Bergbau
Bergwerk Ost in Hamm schließt im September
18.03.2010 | 20:10 Uhr 2010-03-18T20:10:00+0100
Dortmund. Rund sechs Monate bevor das Bergwerk Ost in Hamm schließt, bereiten sich die Beschäftigten und auch die RAG auf die Verlegung von rund 1200 Kumpeln aus dem Kreis Unna und Hamm vor. „Mit Zechenschließungen haben wir Erfahrung”, sagt RAG-Sprecher Christof Beike.
AUS ERFAHRUNGEN GELERNT
- Obwohl bis zum Jahr 2012 weitere 1700 Kumpel aus dem Saarland nach NRW wechseln, sieht die RAG mit der Personalverteilung keine Probleme. „Mit Zechenschließungen haben wir Erfahrung”, sagt RAG-Sprecher Christof Beike. „Immer wenn eine schließt, werden die Kollegen auf die restlichen verteilt. Das klappt jetzt noch, wird aber natürlich zunehmend schwieriger. Vor allem, wenn man darüber nachdenkt, dass bis 2018 Schluss ist.”
- Der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Westfalen, Kurt Hay, äußerte seine "tiefste Überzeugung", dass der Bergbau eine Zukunft habe. "Wir als IGBCE werden sehr genau darauf achten, dass man eine vernünftige und wirklich realistische Prüfung vornimmt und die Revisionsklausel nicht nur irgendein ein Zwischenakt wird." Derzeit bleibe aufgrund der politischen Beschlüsse - "die wir nach wie vor für falsch halten" - jedoch nichts anderes übrig, "als gute Miene zum bösen Spiel zu machen".
- Nach Ansicht der Beschäftigten habe die RAG jedoch aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: „Der Verlegungsvorgang läuft heute viel professioneller ab, viel runder”, lobt der Betriebsratsvorsitzende des Bergwerks Ost, Wolfgang Junge, die langfristige und zentrale Planung. Als „gute Geschichte” bezeichnete er zudem, dass inzwischen komplette Kolonnen verlegt werden. „Dann kennt man nicht nur die Leute, sondern kann auch Fahrgemeinschaften bilden.”
An der „Ahnenwand” im Betriebsratsbüro sind die SPD-Politiker eindeutig in der Überzahl. Der Betriebsrat mit Steinbrück, der Betriebsrat mit Schartau, sogar noch ein Schwarz-Weiß-Bild vom Betriebsrat mit Clement. Eins der jüngsten Fotos stammt vom Betriebsrat mit Müntefering, als der Parteichef im Juni 2009 das Bergwerk Ost in Hamm besuchte. Ob am 30. September auch noch einmal Polit-Prominenz kommen wird, darüber haben sich die Bergleute noch keine Gedanken gemacht. Aber wie dieser Tag ablaufen wird, das weiß ihr Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Junge (45) ganz genau: „Sehr leise.” Denn am 30. September ist hier für immer Schluss. Dann ist Schicht im Schacht. Dann kommt der Deckel drauf. Offiziell heißt das: Die „letzte Förderschicht” wird gefahren - so, wie es die neue Bergbauplanung vorsieht, seit das Steinkohlefinanzierungsgesetz in Kraft ist. Für die verbliebenen knapp 2300 Kumpel aus Bergkamen, Bönen, Hamm, Kamen, Lünen und Unna fängt dann die Fahrerei an. Oder die Anpassung.
Wer wohin kommt, ist noch unklar
Wer wohin kommt, ist noch unklar, aber die Zahlen stehen schon fest: 550 Mitarbeiter wechseln zur Zeche Auguste Victoria in Marl, 550 zum Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Rund 100 weitere, überwiegend aus dem kaufmännischen Bereich, werden auf „verschiedene Standorte” aufgeteilt, darunter auch die Hauptverwaltung in Herne. Nur rund 100 Bergleute werden langfristig am Standort bleiben, um für die Wasserhaltung zu sorgen.
Die anderen 1000 werden ihre Grubenlampe für immer an den Haken hängen - ob sie wollen oder nicht. Für sie tritt mit 49 Jahren die APG in Kraft, die Anpassungsgeldregelung. Für Rolf Tischnau-Krajewski zum Beispiel, Bergmechaniker aus Kamen, seit 1977 im Bergbau. „Natürlich würde ich länger arbeiten, wenn ich könnte - schon wegen der finanziellen Einbußen”, gibt er zu. „Aber ich habe ja keine Wahl.” Nur einen kleinen Trost: Anders als die Kollegen, die verlegt werden, darf er bis zu seinem letzten Arbeitstag in Hamm bleiben. „Der Jahrgang '62 wird nicht mehr verlegt”, betont Wolfgang Junge. Das hat man im Sozialplan festschreiben lassen. Ein Erfolg im Kampf der Bergleute - ebenso wie die Tatsache, dass die letzte Förderschicht „erst” am 30. September gefahren wird.
„Sehr früh war eigentlich als Stilllegungsdatum bereits der 30.12.09 lanciert worden”, blickt Junge zurück. Nicht zuletzt mit Druck der IGBCE sei es jedoch gelungen, die Frist um neun Monate zu verlängern. Die Frage, was das noch bringt, wenn das Bergwerk eh stillgelegt wird, stellt sich für den Betriebsrat nicht. „Für uns war klar, wenn das Ende schon feststeht, dann wollen wir um jeden Monat kämpfen. Jeder Tag, an dem die Kollegen nicht 60 oder 80 Kilometer zu einer neuen Schachtanlage fahren müssen, ist gut.”
"Ich bin so ein Wandervogel"
Kollegen wie Horst Wenge (43) aus Bergkamen. „Ich bin auch so ein Wandervogel”, sagt er. „Immer der Arbeit hinterhergezogen.” Und es klingt noch nicht einmal verbittert, wenn er die Stationen aufzählt, wo er gearbeitet hat, seit er 1983 seine Bergbauzeit mit einer Ausbildung zum Schlosser begann: Von Gneisenau in Dortmund-Derne ging es zu Kurl 3 in Lünen-Niederaden, dann zu Victoria 1/2 in Lünen, danach zu Grimberg 3/4 und zu Haus Aden in Bergkamen und schließlich, seit 1999, zum Bergwerk Ost nach Hamm. Wohin es ihn ab dem 1. Oktober verschlagen wird, weiß er noch nicht. „Aber ich hoffe, dass ich mit nur noch einer Verlegung auskomme.” Wie er die aktuelle Situation bewertet? „Dass wir mit dem Bergbau auf einem absteigenden Ast sind, ist klar. Aber das Schöne ist, dass keiner ins Bergfreie fällt. Für jeden wird ein adäquater Arbeitsplatz geschaffen. Dass das nicht vor der Haustür sein wird, sollte jedem bewusst sein.”
Doch die Nachricht, dass nun 1700 Kumpel aus dem Bergwerk Saar - das Mitte 2012 schließt - ebenfalls neue Jobs in NRW am Niederrhein oder dem Ruhrgebiet finden sollen, kann die heimischen Bergleute nicht ärgern. Im Gegenteil. „Wir verstehen uns als eine Mannschaft hier”, sagt Wolfgang Junge. „Da ist es völlig egal, ob jemand aus Ibbenbüren oder dem Saarland oder aus Hamm stammt.” Konkurrenzgedanken oder die Angst, „die anderen” könnten die wenig verbliebenen Arbeitsplätze in NRW belegen, ist den Männern im Revier fremd. Denn sie wissen, dass sie nicht nur unter Tage aufeinander angewiesen sind, dass Solidarität eben nicht nur ein Wort ist. „Sonst hätten wir das nie hinbekommen, das Gesetz”, sagt Junge. „Sonst hätten die uns untereinander ausgespielt.” Das Steinkohlefinanzierungsgesetz sichert jedoch nicht nur die Finanzierung der deutschen Steinkohle mindestens bis 2018 und die Sozialverträglichkeit, es lässt auch einen kleinen Hoffnungsschimmer: die Option nämlich, dass im Jahr 2012 überprüft wird, ob der Steinkohlenbergbau auch nach 2018 weiter gefördert wird. Auch auf dem Bergwerk Ost gäbe es dann eine Option: den Anschlussbetrieb Donar mit genug Kohle für die nächsten 30 bis 40 Jahre und Jobs für 2500 Bergleute.
Stilllegung ist besiegelt
Die Stilllegung des Bergwerks Ost jedoch ist besiegelt, selbst dann, wenn - wie die Kumpel hoffen - nach der Landtagswahl am 9. Mai die schwarz-gelbe Landesregierung abgelöst werden sollte. „Das Ende hier ist nicht mehr rückgängig zu machen. Schon fördertechnisch geht das nicht”, sagt Wolfgang Junge. Und dann klingt er sehr nachdenklich - auch ohne auf die Fotos in seinem Büro zu schauen. „Mit einer anderen Regierungskoalition”, sagt er, „mit Steinbrück als Ministerpräsident, hätte das hier alles anders ausgehen können.”

10:49
... Steinkohle in Deutschland zu subventionieren ist wie das Retten der Schreibmaschine vor dem PC ...
Die Zeiten der Zechen sind leider vorbei! Die Subventionen sollte man besser in Bildung stecken.
07:51
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07:17
jou,
vielen dank cdu. weg mit der arbeit aus dem ruhrgebiet. schließlich haben wir alle den berufswunsch hartzvierer zu werden.
also in diesem sinne, danke, danke, ...
22:49
Vielen Dank CDU.