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Frühling liegt in der Luft

01.03.2009 | 23:17 Uhr

Bochum. Endlich! Endlich scheinen Schnee und Eis verbannt zu sein, endlich werden - pünktlich zum meteorologischen Frühlingsbeginn am 1. März - erstmals 15 Grad gemessen und wir bekommen einen ersten Eindruck von Frühling. Auch unsere Nasen, weiß Geruchsforscher Prof. Dr. Dr. Dr. Hans Hatt.

Ist es Einbildung oder kann man den Frühling wirklich riechen?

Wie riecht der Frühling? (ddp)

Hanns Hatt: Man kann - natürlich! Im Winter, wenn es sehr kalt ist, scheinen auch die Düfte eingefroren zu sein. Doch je höher die Temperatur ist, desto mehr Duftmoleküle werden von Gegenständen freigesetzt. Daher gibt es nach dem Winter plötzlich viel intensivere Düfte und charakteristische für den Frühling. Weil man das Gefühl hat, dass die Erde, das Moos, der Boden, wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen sie nach dem Frost erwärmen, ganz spezielle Duftmischungen abgeben. Aber die kann kein Parfümeur exakt analysieren.

Das heißt, bevor überhaupt die Blumen blühen, riechen wir schon den Frühling?

Hatt: Genau. Bevor man die Blumen riecht, erzeugt die Kombination aus Moos, Gras und Erde schon einen ganz bestimmten Geruch. Und der ist im Kopf aus der Erfahrung früherer Jahre bereits abgespeichert als Frühlingsduft. Gerüche sind immer mit Erinnerungen verbunden. Und ein Geruch hat auch immer eine Bewertung - entweder positiv oder negativ. Einen neutralen Duft gibt es nicht.

Sind Frühlingsdüfte grundsätzlich etwas besonders Positives?

Hatt: Ja - vor allem für alle, die Wärme lieben. Denn der Duft ist ein objektiv unverkennbares Zeichen, dass der Frühling kommt. Im Winter denkt man oft, jetzt könnte es aber mal langsam Frühling werden - und dann erlebt man mit dem nächsten Schnee wieder einen Rückschlag. Aber wenn erstmal dieser Geruch in der Luft ist, bedeutet das eine hohe Garantie, dass es wirklich aus und vorbei ist mit dem Winter.

Und welche Blütengerüche zählen dann vor allem dazu?

Info
HINTERGRUND

MAIGLÖCKCHENDUFT LOCKT SPERMIEN AN

Hanns Hatt (61) promovierte in Zoologie, Humanphysiologie und Medizin und zählt als Professor für Zellphysiologie an der Ruhr-Uni Bochum weltweit zu den bedeutendsten Geruchsforschern.

Mit seinem Team entdeckte er unter anderem, dass es der Maiglöckchenduft ist, der die Spermien zur Eizelle lockt und damit für die Entstehung menschlichen Lebens verantwortlich ist. Spermien verfügen über die gleichen Riechrezeptoren wie die menschliche Nase.

„Vielleicht gibt es deshalb diesen Maiglöckchen-Duft in vielen Parfums”, so Hatt. „Weil er einen Frühlingsduft verkörpert und auch indirekt ein Zeichen für neu aufkommende Freude und Sexualität ist.” Aber auch sonst könne man mit Frühlingsduft etwas Positives verbinden: So hätten die Forschungen in Bochum ebenfalls ergeben, dass auch Prostatazellen Riechrezeptoren besitzen und nicht nur den Duft von Veilchen wahrnehmen, sondern sogar Krebszellen am Wachstum hindern können.

Hanns Hatt / Regine Dee: „Das Maiglöckchen-Phänomen - Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt”. (2008, Verlag Piper)

www.cphys.rub.de

Hatt: Flieder natürlich und Hyazinthen, aber auch Schlüsselblumen, Veilchen und später Maiglöckchen. Und wenn dann die Kirschbäume zu blühen anfangen, kommt noch eine ganze Palette von Gerüchen dazu. Interessanterweise gibt es inzwischen sogar Züchtungen von intensiv riechenden Tulpen.

Dennoch gibt es vermutlich auch einige Menschen, die mit dem Duft nach Frühling nicht nur Positives verbinden. Heuschnupfen-Kranke zum Beispiel...

Hatt: Das stimmt. Ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Allergiker die ganzen Frühlingsdüfte mit Misstrauen beäugen, weil sie damit verbinden: O Gott, bald bekomme ich meine Allergie wieder. Aber man sollte schon betonen, dass dies meist nicht die Blumendüfte sind, gegen die man allergisch ist, sondern eher der Blütenstaub von Sträuchern und Bäumen wie Haselnuss und Birken. Denn den Duft, der für die einen den Beginn der warmen Jahreszeit bedeutet, verbinden die anderen nun mal mit laufenden Nasen und tränenden Augen.

Was wünschen Sie sich als Geruchsforscher - ganz unabhängig vom Frühling?

Hatt: Dass man die Nase viel bewusster einsetzt! Es ist ein Organ, das nie schläft. Es ist 24 Stunden aktiv und kann unendlich viele Düfte wahrnehmen. Man sollte sich bewusst machen, dass unser Gehirn mit jedem Atemzug über die Nase eine Vielzahl von Informationen über Duftstoffe bekommt, die es intensiv verarbeitet. Deshalb sollten wir nicht nur mit offenen Augen sondern auch mit einer offenen Nase durch die Welt gehen und viel bewusster riechen. Viele Düfte erfreuen uns nicht nur, sondern liefern uns auch interessante Neuigkeiten über unsere Mitmenschen und unsere Umwelt. Daraus kann sich für uns eine völlig neue Welt erschließen. Versuchen Sie einfach mal, wenn jemand an Ihnen vorbei geht, einen Hauch seines Duftes aufzunehmen. Das ist total spannend.

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Katja Sponholz

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