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Gewalt : Täter-Opfer-Ausgleich: Der schwere Blick in die Augen

WR, 14.05.2009, Gregor Boldt

Dortmund. Als sie sich das letzte Mal begegnet sind, hat der eine den anderen blutig getreten. Beim Täter-Opfer-Ausgleich sitzen sich die beiden Männer nun wieder gegenüber, nüchtern und in Gegenwart einer Mediatorin. Gerade dem Opfer helfe solch eine Begegnung mit dem Aggressor, sagen die Experten.

Dieser Weg sollte wohl einer der schwersten seines Lebens sein. Verunsichert und vom schlechten Gewissen geplagt, schleppt sich Tobias Schulz* die Stufen hinauf zum Büro für Täter-Opfer-Ausgleich (TOA). An einem Tag Ende Februar waren seine Schritte noch leichter, beschwingter – auch wenn er sich daran kaum noch erinnern kann.

Info

HINTERGRUND

ANWALT DER OPFER

Träger des Täter-Opfer-Ausgleichs in Dortmund ist der Verein Die Brücke e.V..

Im Jahr 2008 bearbeitete das Büro für Täter-Opfer-Ausgleich 501 Fälle im Erwachsenenstrafrecht (51 Jugend). 493 davon schlossen die Mitarbeiter ab. Dabei wurden 33.027 Euro an Schadenswiedergutmachung vermittelt.

Bei einem Großteil der Fälle handelt es sich um Körperverletzungsdelikte (rund 250).

"In einem Strafprozess, haben wir oft nur begrenzt die Möglichkeit, auch als Anwalt des Opfers aufzutreten, was Geschädigte häufig enttäuscht", sagt Dortmunds Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel.

„Mit Augenmaß angewendet, kann der Täter-Opfer-Ausgleich bei kleiner und mittlerer Kriminalität den Geschädigten helfen, schneller an den Schadensersatz zu kommen und ihre Angst nach der Tat zu verlieren”, so Holznagel.

Seinen ersten Urlaubstag hatte der 37-Jährige mit einem Frühschoppen begonnen und dabei mehr Bier getrunken als er vertragen konnte. Irgendwann war es Zeit den Heimweg anzutreten. Mit der U-Bahn. In der U44 hatte Rentner Gerland Hackmann* gerade Platz genommen, als ihn mit voller Wucht der Fuß von Tobias Schulz im Gesicht traf. Unter seinem rechten Auge war die Haut aufgeplatzt, Blut verschmierte Jacke und Hemd des über 80-jährigen Mannes. Andere Fahrgäste kümmerten sich um den unter Schock stehenden und stark benommenen Rentner. Erst am nächsten Tag sagte ihm ein Arzt, dass alle Knochen heil geblieben sind.

»Gerade Opfer können die Taten so besser verarbeiten«

Auch wenn die Schmerzen nach einer Weile verschwunden waren, wacht Gerland Hackmann nachts immer wieder mit Herzklopfen auf, muss das Geschehen abermals durchmachen und stellt sich immer wieder und wieder die Frage, warum ausgerechnet er Opfer von Tobias Schulz' Gewaltausbruch geworden ist.

Jetzt sitzt er ihm gegenüber. Im Büro des Täter-Opfer-Ausgleich in der Dortmunder Adlerstraße haben Menschen die Möglichkeit, die Folgen einer Straftat außergerichtlich zu regeln. „Dazu müssen sowohl der Geschädigte als auch der Beschuldigte einverstanden sein”, sagt Mediatorin Sabine Elsner. Im vergangenen Jahr vermittelte die Staatsanwaltschaft 501 Fälle an den Täter-Opfer-Ausgleich. „Gerade Opfer von Gewaltverbrechen wie Körperverletzung oder Raub können die Taten häufig besser verarbeiten, wenn sie dem Täter in die Augen sehen und die Hintergründe seines Handelns erfahren”, sagt Elsner. Für Täter kann sich solch ein Treffen positiv auf das Strafmaß bei einer eventuellen Gerichtsverhandlung auswirken. In Frage dafür kommen jedoch nur Beschuldigte, die Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernehmen, sich entschuldigen und den entstandenen Schaden ersetzen wollen.

Tobias Schulz wollte sofort. Denn im unmittelbaren Anschluss an seinen Aussetzer in der U-Bahn konnte er sich nur noch daran erinnern, dass ein Angestellter der Stadtwerke seine Personalien aufgenommen habe. Den Rest hatte der Alkohol von seiner Festplatte gelöscht. War es Absicht, war es ein Versehen, weil er seinen Halt in der Bahn verlor? „Umso geschockter war ich, als plötzlich die Vorladung von der Polizei im Briefkasten lag, wegen Körperverletzung”, sagt Schulz, der zuvor noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Auch er stellte sich seitdem immer und wieder eine Frage: Was habe ich da eigentlich gemacht? Seine Nächte sind kurz, nachdem ihn Sabine Elsner zum Täter-Opfer-Ausgleich eingeladen hatte. Sofort hat er sich nach dem Zustand von Gerland Hackmann erkundigt. Er ist aufgeregt. Kann nicht schlafen. Sein Opfer will ihn sehen.

»Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist«

An der Wand im Besprechungsraum vom TOA-Büro hängt ein weißer Bogen Papier mit den Gesprächsregeln. „Sich aussprechen lassen. Sich nicht beleidigen oder beschimpfen”, steht da mit schwarzem Edding geschrieben. In diesem Fall geschenkt. Beide erzählen ruhig und sachlich, wie sie den Tag Ende Februar wahrgenommen hatten und wie sie mit den Folgen des Ereignisses lebten. Dabei vermeiden beide Augenkontakt, suchen Halt auf der Tischplatte.

Erst bei seiner Entschuldigung nimmt es Tobias Schulz mit dem Blick seines Gegenübers auf: „Es tut mir von ganzem Herzen leid. Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. So etwas mache ich sonst nie”, sagt Tobias Schulz verschämt. Die ehrliche Bitte des Täters um Verzeihung. Den meisten Opfern, auch Gerland Hackmann, ist dies das Wichtigste. Nach zwei Stunden schütteln sich Täter und Opfer die Hände. Sie einigen sich auf 600 Euro Schadensersatz, in zwölf Monatsraten. Gerland Hackmann nimmt die Entschuldigung an und gibt Schulz noch einen Ratschlag mit auf dem Weg: „Zwei, drei Bier sind ok. Aber danach gehen Sie besser nach Hause.”

* Namen geändert

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