Viele Jugendliche rutschen durchs Raster
01.01.2009 | 13:50 Uhr 2009-01-01T13:50:00+0100Streetworker Thomas Sonnenburg holt ab Mittwoch (RTL, 20.15 Uhr) wieder die Ausreißer zurück. Mit der WR sprach der Diplom-Sozialpädagoge über Konflikte mit RTL, Kritik an der Echtheit der Sendung und darüber, dass viele Jugendliche durchs Raster fallen, weil der Staat spart.
WR: Gescheiterte Jugendliche und ihre (kaputten) Familien im Fernsehen zeigen: Haben Sie gezögert, als RTL Ihnen das Angebot für die Sendung machte? Funktioniert das: Sozialarbeit im Fernsehen?
Thomas Sonnenburg: Ich habe mir die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht. Ich bin seit 15 Jahren Streetworker und habe durchaus auch Ängste gehabt, meine Arbeit im TV zu machen. Entscheidend ist für mich jedoch, dass ich Jugendliche niemals vorführen will. Mein 16-jähriger Sohn hat mir dann den finalen Anstoß gegeben, mich auf dieses Experiment einzulassen. Er sagte: „Papa, wenn Du so bleibst wie du bist und wenn du deinen Job so machst wie bisher, dann kannst Du das auch im Fernsehen machen.” So ein Format hat es noch nie gegeben und ich hatte keine Ahnung, wo die Reise hingeht. Aber genau das hat es auch so spannend gemacht, ich habe die Sendung von Anfang an mitentwickelt. Heute weiß ich, dass der Druck durch die Öffentlichkeit auch Vorteile hat: Kein Jugendamt der Welt verwehrt eine berechtigte Maßnahme für einen jungen Menschen aus Kostengründen, wenn ich mit dem RTL-Kamerateam auf der Matte stehe.
Gab oder gibt es manchmal Konflikte zwischen ihrem pädagogischen Anspruch und RTL?
Thomas Sonnenburg: Ja, die gab es am Anfang mehr und inzwischen immer weniger. Bei den Dreharbeiten wollte der Sender natürlich viel schneller arbeiten. Ich begleite die Jugendlichen monatelang, das ist teuer für den Sender. Aber ich habe von Anfang an klar gemacht: „Ich bin der Sozialarbeiter, ich bin der Chef!” Ich habe Bedingungen, so kann ich jederzeit beim Schnitt und der Endabnahme der Folgen dabei sein. Natürlich macht man vor dem Dreh ein Brainstorming mit der Redaktion, überlegt sich eine Dramaturgie. Aber das Leben hat seine eigene Dramaturgie und der müssen wir folgen. Nur so funktioniert es.
Sie sind seit 15 Jahren Streetworker. Wie nah gehen Ihnen die Schicksale der Jugendlichen? Fühlen Sie sich manchmal auch hilflos?
Thomas Sonnenburg: Erst mal ist es ein Job wie jeder andere. Um den Streetworker räkeln sich viele Legenden, aber so fürchterlich aufregend ist es nun auch nicht. Ich sehe meine Arbeit natürlich sehr professionell. Aber trotzdem: Sozialarbeit ist immer Beziehungsarbeit und die muss man auch mit dem Herzen machen. Und wenn ein Jugendlicher freiwillig aus dem Leben geht, so wie David, einer der „Ausreißer” aus der ersten Staffel, dann berührt mich das sehr. Es lief alles super beim ihm, er hatte eine Wohnung und wollte eine Ausbildung machen. Drei Tage vor seinem Tod habe ich ihm noch einen Praktikumsplatz besorgt. Ich war mit einer der letzte Anrufer auf seinem Handy. Da habe ich nur noch Ohnmacht und Hilflosigkeit gespürt.
Eltern von Ausreißern melden sich in der Redaktion. Lehnen Sie auch Fälle ab?
Thomas Sonnenburg: Sehr brutale Schicksale, etwa sexueller Missbrauch, gehören nicht in unsere Sendung. Das gehört einfach nicht ins Fernsehen. Nicht, weil das Thema an sich nicht in die Öffentlichkeit gehört, sondern weil wir damit dem betroffenem Kind oder Jugendlichen schaden würden. Wir bemühen uns, möglichst „normale” Fälle zu zeigen. Situationen, in die jede Familie geraten könnte.
Was muss Jugendlichen passiert sein, dass sie lieber auf der Straße leben, statt zu Hause?
Thomas Sonnenburg: So etwas wie einen Standard-Grund gibt es nicht. Aber egal was genau der Grund ist, eines ist in allen Fällen gleich: Die Unfähigkeit, zu kommunizieren. Wenn die Interessen der beiden Seiten - Kind und Eltern - nicht mehr besprochen werden können, wenn da gar nichts mehr geht, dann geht der junge Mensch. Oft will er nur ein Zeichen setzen und drei Tage wegbleiben. Und daraus werden manchmal drei Jahre.
Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Ausreißer?
Thomas Sonnenburg: Ich begegne ihnen auf Augenhöhe. Ich komme nicht mit dem erhobenen Zeigefinger und sage „Du musst jetzt zurück nach Hause!”. Wie es der Titel der Sendung schon sagt, versuche ich ihnen „Wege zurück” zu zeigen. Und zurück muss nicht immer zurück nach Hause bedeuten. Es geht darum, Perspektiven zu entwickeln und die richten sich danach, was der Jugendliche will. Ich nehme sie nicht an die Hand, sondern schubse sie an. So wie bei Mario aus Berlin. Er ist volljährig, also stelle ich ihm Aufgaben, die er selbst erledigen muss. Als erstes habe ich ihn mit seinen ansteckenden Hautkrankheiten zum Arzt geschickt und danach ist er selbstständig, wegen seiner hohen Schuldenbelastung, zu einer Schuldnerberatung gegangen.
Kümmert sich der Staat genug um Ausreißer und obdachlose junge Menschen? Was wäre mit den Jugendlichen passiert, wenn sie nicht in ihre Sendung geraten wären?
Thomas Sonnenburg: Es gibt viele gemeinnützige Träger und Vereine in der Jugendarbeit und ganz viele Angebote für junge Menschen. Das Problem ist, dass Jugendliche diese Hilfe einfordern müssen. In der Jugendarbeit gibt es stationäre, ambulante und mobile Angebote. Der Staat leistet sich immer weniger diese mobile Arbeit, bei der es auch oft um Prävention, also Vorbeugung, geht. Es dauert, bis sich ein Sozialarbeiter in die Szene eingearbeitet hat und Jugendliche sich mit ihren Problemen an sie wenden. Vielleicht ist das ein Grund warum viele Hilferufe nicht gehört werden, viele Jugendliche durchs Raster rutschen.
Kritiker bezweifeln die Echtheit der Sendung. Sie glauben, dass viele Szenen künstlich gestellt sind...
Thomas Sonnenburg: Ja, klar. Weil vielleicht noch nicht alle wissen, wie lange wir diese Jugendlichen begleiten. Nicole zum Beispiel, die mit 14 schwanger wurde und auf der Straße lebte, habe ich elf Monate begleitet. In der Sendung wirkt es ein bisschen so, als würde ich daher kommen und alles wird gut. Aber in fast einem Jahr gibt es viele Berg- und Talfahrten, Wege die man gemeinsam mit dem Jugendlichen geht, natürlich auch ohne die Kamera. Elf Monate in 45 Minuten zu zeigen - das ist schon irgendwie tragisch. In Nicoles Fall war das auch nicht möglich, deshalb gibt es zum Start der Staffel auch zum ersten Mal eine Doppelfolge.
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