. In Dortmund war ein „Black Rock“, ein tödlich giftiger Skorpion, aus ihrem Rucksack gekrabbelt.

20 bis 30 Schlangen-Notrufe pro Jahr

In mittlerweile mehr als 20 Jahren hat Roland Byner ein bemerkenswertes zoologisches Wissen über Schlangen erworben. Seine Expertise über Reptilien, Gifte und Gegenmittel gibt er in Fortbildungen an Polizei- und Feuerwehrkollegen weiter. Aus dem Lipperland funkten ihn mal hektische Kollegen an: Einer von ihnen war von einem Kupferkopf gebissen worden. Giftig? – Nicht nur ein bisschen, aber auch nicht tödlich. Die Viper hatte durch den Lederhandschuh gebissen, als der Feuerwehrmann bei einem Kabelbrand in einem Terrarium die brennbare Streu ausräumen wollte. Auch Medizinern kann Roland Byner manchmal nützliche Tipps geben. Den Biss einer Kap-Kobra, riet er mal einem Notfallarzt, solle er besser nicht mit dem Serum aus Thailand behandeln, das er gerade in der Hand halte. Weil: ganz falsches Gegengift und ganz schlechte Wirkung.

Pro Jahr erreichen Byner an seinem Arbeitsplatz bei der Werksfeuerwehr von Opel 20 bis 30 Schlangen-Notrufe. Zu 99 Prozent ungiftig, auch bei dem gefährlichen 1 Prozent ist nie was passiert. Manchmal muss er etwas richten, was freizügige Verordnungen erlauben: die Haltung giftiger Schlangen in jedermanns Hand. Einer bekifften Frau, deren Freund gerade wegen Drogenvergehen in den Knast eingefahren war, musste er mit sanftem Nachdruck zwei Texasklapperschlangen und eine Schwarze Witwe abschwatzen.

Woher rührt sein Interesse an Reptilien, diesen kaltblickenden emotionslosen Tieren? Kann man von der Schlange vielleicht nutzbringend erfahren, wie sie im Paradies Eva rumgekriegt hat? Für Roland Byner sind es völlig andere Wesen, deren Faszination von ihrer Außergewöhnlichkeit herrührt. Sogar sein Urlaub führt in Regionen, in denen es Pythons oder Kobras gibt. „So kann ich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden“, sagt er. Quasi Bildungsurlaub.

Dolle Tiere, schwärmt er

Zuhause hat er nichts mehr, was giftig ist, obwohl schon einige gefährliche Schönheiten da waren. Klapperschlangen oder Gabun-Vipern, dolle Tiere, schwärmt Byner. Seine Frau meinte dazu nur: „Dolle Tiere oder ich“, worauf Byner seufzt: „Man kann nicht alles haben.“

Die Höflichkeit des Chronisten verbot an dieser Stelle weiteres Nachbohren zum Familienstand. . .

Michael Schmitz

Facebook
 
Kommentare
31.03.2011
07:24
Ein Mann für sehr spezielle Gefahrenherde
von Antonietta | #2

Zurzeit leben etwa 10 000 Giftschlangen, 200 000 Würgeschlangen und 10 000 Warane, Pfeilgiftfrösche und Chamäleons in deutschen Wohnzimmern. Diese vielfach aus freier Natur entführten Tiere werden, einmal bei uns in Europa, oft ohne die nötige Sachkenntnis gehandelt und verkauft, sodass immer wieder Exoten sterben, weil ihre Halter im Umgang mit den teilweise auch für Menschen gefährlichen Tieren überfordert sind. Hinzu kommt, dass viele vom Aussterben bedrohte und deshalb geschützte Arten bei Sammlern besonders begehrt sind und im Verkauf hohe Preise erzielen – was wiederum den Schmuggel antreibt. Das alles wird von einer nicht einheitlichen, mitunter gänzlich fehlenden Gesetzgebung begünstigt.

30.03.2011
12:15
Ein Mann für sehr spezielle Gefahrenherde
von Medevac71 | #1

Es ist schon klar, dass für jeden normalen Menschen ein Vergleich mit Dr.Bob eine Beleidigung ist, oder ?

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/4480261/create

Umfrage
Noch nie war Tanken so teuer wie im Moment. Wie reagieren Sie auf die hohen Spritpreise?

Noch nie war Tanken so teuer wie im Moment. Wie reagieren Sie auf die hohen Spritpreise?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Wandern mit der WR
Bildgalerie
Tatort Dortmund
Bildgalerie
Aus dem Ressort
Die Angst vor der Scharia ist größer
Assad-Regime
Er wünscht sich eine syrische Demokratie, doch vor der Revolution und ihren Folgen fürchtet er sich. Deswegen steht Julius Hanna Aydin, Bischof der syrisch orthodoxen Kirche in Deutschland fest hinter Assads Regime. Nahostexperte Jochen Hippler hält das für bedenklich.
Bürger wollen eine Straße „Marke Eigenbau“
Sanierung
Die Anlieger einer Wohnstraße in Warstein wehren sich gegen den teuren Ausbau. Statt die mit Schlaglöchern übersäte Straße für viel Geld komplett zu sanieren, wollen die Anwohner stattdessen eine Billig-Lösung Marke Eigenbau. Doch es gibt Widerstand.