"Hier gibt es keine Perspektive mehr"
02.06.2008 | 21:47 Uhr 2008-06-02T21:47:00+0200
Senegal im Frühling. Flach und ruhig liegt der Atlantik vor der Südküste Senegals. Wie vor etwas mehr als einem Jahr als sich Idrissa Sane (31) mit einem Fischerboot auf den Weg in ein neues Leben machen wollte.
Zehntausende Afrikaner versuchen jedes Jahr, im Frühling und Sommer über den gefährlichen Seeweg die Kanarischen Inseln und von dort das europäische Festland zu erreichen. Spaniens Vorposten im Atlantischen Ozean liegt für die jungen Afrikaner aus Mali, Mauretanien oder Senegal zum Greifen nah. Etwa 2000 Kilometer trennen die zumeist jungen Männer von ihrem Traum – einem Leben in Europa. Weder die teure Reise, das Risiko über Bord zu gehen und tot an die Touristen-Strände gespült werden oder ganz im Bauch des Ozeans verborgen zu bleiben noch die Gefahr abgewiesen und zurückgeschickt zu werden, können sie aufhalten. Auch nicht Idrissa Sane. Wie verzweifelt sind die Menschen, die ihre gesamten Ersparnisse aufgeben, Freunde und Familie zurücklassen und in kleinen Fischerbooten auf hoher See ihr Leben riskieren?
„Sehr“, sagt Idrissa Sane. „Zu schlecht sind die Perspektiven für die junge Bevölkerung in Westafrika. Erst recht auf dem Land“, sagt er. Allein im Senegal sind knapp 60 Prozent der Menschen jünger als 20 Jahre.Idrissa spricht leise. Die Enttäuschung, die er im letzten Sommer erlebte, hat sich in seine Gesichtszüge eingebrannt. Mit gesengtem Kopf trottet er barfuß über die sandige Hauptstraße seines Heimatdorfes. Eine leichte Böe lässt das blassgrüne Hemd und die abgewetzte braune Baumwollhose an seinem hageren Körper flattern. Souda ist ein vom Wind zerzaustes Nest, eingeschlafen am Ufer des großen Casamance Flusses, der Lebensader im Süden des Senegals. 1200 Menschen leben hier ohne Strom und fließendes Wasser. Reis, Mais, Hirse und Erdnüsse gedeihen dank der Regenzeit auf dem sandigen Boden, so dass sich die Menschen hier im Süden weitestgehend selbst ernähren können. Ein paar abgemagerte Rinder, deren Gerippe sich unter der dünnen Haut abzeichnet, suchen träge auf den ausgedörrten Hirsefeldern nach etwas Essbaren. Bis zur Regenzeit vergehen noch Monate. Viele Tage, in denen die Menschen in der Region nicht viel mehr tun können als warten. Erst wenn es Ende Juni, Anfang Juli regnet, können sie ihre Felder bestellen. Jetzt, wenn die Sonne in der Trockenzeit erbarmungslos vom Himmel brennt, liegen viele Dorfbewohner im Schatten von mächtigen Mangobäumen, die links und rechts der staubigen Sandpiste stehen, die Souda durchschneidet. Hier warten sie, bis die lähmende Hitze des Tages vorüberzieht.
Idrissa hatte das Warten satt. Wie viele andere vor ihm auch. „Alle, die Geld hatten, waren weg und leben jetzt im Ausland. Ich dachte, dass es denen auf jeden Fall besser geht als uns hier.“ In Ziguinchor, der Hauptstadt der Provinz Casamance, suchte er einen Schleuser, der ihn übers Meer nach Spanien bringen sollte. 700 Euro musste er für die Überfahrt in einer Piroge besorgen. So viel besaß er nicht. Um dennoch den Traum von Europa weiter träumen zu können, verkaufte er die zwei Kühe seiner Eltern. Die vorsichtige Frage nach dem Sinn des Verkaufs beantwortete Idrissa seinen Eltern nicht: „Ich hatte Angst, meine Familie hindert mich daran zu gehen.“
Am 3. Mai 2007 saß er zusammen mit 106 anderen Senegalesen zusammengepfercht auf den Holzplanken einer großen Piroge. Von Elinquine, einem kleinen Örtchen am Ufer des Casamance Flusses, der wenige Kilometer später in den Atlantik mündet, brach er auf. Mit 40 Euro in den Taschen und dem Herzen voller Hoffnung, jedoch ohne ein Wort Spanisch zu sprechen und ohne eine Ahnung, wie er in der Fremde Geld verdienen wollte.Das Leben an Bord war hart. Leib an Leib gedrückt, lagen die Flüchtlinge dicht gedrängt auf den Planken. Tagsüber brannte die Sonne auf sie hernieder, nachts zermürbte sie die feuchte Kälte des Atlantiks. Neun Tage blieben sie auf hoher See. Der Kapitän hatte mittlerweile die Orientierung verloren. Die Verunsicherung wuchs, umso mehr als der letzte Sack Reis anbrach. Mit Liedern aus dem Koran versuchten die ausgemergelten Flüchtlinge ihre Angst zu besiegen. Die Chancen unentdeckt an Land zu gehen - sowieso schon gering - tendierten jetzt gegen null. Also setze der Kapitän angesichts der sich zuspitzenden Lage auf der Piroge per Funk einen Hilferuf ab. 27 Kilometer vor Gran Canaria nahm ein Schiff des Roten Kreuzes die 106 Passagiere auf und überließ das Boot dem Ozean. Immerhin hatten alle überlebt.
Die Spanische Regierung hat in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und der EU-Grenzschutzagentur Frontex aus den Flüchtlingswellen der letzten Jahre gelernt. Landeten 2006 über 31.000 illegale Flüchtlinge auf den Kanaren, waren es im letzten Jahr nur 12.500. Frontex hat nach Angaben des spanischen Innenministeriums 155 Boote mit 12.800 Flüchtlingen abgefangen. Zudem hat Spanien wie aus einem Bericht des Innenministeriums hervorgeht, mehr Polizisten an seine Grenzen geschickt. Zwischen 2003 und 2007 ist die Zahl der dort eingesetzten Beamten um knapp 25 gestiegen. Trotz dieser immer enger geknüpften Maschen des Grenzzauns, gelingt es noch Tausenden Afrikanern durch ein Loch darin zu schlüpfen. Für sie sind in der Nähe der Häfen der Kanaren und auf dem spanischen Festland Auffanglager entstanden.
„Eng, aber sauber. Die Leute waren sehr nett zu uns“, sagt Idrissa. Mitarbeiter des Roten Kreuzes versorgten die Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung. Zu zweit mussten sie sich schmales Bett teilen. „Wir mussten abwechselnd schlafen“, erinnert sich Idrissa. Aber wie ging es weiter? Innerhalb von 40 Tagen kann die spanische Regierung illegale Einwanderer sofort wieder ausweisen, danach erhalten sie einen ungeregelten Aufenthaltsstatus. 37 Tage blieb Idrissa im Lager von Las Palmas, die Hoffnung auf eine Aufenthaltsgenehmigung, die er nie bekommen würde, wuchs. Dann, am 38. Tag, setzte ihn die spanische Polizei in ein Flugzeug. Insgesamt sechs Maschinen mit Flüchtlingen verließen Spanien an diesem Tag allein mit dem Ziel Senegal. „Ich war am Boden. Alles war weg. Mein Geld, meine Hoffnung“, sagt Idrissa. Sein Blick streift leer über die Wellblechhäuser seines Dorfes, in das er zwei Monate nach seiner geheimen Flucht zurückkehrte. Er hatte versagt. „Meine Verwandten waren sehr traurig. Niemand traute sich zu fragen, warum es nicht geklappt hat“, sagt Idrissa.
Die Auswanderungswellen der jungen Bevölkerungsschichten ist für die Region Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite blutet sie intellektuell aus und die jungen Männer fehlen auf den Feldern, um ihre Familie zu ernähren. Auf der anderen Seite erhoffen sich die Familien natürlich finanzielle Unterstützung von ihren Söhnen im Ausland, sobald sie einen Job gefunden haben. Idrissa hat es in nicht geschafft. Außerdem hat er mit dem Verkauf der zwei Kühe, um seine Flucht zu finanzieren, die letzte Wertanlage seiner Familie verbrannt. Mit dem Anbau von Tomaten, Zwiebeln und anderem Gemüse hinter dem Haus seiner Eltern, versucht er den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Wenn Idrissa genug verkauft und Geld gespart hat, will er einen zweiten Versuch wagen. „Hier gibt es keine Perspektive für mich.“
Doch dem sandigen Boden etwas Fruchtbares abzutrotzen, ist zuletzt immer schwieriger geworden. „In den letzten fünf Jahren ist der Regen weniger geworden. Außerdem fällt er unregelmäßiger“, hat Mogda Sane beobachtet. Der schlanke, sehnige Mann ist über viele Ecken mit Idrissa verwandt. Als Lehrer in Ziguinchor und Mitglied des Ältestenrates genießt er hohes Ansehen in Souda. Er beschreibt die Abhängigkeit seiner Region vom Regen: „Vor zwei Jahren versiegte der Regen zwischenzeitlich für vier Wochen ganz. Die Hitze zerstörte nahezu alle Keimlinge und wir hatten nichts zu essen.“ Klimawandel im Senegal. Ein Grund mehr für die junge Bevölkerung ihre Heimat zu verlassen. Wer geht, soll aber besser vorbereitet sein als Idrissa, um in Europa nicht zu scheitern. Die Schulen bieten immer mehr Spanisch-Unterricht an.
Es ist wieder Frühjahr. Die Wogen des Atlantiks sind sanfter geworden. Reisezeit. Wieder werden Tausende Afrikaner die gefährliche Passage auf sich nehmen. Idrissa wird nicht dabei sein. Es ist noch zu früh. Sein Spanisch-Kurs hat gerade erst begonnen.
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