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Sexuelle Ausbeutung

NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel

12.10.2009 | 17:42 Uhr
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel

Dortmund. Sie werden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, mit der Aussicht auf einen Job in der Gastronomie und der Hoffnung auf einen guten Verdienst. Hier werden die Frauen aus Osteuropa als Prostituierte missbraucht. Doch auch für sie gibt es Hoffnung.

Für NRW-Frauenminister Armin Laschet ist es ein „besonders verabscheuungswürdiges Geschäft”. Für das Landeskriminalamt „eine besonders menschenverachtende Form der Kriminalität”: der so genannte „Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung”. Die Opfer: ausländische Mädchen und Frauen aus ärmlichen Verhältnissen, meistens aus osteuropäischen Ländern wie Bulgarien, Litauen, Rumänien und Polen, immer mehr auch aus Nigeria oder Guinea. Sie kommen nach Deutschland, weil sie hier kurzzeitig Geld verdienen wollen, weil sie sich davon für sich und ihre Familie ein besseres Leben erhoffen.

Mit falschen Versprechungen gelockt

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HINTERGRUND

ABSCHIEBESCHUTZ

Opfer von Menschenhandel, die von der Polizei aufgegriffen werden oder sich freiwillig melden, haben in Nordrhein-Westfalen einen mindestens vierwöchigen Abschiebeschutz.

In dieser Zeit werden sie mit Hilfe von Einrichtungen wie der Dortmunder Mitternachtsmission aus Schutz vor den Menschenhändlern dezentral untergebracht und versorgt und können in dieser Zeit in Ruhe entscheiden, ob sie vor Gericht aussagen wollen. Wenn dies der Fall ist, dürfen sie bis zum Abschluss des Verfahrens im Land bleiben.

Zur Finanzierung ihrer Arbeit ist die Mitternachtsmission dringend auf Spenden angewiesen: Sparkasse Dortmund, BLZ 440 501 99, Konto: 151 003 168. Auch Kleidung (für Frauen und Kinder), Hygienartikel, nicht verderbliche Lebensmittel oder mitunter auch Möbel sind willkommen.

Infos: www.standort-dortmund.de/mitternachtsmission.

Telefon: 0231/144 491.

Doch die Versprechen, mit denen sie angelockt werden, die Perspektive auf einen Arbeitsplatz als Kellnerin oder Altenpflegerin, sind falsch. Und die Vermittler entpuppen sich als brutale Menschenhändler: In Deutschland werden die Frauen eingesperrt, vergewaltigt, misshandelt und zur Prostitution gezwungen. Weil ihnen die Zuhälter ihre Ausweispapiere abnehmen, verlieren sie ihre Identität - und die Hoffnung, ihren Peinigern in dem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, entkommen zu können.

Wenn es um Hilfen für diese Opfer von Menschenhandel geht, hat Nordrhein-Westfalen eine Vorreiterrolle. „Die Zeugenaussage der Opfer ist häufig das einzige Beweismittel und daher für den Ermittlungserfolg gegen Menschenhandelsdelikte von besonderer Bedeutung”, sagt Minister Armin Laschet. Deshalb gibt es für die betroffenen Frauen in NRW - anders als in anderen Bundesländern - einen mindestens vierwöchigen Abschiebeschutz.

Zudem fördert das Land acht spezialisierte Beratungsstellen zur Bekämpfung von Menschenhandel. Eine davon ist die Mitternachtsmission e.V. in Dortmund. Sie besteht bereits seit 1918 als eigenständiger Verein mit einer Beratungsstelle für Prostituierte - um den Frauen und Mädchen psychosoziale Hilfe, praktische Unterstützung und neuen Lebensmut zu geben.

"Jeder einzelne Fall hat mich berührt" 

Andrea Hitzke arbeitet bereits seit über 20 Jahren in der Mitternachtsmission. Seit 1997 leitet sie den Bereich „Opfer von Menschenhandel”. Ob sie sich an einen Fall erinnert, der ihr besonders nahe ging? Der besonders tragisch war? Einen Moment schweigt sie bei der Frage. Dann schaut sie auf die Jahresstatistik von 2008.

„Im letzten Jahr haben wir 206 Opfer von Menschenhandel betreut”, sagt sie nachdenklich. „Gesehen habe ich sie alle. Und im Prinzip hat mich jede auf ihre Art berührt.” Denn immer seien es junge Frauen, die Stärke und viel Hoffnung gehabt hätten, als sie ihr Land verließen: „Sie kommen mit dem Willen, etwas zu schaffen. Um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch statt dessen werden sie hier gequält, drangsaliert, vergewaltigt.

Drohungen mit Fotos und Videos

Andrea Hitzke leitet seit 1997 den Arbeitsbereich "Hilfen für Opfer von Menschenhandel" und ist seitdem auch stellvertretende Leiterin der Dortmunder Mitternachtsmission.

Und dann sitzen sie irgendwann vor mir: verängstigt und schwer traumatisiert.” Bei manchen Frauen sind die psychischen Erkrankungen so stark, dass sie in eine Klinik eingeliefert werden. Andere müssen rund um die Uhr betreut werden, weil sie Suizidabsichten haben.

Denn sie haben ein Martyrium hinter sich: Nicht nur, weil sie geschlagen, mit brennenden Zigaretten und Messern verletzt und immer wieder brutal vergewaltigt wurden, sondern auch, weil die Täter sie einschüchtern und erniedrigen. „Man vergewaltigt sie und filmt und fotografiert sie dabei - und sagt ihnen, man werde die Bilder an die Familie schicken. Oder man droht, dass den Kindern oder Eltern zu Hause etwas passiert, wenn sie sich nicht fügen.”

Oft suggerieren die Zuhälter auch, dass sie mit der Polizei zusammenarbeiten - und jeder Versuch, dort Hilfe holen zu wollen, zwecklos sei. Und die Opfer glauben das: Weil ihnen eine korrupte Polizei aus ihrem Heimatland vertraut ist. Irgendwann dann sind die Frauen so erniedrigt, so gebrochen, dass sie keinen Widerstand mehr leisten. Dann dürfen sie sogar irgendwann ihr Zimmer verlassen, und ihre Bewachung wird gelockert. „Aber die Frauen sind nicht wirklich frei”, sagt Andrea Hitzke. „Die Fesseln sind im Kopf. Die Opfer haben einfach keine Hoffnung mehr, dass ihnen jemand helfen kann.”

Täter suggerieren eine Zusammenarbeit mit der Polizei

Deshalb ist es so für die Sozialarbeiterinnen der Mitternachtsmission so schwer, an sie heranzukommen. Und deshalb dauert es viele Wochen oder auch Monate, bis die Frauen Vertrauen gefasst haben und von sich, den Gewalttaten und ihren Problemen erzählen. Ohne Muttersprachlerinnen, die als Honorarkräfte für den Verein im Einsatz sind, wäre eine solche Kontaktaufnahme nicht möglich. Oft begleiten sie die Frauen danach auch zum Arzt, zu Behörden oder - falls es überhaupt soweit kommt - zur Polizei und zu Gerichtsverhandlungen.

„Die Opfer haben einfach schreckliche Angst davor, dass sich der Täter an ihnen oder ihrer Familie rächt”, sagt Andrea Hitzke. Deshalb dränge man die Frauen auch nicht dazu, eine Aussage zu machen. „Letztendlich sind sie es, die damit leben müssen,” sagt die 48-Jährige. „Aber wir versuchen schon, ihnen klar zu machen, dass sie Vertrauen in die Polizei haben können.”

Dortmunder Polizei sehr engagiert

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ZAHLEN

12,7 PROZENT MINDERJÄHRIG

Im vergangenen Jahr verzeichnete das Landeskriminalamt NRW 69 Verfahren beim „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung” - ein Plus von 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und 79 Opfer (130). Die Zahl der Tatverdächtigen sank um 18,5 Prozent auf 101. Der Anzahl deutscher Tatverdächtiger ging auf 28,7 Prozent zurück.

Bei den Opfern waren am stärksten wieder die 18- bis 25-Jährigen (58,2 Porzent) betroffen. 12,7 Prozent waren minderjärhig.

3,6 Prozent (5,2 %) der Opfer mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit wurden im vergangenen Jahr abgeschoben oder ausgewiesen.

„Auffallend niedrig” ist laut LKA-Bericht der illegale Gewinn, der im vergangenen Jahr abgesschöpft werden konnte: Er lag 2008 in sechs Verfahren bei knapp 51 000 Euro. Alleine in einem Verfahren waren es im Jahr zuvor mehr als 1,35 Millionen Euro.

Einen Rückgang der Anzahl der Verfahren führt das LKA auf Gesetzesänderungen der letzten Jahre zurück. „Erleichterte Einreisemöglichkeiten, die Visafreiheit und die Möglichkeiten legaler Arbeitsaufnahme senken die Zahl möglicher Straftaten, bei denen die Polizei zuvor vielfach den Erstkontakt zu Opfern herstellte und nach deren Aussagen Verfahren einleiten und die notwendigen Personalbeweise erbringen konnte”, heißt es im Lagebild. Unter den gegebenen Bedingungen sei davon auszugehen, „dass die Zahlen der Menschenhandelsverfahren, ihrer Tatverdächtigen und Opfer auf dem erreichten Niveau stagnieren beziehungsweise noch geringfügig sinken werden.”

Darum kämpft auch das Landeskriminalamt. „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist ein Delikt, bei dem wir sehr auf die Mithilfe der Geschädigten angewiesen sind”, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen. „Wir wissen, dass die Frauen mit den übelsten Mitteln genötigt und bedroht werden. Und wir können immer wieder nur appellieren: Vertraut der Polizei, wir arbeiten rechtsstaatlich - und nicht korrupt wie möglicherweise die Polizei in ihren Herkunftsländern.”

Gerade in Dortmund gibt es offenbar viele Beamte mit viel Verständnis und Engagement: „Polizei und Staatsanwaltschaft haben hier ein sehr großes Interesse, den Menschenhandel zu bekämpfen”, sagt Hitzke. Seit 15 Jahren arbeiteten alle Beteiligten der Polizeibehörden, der Stadt und der Hilfsorganisationen bei einem Runden Tisch zusammen. „Das funktioniert ganz wunderbar.”

Und der Erfolg lässt sich auch in Zahlen ablesen: Von den 69 Menschenhandels-Verfahren in NRW, die das Landeskriminalamt in seinem Lagebild 2008 nennt, stamme etwa die Hälfte aus Dortmund. „Eine gute Quote!” freut sich die Sozialarbeiterin. „Das ist unser Lohn.” Und der Beweis, dass man mit dem Konzept der aufsuchenden Arbeit auf dem richtigen Weg ist.

Inzwischen melden auch die Kunden Opfer

Zunehmend passiert es jedoch auch, dass sich der Kontakt zu den Opfern über Kunden ergibt. „Die Männer melden sich bei uns und sagen: Ich bringe euch jetzt eine Frau, die das nicht freiwillig macht.” Für Hitzke eine gute Entwicklung: „Das ist eine Richtung, die wir gerne stärken würden: Dass die Männer ein Verantwortungsgefühl für das entwickeln, was sie erleben und sehen.”

Doch immer wieder wird den Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission auch bewusst, dass sie ein Kampf gegen Windmühlen betreiben, dass es kaum gelingen kann, den Menschenhandel mit all seinen Folgen zu stoppen. Etwa, als im vergangenen Jahr zig Frauen aus Bulgarien nach Dortmund kamen: Junge Mädchen einer Roma-Minderheit, von denen viele nicht lesen und schreiben können, die krank sind und unter einer Mangelversorgung leiden, die kein Wissen von Hygiene und Gesundheitsvorsorge haben. Und die hier schwanger werden. Allein im letzten Jahr betreute die Mitternachtsmission 38 Geburten. Inzwischen kümmert sich eine eigene Mitarbeiterin speziell um die Versorgung der Kinder.

Und dann wieder gibt es auch Lichtblicke: Wenn Briefe von jenen Frauen kommen, die es geschafft haben, die wieder zurück in ihren Heimatländern sind, die irgendwie ein neues Leben angefangen haben. Und die nicht vergessen haben, was die Mitternachtsmission geleistet hat. „Ich erlebte in Deutschland nur Gewalt und Prostitution”, schrieb Elena aus Russlang. „Aber Ihr habt mir die Chance gegeben, ein anderes Gesicht von Deutschland kennenzulernen.”

„Davon”, sagt Andrea Hitzke, „zehrt man lange.”

Katja Sponholz

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Kommentare
12.10.2009
21:56
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel
von ich4235 | #6

So schlimm das ist: Es gibt auch eine Reihe von Frauen, die genau weiß, dass sie hier als Prostituierte und nicht als Kellnerin arbeitet. Wenn sich dann die Erwartungen nicht erfüllen, wird der Zuhälter halt angezeigt und woanders weiter gearbeitet

12.10.2009
20:43
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel
von dasKollektiv | #5

NRW ist mitnichten Vorreiter in Sachen: Menschenhandel, Mafia und Steuerhinterziehung, ehr im Gegenteil. Armin Laschet lügt !!

12.10.2009
17:22
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel
von hagfri | #4

Immer wieder liest man von falschen Versprechungen in den Anwerbeländern. Inzwischen hat es sich auch dort rumgesprochen, das mit einfachen Tätigkeiten nicht diese großen Einkommen erzielt werden können. Trotzdem fallen immer wieder die Mädels darauf rein und hoffen nicht in diesen Teufelskreis zu landen. Das es dann anders kommt, das ist bitter. In westlichen Ländern ist es ein Verbrechen, in den Heimatländern oft der einzigste Weg für Frauen dem Sumpf zu entfliehen. Solange wie die Unterschiede in der Wertstellung von Frauen und die finanziellen Anreize bestehen, solange wird das ein Dauerthema bleiben. Der Kampf der Hilfsorganisationen ist löblich, aber vergebens bei den gravierenden unterschiedlichen Lebensumstände. .

12.10.2009
16:18
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel
von Karin Schneider | #3

Die Spitze des Eisberges
Ein absolut tolles Projekt das leider nur die Spitze abdeckt zumal viele der Opfer gar nicht die Möglichkeit haben sich von Dritten Hilfe zuholen.Aufgrund der Tatsache das die Menschenhändler den Opfern die Pässe abnehmen gibt es auch keine Rückkehr-möglichkeit in die Heimatländer-Aktive Hilfe ist angesagt.Einschleusungen in das Milieu auch als Kunde getarnt sind zwingend notwendig.Wir betreuen derzeit Zwangsprostituierte aus den Philippinen und sorgen dafür das sie in ihre Heimat zurückkehren können leider ohne Unterstützung die dringend notwendig wäre.
Karin Schneider ManagerSOS Frankfurt /Cebu City Philippinen

12.10.2009
16:11
Blockierter Kommentar.
von James.Brunt | #2

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

12.10.2009
14:40
NRW ist Vorreiter im Kampf gegen Menschenhandel
von Der einzig wahre weise Rüdiger | #1

Für NRW-Frauenminister Armin Laschet ist es ein „besonders verabscheuungswürdiges Geschäft”. Für das Landeskriminalamt „eine besonders menschenverachtende Form der Kriminalität”.
Die wissen davon und unternehmen nichts.Wenn Politiker so etwas von sich geben,zeigt es mir doch,daß sie unfähig sind diesem Treiben Einhalt zu gebieten,oder das sie es gar nicht wollen.Die Polizei hat alle Möglichkeiten seitens des Gesetzes,diesen Missstand zu beenden.Warum tun sie nichts,warum labern sie nur?
Alles nur großkotzige Schleimer.

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