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WR-Serie "Gedächtnistraining"

Gedächtnistrainer Oliver Geisselhart "Gehirn muss richtig genutzt werden"

27.12.2010 | 17:14 Uhr
Gedächtnistrainer Oliver Geisselhart "Gehirn muss richtig genutzt werden"
Diplom-Betriebswirt Oliver Geisselhart hat durch gezieltes Gedächtnistraining keine Zettelwirtschaft mehr nötig. Foto: Franz Luthe

Dortmund. Er gilt als „Gedächtnis-Pabst“, war mit 16 Jahren Europas jüngster Gedächtnistrainer, gewann dreimal den Veranstaltungs-Grandprix „Conga-Award“ und ist der „Gedächtnistrainer 2000“. Im Gespräch mit WR-Redakteurin Katja Sponholz erzählt der Dortmunder Oliver Geisselhart (43), warum wir unser Gedächtnis besser nutzen sollten – und wie dabei die „Geisselhart-Methode“ helfen kann..

 

In meinem Auto liegt ein Notizblock, weil ich auf dem Weg all das, an was ich bei der Arbeit denken wollte, bei der Ankunft schon wieder vergessen habe. Muss ich mir da als 44-Jährige Gedanken machen?

Geisselhart: Nein, das ist relativ normal und hat auch nichts mit dem Alter zu tun. Denn da nimmt die Gedächtnisleistung generell nicht ab, man wird nur ein bisschen langsamer im Kopf. Das kann ein älterer Mensch im Vergleich zu Jüngeren meist mit Erfahrung wettmachen. Aber schlimm ist, wenn jemand nicht mehr geistig gefordert wird und vielleicht erst zwei Jahre nach der Rente merkt, dass er sich keine Nummern oder Namen mehr merken kann. Der muss dann aufpassen. Nach dem Motto: „Use it or lose it“, also nutze es oder verliere es. Dann sollten wirklich die Alarmglocken läuten, weil es Hinweise auf eine neue Krankheit mit dem Namen „digitale Demenz“ sein könnten.

 

Was bedeutet das?

Dadurch, dass wir heute zu viele digitale Helferlein wie Navi, Handy, iPad nutzen, brauchen wir unser Gedächtnis kaum mehr. Wegbeschreibungen, Telefonnummern, Termine - alles wird digital verwaltet. Das Gedächtnis wird fast schon unnötig. Und wegen der ständig wachsenden Informationsflut leiden wir dann zunehmend an Vergesslichkeit.

 

Was wäre so schlimm daran, wenn ich mein Gedächtnis nicht weiter trainiere?

(ironisch): Theoretisch nichts. Wenn meine Beinmuskulatur immer schlapper wird, gehe ich halt keine Treppen mehr und fahre die 50 Meter zum Bäcker mit dem Auto. Aber im Ernst: Es geht um viel mehr, das ist klar. Nicht nur darum, dass ich eine Rede frei halte. Viel schlimmer ist, wenn man vergessen hat, was man am nächsten Tag erledige wollte oder im Geschäft steht und nicht mehr weiß, was man kaufen wollte. Ok, dann geht man halt noch mal los, könnte man sagen. Aber der Punkt ist: Es regt mich auf, es gibt mir ein schlechtes Gefühl, es macht mich unsicher. Und das lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen: Wenn ich bei einer wichtigen Diskussion die fünf entscheidenden Argumente vergessen habe, wird es halt kritisch.

 

Und dagegen hilft die „Geisselhart“-Methode, bei der ich zu Namen, Zahlen oder Erledigungen mit kreativen Bildern verknüpfe?

Ja! Wer Alzheimer bekommen soll, der bekommt es, schon aufgrund genetischer Veranlagung. Aber durch diese Technik, bei der die Leistungsfähigkeit des Gehirns hoch gehalten wird, kann das Anfangsstadium von Demenzkrankheiten sehr deutlich nach hinten geschoben werden.

 

Was verbirgt sich hinter der Geisselhart-Methode?

Sie geht zurück auf die Mnemotechnik der alten Griechen, die sich damals schon ihre langen Reden, die sie in Amphitheatern hielten, mit Bildverknüpfungen gemerkt haben. Um unabhäng von der Örtlichkeit zu sein, lernen meine Vortragsteilnehmer bestimmte Zahlensymbole. Mit diesem Grundsystem, merken sie sich Abläufe aller Art. Das funktioniert für jeden Anfänger sofort. In zehn Minuten kann der sich die Namen aller amerikanischen Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg merken. Oder einen Einkaufszettel abspeichern, eine Rede frei halten oder Argumente für ein Gespräch merken- das ist total egal.

 

Welche Voraussetzungen muss ich dazu mitbringen?

Eigentlich keine, es funktioniert bei 8-Jährigen genauso wie bei 80-Jährigen, bei Schlauen wie bei weniger Schlauen. Voraussetzung ist, dass man diese komplett neue Denkform zulässt. Wenn man dann in der Lage ist, verrückte Bilder im Geiste zu sehen und zu kreieren, macht das Ganze sogar Spaß, weil man sofortige Erfolge erzielt und weil es einfach mal schön ist zu sehen, ‘da oben’ funktioniert es noch. Denn das Gedächtnis der meisten ist super, es muss nur richtig benutzt werden.

 

Was bekomme ich dafür?

Ein gut funktionierendes Gedächtnis und eine Wahnsinns-Kreativität, die mir in allen Lebenslagen hilft. Denn auf einmal finde ich auch unkonventionelle Problemlösungen, auf die ich früher nicht gekommen wäre oder die ich früher abgeblockt hätte. Aber da ich nun ständig verrückte Bilder bastle, lernt die linke Gehirnhälfte langsam aber sicher dazu. Das heißt, Sie werden kreativer, aber auch selbstsicherer. Sie wissen, Sie haben es drauf, Sie brauchen den Zettel gar nicht mehr zu suchen. Und bei einer Präsentation wirken Sie ohne Manuskript auf einmal viel souveräner und überzeugender.

 

Was halten Sie von Gedächtniskünstlern, die bei öffentlichen Auftritten innerhalb kürzester Zeit unendlich lange Zahlenketten behalten können?

Das ist schon cool, aber es imponiert mir nicht. Und ich finde es immer schade, dass bei solchen Auftritten nie dabei herauskommt, dass das eigentlich jeder könnte. Ich bin eher Praktiker und schaue, was mir das im Alltag bringt. Aber wenn ich mal nicht mehr 120 Seminare im Jahr habe und keine Bücher mehr schreibe, mache ich vielleicht auch mal Gedächtnissport und melde mich für eine Meisterschaft an. Aber momentan sehe ich mich nicht als Rennfahrer, sondern lieber als Fahrlehrer fürs Gedächtnis.

 

...und alle sollten in der Geisselhart-Methode ihren ‘Führerschein’ ablegen?

Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass jeder diese Technik einmal kennengelernt hat. Dann kann er selbst entscheiden, ob sie ihn weiterbringt. Aber es wäre ein Riesen-Fortschritt, wenn diese Methode etwa bundesweit an Schulen praktiziert würde. Weil Kinder noch so kreativ sind, dass es ihnen wirklich leicht fallen würde. Dann würde keiner sagen, er könne sich keine Vokabeln merken, und kein Verkäufer müsste mehr im Kundengespräch seine eigenen Prospekte studieren.

 

Sie meinen, davon würde die Gesellschaft dann profitieren?

Auf jeden Fall. Denn ich würde meinem Gegenüber künftig viel mehr Wertschätzung und Respekt gegenüberbringen. Das fängt schon an, wenn ich ihn mit seinem Namen ansprechen kann. Und dann bin ich voll und ganz bei der Person, kann endlich richtig zuhören und mich völlig in sie hineinversetzen.

Katja Sponholz



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