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"König Lear" auf zweierlei Art

04.10.2009 | 19:18 Uhr

Bochum/Köln. Am Schauspielhaus Bochum ist Shakespeares König Lear ein alter Mann am Tropf (Klaus Weiss), der ans Abdanken denkt. In Köln steckt eine Frau (Barbara Nüsse) im grauen Anzug, ein Beamtentyp auf dem Weg in die Rente, die er von seinen Töchtern als Gegengabe für sein Reich einfordert.

Dass es das selbe Stück ist, das im Abstand von nur sechs Tagen an zwei NRW-Bühnen Premiere hatte, mag man angesichts der Gegensätzlichkeit kaum glauben.

Shakespeares düsteres Drama beginnt wie im Märchen: Ein König will sein Reich an die drei Töchter verschenken, die dem eitlen Vater dafür mit ihrer Liebe schmeicheln sollen. Cordelia aber verweigert sich und antwortet auf die Frage, was sie zu sagen habe: „Nichts!” Die anderen lassen nach Erhalt der Ländereien ihre Masken fallen, erniedrigen ihren Erzeuger und überschütten ihn mit Hohn.

Das „Nichts” der Cordelia gebiert das Chaos. Das Ende aller Bindungen setzt eine Mordmaschinerie in Gang, der nur wenige zu entgehen wissen. „Ene, mene miste, es rappelt in der Kiste”, wie es in Köln auf den Kinderreim gebracht wird.

Karin Beier hat sich offenbar vorgenommen, mit ihrer Inszenierung das Erbe eines Jürgen Gosch anzutreten. Seinen Bühnenbildner hat sie schon: Johannes Schütz hat einen seiner wundersam leeren Räume geschaffen, der zur Rampe hin durch eine Mauer aus Lehmziegeln abgetrennt ist. Sechs Frauen nur treten bei Beier an, diese Bühnenwelt systematisch zu zerstören.

Barbara Nüsse in der Titelrolle macht dabei die beste Figur. Alle anderen haben nicht das Glück einer scharf konturierten Figur. Sie müssen auf offener Szene die Kleider wechseln, um mal Tochter, Gloucester-Sohn und Narr zu sein – und manchmal weiß man schon nicht mehr, wo wer endet oder anfängt. Wie man schließlich überhaupt kaum weiß, was hier gespielt wird. Für Karin Beier besteht Chaos vor allem aus Schreien, Wasserkaskaden, Steine zerdeppern, Sauerei anrichten. Die Intendantin, die viel zum Neuerblühen der Kölner Bühne beigetragen hat, setzt hier allzu viel aufs Spiel. Und Gosch winkt nur aus weiter Ferne.

Elmar Goerden hingegen sucht in Bochum die Vernichtung nicht im Äußeren, sondern verlegt den Wahnsinn nach innen. Das Personal trifft sich zu Beginn zu Smalltalk und Partygeplauder. Am Ende, wenn kaum noch einer lebt, werden die Leichen noch einmal in alter Anordnung drapiert – ein schauerliches Schlussbild.

Bei Goerden findet die Zerstörungskraft des Bösen vorwiegend in gediegen eingerichteten Räumen statt. Hier wacht der geblendete Gloucester plötzlich sehend wieder auf, geht glücksstrahlend ins Bad und kommt schreiend mit blutigen Augehöhlen wieder zum Vorschein. Was man Alptraum wähnte, ist scheußliche Realität.

In Bochum ist ein „Lear” zu besichtigen, der nicht die Apokalypse zeigen will, sondern den Weg zu ihr – Eifersucht, Geilheit, Gier und nicht zuletzt die Verachtung des Alters. Wer Köln nicht mehr versteht, weil er das Stück nicht parat hat, in Bochum erhält er dankbare Transparenz.

Aufführungen von „König Lear”: Köln: 7., 24., 27. Oktober; 8., 15., 27. November. Kartentelefon: 0221/221-28400. Bochum: 5., 10., 28. Oktober; 1., 15., 27. November. Kartentelefon: 0234 / 3333-5

Arnold Hohmann

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