Es jazzt, swingt und wagnert
06.09.2009 | 18:58 Uhr 2009-09-06T18:58:00+0200
Hagen. Nationalität: Keine (ehemals deutsch). So deutlich distanzierte sich Kurt Weill auf dem Fragebogen der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde von seiner einstigen Heimat. Das Theater Hagen zwingt den Dessauer Kantorensohn nun zurück zu seinen Wurzeln.
Mit Weills „Street Scene“ setzt das Theater eine Reihe von amerikanischen Stücken fort, die mit Höhepunkten wie „West Side Story“ und „Endstation Sehnsucht“ auf sich aufmerksam machte. Nach dem gleichnamigen Drama von Elmer Rice als ausdrücklich amerikanische Oper komponiert, erzählt das Werk vom Leben in den New Yorker Slums. In Hagen scheint Regisseur Roman Hovenbitzer bemüht, das Stück zu entamerikanisieren und so die Ortsunabhängigkeit der Gesellschaftsstudie zu betonen. Statt auf eine New Yorker Mietskaserne blicken wir auf einen funktionalen Trakt im Dessauer Bauhaus-Stil, der uns so künstlich anstarrt wie die Fernsehkulissen von „Wetten, dass...?“ (Ausstattung: Roy Spahn).
Kalte Farben und ein Rahmen aus Neonlicht machen es schwer, sich für das Geschehen zu erwärmen. Zwar spitzt sich das Drama um das zerrüttete Ehepaar Maurrant immer weiter zu (Dagmar Hesse und Rolf A. Schneider), während Tochter Rose (Kristine Larissa Funkhauser) und der Student Sam (Michael Suttner) schüchtern anbandeln. Indes wirkt das Spiel trotz ansprechender Gesangsleistungen tendenziell verkrampft, zumal in der steifen deutschen Fassung von Lys Symonette. Wenn Emma Jones die Handlung nicht so lustvoll mit ihrem Klatschmaul befeuerte (grandios: Marilyn Bennett), bliebe der Schwung wohl auf der Strecke. Die Kinder, allen voran Claudio Bischoping als Willie Maurrant, wirken da deutlich lockerer. Hot und cool zugleich ist die Tanzeinlage von Marysol Ximénez-Carillo und Alexander Soehnle, die zu „Moon-faced, Starry-eyed“ loslegen, dass der Boden brennt (Choreographie: Ricardo Viviani).
Es ist das Philharmonische Orchester Hagen unter Dirigent Florian Ludwig, das die Premiere heraus hebt. Dem musikalischen Chamäleon Kurt Weill nacheifernd, passen sich die Musiker geschmeidig jedem Musikstil an: Und so gleitet der Hörer wie selbstverständlich von jazzigem Swing zu Wagnerscher Emphase, von der schwelgerischen Puccini-Arie zum flotten Schlager und von der Kavatine zum Blues. Dass dies eben nicht als Potpourri, sondern als geschlossene Partitur erfahrbar wird, ist das wohl erstaunlichste Erlebnis des Abends – und unbedingt hörenswert.
Termine: 8., 17., 23., 25. September, 14. und 18. Oktober, 4., 8. und 29. November, 19. und 27. Dezember. Karten: 02331/ 207 –3218. www.theater.hagen.de
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