Verdacht auf Amoklauf an Bergkamener Hauptschule : "Er hielt ihr die Waffe an den Kopf"

Bergkamen. Wieder sichern Polizisten ein Schulgebäude. Wieder flattern Absperrbänder im Wind. So war es auch in Erfurt, Emsdetten, Winnenden. Dieses Mal trifft es eine Hauptschule in Bergkamen. Doch der anfängliche Verdacht eines Amoklaufs bestätigt sich hier nicht.
Ein Schüler war gestern Vormittag mit gezogener Waffe in den voll besetzten Klassenraum einer Hauptschule gestürmt. Er verletzte eine Lehrerin schwer.
Die Angst kriecht wie ein Krebsgeschwür durch die Stadt. Die großen Kreuzungen sind abgesperrt, Polizisten mit schusssicheren Westen sichern die Ein- und Ausfallstraßen. Eine Mutter springt vor einer Absperrung aus ihrem Auto und schreit den Beamten an: „Lassen Sie mich durch – mein Kind, ich will wissen, was mit meinem Kind ist!” Über ihr kreist ein Polizeihubschrauber.
Zu dieser Zeit ist die dahinter liegende Heide-Hauptschule in Bergkamen längst evakuiert und es steht fest: Es gibt keine Toten. Aber eine schwer am Kopf verletzte Lehrerin, zwei Schülerinnen, die wegen des Schocks kollabierten und etliche Jugendliche, die psychologisch betreut werden müssen.
Nur ein paar Stunden zuvor, gegen elf Uhr, öffnet sich die Tür zum Klassenraum der 9a. Die Schüler büffeln gerade Geschichte, als ihr 16-jähriger Mitschüler den Raum mit gezogener Waffe und in Begleitung seines 14 Jahre alten Freundes betritt. „Das war der Ismael mit seinem Kumpel. Schon als der 'reinkam, habe ich die Waffe in Ismaels Hand gesehen, ich sitze nämlich direkt vor dem Pult”, erzählt der 16-jährige Marvin.
»Wie in einem anderen Film«
Geschockt müssen er und seine ganze Klasse dabei zusehen, wie sein Mitschüler auf die Lehrerin zustürmt. „Er hielt ihr die Waffe an den Kopf – unsere Lehrerin fragte ihn: 'Bist du verrückt?' Ismael hat die dann angeschrien: 'Halt die Fresse, du Schlampe' und ihr zweimal voll brutal ins Gesicht geschlagen, dann hat er mit der Waffe in die Luft gefeuert. Sein Kumpel wollte ihn zurückhalten, aber der war wie in einem anderen Film”, erzählt Marvin. Die Lehrerin, die bei der Attacke am Kopf verletzt wurde und im Krankenhaus behandelt werden muss, so erzählen es mehrere Schüler, soll es in dieser Situation noch geschafft haben, ihrer Klasse zuzurufen: „Alle 'raus hier! Rennt!”
In der Panik gibt es Gedränge und Geschubse. Eine Schülerin erzählt, dass sie kurz vor der Tür gestolpert sei.
»Ich hatte Todesangst«
„Ich habe mich umgedreht, da stand er in der Mitte des Raums und hat mich ausgelacht. Ich hatte Todesangst.” Sie weint, als sie das erzählt, ihre schwarze Wimperntusche läuft in Streifen von ihren Augen bis zu ihrem Kinn.
Während die Schüler über die Flure zu den Ausgängen stürmen, flüchtet der 16-Jährige mit seinem Freund durch das Fenster des ebenerdigen Klassenraums. Die verbliebenen Schüler werden in Polizeibegleitung in eine nahe gelegene Grundschule gebracht. Schon auf dem Weg dorthin, so erzählt es Marvin, beginnen die Spekulationen über das „Warum”.
Übel beschimpft
Marvin selbst erzählt, dass sein Mitschüler am vergangenen Freitag einen Streit mit der Lehrerin gehabt haben soll und deshalb für eine Woche von der Schule suspendiert worden sei. „Der hat die richtig übel beschimpft. Aber sonst war der eigentlich ganz okay als Typ, der wirkte nie wie son durchgeknallter Vogel. Er war halt einfach kein guter Schüler und fühlte sich von den Lehrern immer schlecht behandelt.”
Schulleiter Rüdiger Weiß bestätigt, dass der Jugendliche nach einem schriftlichen Verweis mit einem einwöchigen Hausverbot belegt worden war – er hätte also erst nächsten Montag das Schulgelände wieder betreten dürfen. Durch Zufall begegnete der Schulleiter ihm jedoch kurz vor der Tat auf dem Schulhof. „Ich habe ihm noch zugerufen, er soll das Gelände verlassen.” Der Junge marschierte einfach weiter. Weiß bat den Hausmeister, die Polizei zu informieren, um den Jugendlichen klar zu machen, dass der Verweis ernst gemeint war. Er ahnte nicht, wie wichtig die Polizei noch werden würde.
Mittwoch, 18. November 2009 - Am Vormittag drangen zwei der Polizei bekannte Täter in eine Schule in Bergkamen ein und bedrohten eine Lehrerin mit einer Schusswaffe. Anschließend flüchteten die Tatverdächtigen aus der Schule in unbekannte Richtung. Die Polizei hat umfangreiche Fahndungsmaßnahmen eingeleitet. Ein Tatverdächtiger konnte bereits festgenommen werden. Die Schule wurde sofort geräumt , die Schüler sind in Sicherheit. Nach jetzigem Erkenntisstand wurde eine Lehrerin durch einen Schlag ins Gesicht verletzt. Zwei Schülerinnen erlitten einen Schock. Foto: PHOTOZEPPELIN.COM / Michael Printz ABDRUCK HONORARPFLICHTIG DEU / Deutschland Nordrhein-Westfalen / Bergkamen / Weddinghofen Latitude: 51°36'16,862"N Longitude: 7°36'44,3059"E Altitude MSL: 58m Latitude Dezimal: 51.604684 Longitude Dezimal: 7.612307
Foto: PHOTOZEPPELIN.COM
Die Einsatzkräfte leiten eine Großfahndung ein, der 14-jährige Begleiter wird schnell gefasst. Der 16-Jährige ist zwei Stunden länger auf der Flucht, bevor er in einem Wohngebiet festgenommen wird – nur ein paar hundert Meter von der Turnhalle der Pfalzschule entfernt, in der seine Mitschüler durch Notfallseelsorger psychologisch betreut werden. Als die Polizisten ihn festnehmen, trägt er noch immer die Waffe bei sich: eine Schreckschusspistole.
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