Erfahrungsbericht : Schlaganfall: Papa spricht eine andere Sprache

Dortmund. Vom einen auf den anderen Tag ist nichts mehr, wie es vorher war: Wie sich das Leben verändert, wenn der Vater einen Schlaganfall hat - Pampers statt Anzug, Gebrabbel statt Unterhaltungen und das bange Hoffen auf Verbesserungen.
Der 13. November 2008 war einer dieser Tage, auf die meine Eltern sich immer besonders freuten. Wie jeden Donnerstag wollten sie zu uns nach Dortmund kommen, Oma und Opa. Sie standen früh auf, frühstückten schnell – und auf dem Sprung zum Auto sackte mein Vater zusammen.
Einfach so. Das Regal mit dem Fernseher, an dem er sich noch festhalten wollte, krachte neben ihm zu Boden. Schlaganfall. „Ein schwerer Hirninfarkt”, wie der Arzt im Krankenhaus später präzisierte. Seither ist nichts, aber auch gar nichts mehr wie es war.
„Papa, wie geht's Dir?” – „Tuu-tutu-tu.Tu.” – „Gut siehst Du heute aus.” – „DididiDUDUdi.” – „Ich soll Dich von Susanne und den Jungs grüßen” – „Da.Tututu.” So laufen seit dem 13. November die Gespräche mit meinem Vater ab.
Wer denkt gleich an Schlaganfall?
Na klar, aneinander vorbei geredet haben wir auch vorher manchmal. Dann aber wenigstens in derselben Sprache. „Papa”, habe ich oft gesagt, „Papa, Du musst endlich mit dem Rauchen aufhören. Sonst haut's Dich irgendwann um.” Er hat dann stets diesen Du-hast-ja-recht-aber-misch'-Dich-nicht-in-mein-Leben-ein-Blick aufgesetzt und versichert: „Ja, ja!” Als er's dann tatsächlich ließ, hat's ihn umgehauen.
Ein paar Monate später nur und fast ohne Vorwarnung. „Ein bisschen komisch” war ihm in den Tagen zuvor gewesen. Aber wer denkt dabei gleich an Schlaganfall?
Als wir am Morgen des 13. November aufstanden, blinkte der Anrufbeantworter. Er hatte eine dieser Nachrichten aufgezeichnet, von denen man glaubt, sie kämen nur in Albträumen vor. Tränenerstickte Stimme. Dass etwas „ganz Schlimmes” passiert sei. Und dass ich doch schnell ins Krankenhaus kommen soll. Irgendeins in Hagen.
Unter Schock und überfordert
Das St. Johannes in Boele. Die „Stroke Unit” – eine Akutstation für Schlaganfallpatienten. Mit leeren Augen schaute mein Vater mich an, neben ihm meine Mama. Ein Häufchen Elend. Unter Schock. Überfordert mit der Situation.
„Ihr Vater hatte einen schweren Hirninfarkt”, erklärte ein wohltuend sachlicher Oberarzt. Was das bedeute? – „Wir müssen ihn jetzt erst einmal übers Wochenende bringen.” Komplikationen könnten sich jederzeit einstellen. Eine Lungenentzündung. Oder Einblutungen ins Gehirn. Und dann? Würde beten gewiss nicht schaden. Aber ob es auch helfen würde . . .
Weniger sachlich und wenig medizinisch ausgedrückt: Der Schlaganfall hat die linke Gehirnhälfte meines Vaters, die, in der sich auch das Sprachzentrum befindet, nahezu vollständig zerbröselt.
Pampers statt Jeans
Binnen Sekunden hat sich der menschliche Hochleistungscomputer in seinem Kopf in Wackelpudding verwandelt. Seine Kommunikationszentrale ist lahmgelegt. Die rechte Körperhälfte gelähmt.
Bis zum 13. November 2008 stand mein Vater voll im Berufsleben. Seither ist er ein Vollpflegefall. Bis zu seinem Schlaganfall trug er Jeans und Sakko. Jetzt trägt er Pampers. Weihnachten und Silvester wollten meine Eltern mit Freunden in Florida verbringen. Jetzt ist der Balkon ihr Strand, und statt aufs Meer blickt Papa auf eine Berufsschule.
Manchmal klingt es wie richtige Worte
Dabei bekommt er vieles von dem mit, was um ihn herum passiert – manchmal meinen wir sogar: alles. Wenn seine Enkel ihn besuchen, strahlt er. Dann wieder weint er ganz jämmerlich. So, als sei ihm seine Situation gerade richtig bewusst geworden. Er kommuniziert mit uns über Blicke und Gesten. Gelegentlich sagt er „ja” oder „nein” und manchmal sogar etwas, das wie „hier” klingt, oder wie „tschüss”.
Die Monate seit dem Schlaganfall: Vor allem für meine Mama waren sie eine Nerven zehrende Tour von Klinik zu Klinik. Tagein, tagaus am Krankenbett. Von der „Stroke Unit” auf die Neurologie, wo sich prompt einer dieser multiresistenten Keime über das nicht mehr vorhandene Immunsystem meines Vaters hermachte. Nicht zum letzten Mal.
Wie es weitergehen soll? Keine Ahnung
HINTERGRUND
HIER GIBT ES INFOS
Weitere Informationen - rund um das Krankeitsbild, Hilfsmöglichkeiten und eine Auflistung der neurologischen Stroke Units in Deutschland - gibt es bei der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe unter www.schlaganfall-hilfe.de oder bei der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft unter www.dsg-info.dg oder beim Netzwerk Schlaganfall: www.ruhrgebiet-gegen-den-schlaganfall.de
Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe rät dazu, einen Schlaganfall-Patienten-Pass bei sich zu führen. Infos beim Service- und Beratungszentrum unter Tel. 01805 / 536 000 (0,14 Euro / Min., Mobilfunk abweichend).
Wochenlang, auch später in der Reha-Klinik noch, konnten wir nur mit Mundschutz und Gummi-Handschuhen zu ihm. Dann ein Darmriss mit Einblutungen. Verlegung wieder in ein anderes Krankenhaus. Im April die Entlassung aus der Reha nach Hause. Das Spezialbett stand bereit. Ein Rolli. Das Bad muss noch umgebaut werden. Barrierefrei.
Nach drei Tagen daheim lag er schon wieder im Hospital. Wieder in einem anderen. Das vierte seit dem Schlaganfall. Diesmal Darmentzündung. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls schlimmer Durchfall. So schlimm wie die Zustände auf vielen Krankenhausstationen. Ärzte, die nie zu sprechen sind. Pflegepersonal im Grenzbereich des Leistbaren. Der Patient eine Fallpauschale.
Wie das alles weitergehen soll? Um ehrlich zu sein: keine Ahnung. Meine Mama hat ihren Job geschmissen. Etwas anderes, als sich mit 100 Prozent ihrer physischen und psychischen Kraft der Pflege ihres Mannes zu widmen, käme für sie niemals in Betracht.
Abwarten bis Ende 2010
Zweimal am Tag kommt der Pflegedienst. Auch Physio-, Ergotherapeuten und Logopäden kommen regelmäßig. Welche Verbesserungen sie erreichen, was sie meinem Vater und damit auch meiner Mutter an Lebensqualität zurückgeben können? Ende 2010, meinte ein Arzt, werde man das abschätzen können. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Immerhin isst Papa jetzt wieder. Sogar selbst, mit der linken Hand. Die entwürdigende Magensonde kann hoffentlich bald raus.
Entwürdigend – so sind Schlaganfälle. Heimtückisch und gnadenlos brutal. Manchen lassen sie eine zweite Chance. Manchen nicht.
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