Dreh an der Schuluhr kommt an
02.09.2009 | 18:17 Uhr 2009-09-02T18:17:00+0200
Dortmund. Wer die Zukunft des modernen Lernens erleben will, muss sich nach Schwerte in den Gänsewinkel begeben. Die Schülerinnen und Schüler, zurzeit rund 1000, lernen seit fast zwölf Jahren im 60-Minuten-Rhythmus. Ein Unterricht, der immer mehr Schule macht.
„Bei uns werden Sie niemanden finden, der die 45-Minuten-Stunde zurückhaben will”, sagt Schulleiter Klaus Kruzinski-Irle.
„Wir begrüßen das, wenn sich Schulen Gedanken machen, den Unterrichtsstoff neu auf die Zeit zu verteilen”, sagt Dr. Thomas Breuer, Sprecher der NRW-Schulministerin Barbara Sommer. Das Ministerium stellt es allen Schulen frei, auf ein anderes als das übliche 45-Minuten-Raster umzustellen, ausgenommen Grundschulen.
In Dortmund erwägt das Bert-Brecht-Gymnasium, im kommenden Schuljahr den Stoff neu zu portionieren. Das hängt auch ein wenig mit dem Turbo-Abitur in zwölf Jahren zusammen. Der Schultag ist länger geworden, dauert statt wie früher bis zur sechsten Stunde nun bis zur siebten oder achten. „Wenn Fünftklässler mehrmals in der Woche einen Achtstundentag haben, dann haben wir Handlungsbedarf. Die Kinder müssen sich kurzen Abständen auf immer mehr neue Dinge konzentrieren”, sagt Schulleiter Wolfgang Hardering.
Aber nicht nur aus diesem Grund - vorgegebenen Lernstoff effizienter zu verteilen - will das gesamte Kollegium umschwenken. „Für einen modernen, schülerorientierten Unterricht brauche ich eine Zeiteinheit, die länger ist als 45 Minuten. Gruppenarbeit oder selbstständiges Arbeiten der Schüler ist in 45 Minuten schwer möglich”, sagt Hardering. Von den 45 Minuten geht noch die Hausaufgabenkontrolle ab, zum Schluss erteilt der Lehrer neue - effektiv bleiben 30 bis 35 Minuten reiner Unterricht übrig.
Der Schulleiter weiß, dass die größte Anpassungsleistung den Lehrern abverlangt wird. „Einzelne Lehrer müssen ihre Methoden zweifellos umstellen, denn sie können ja nicht statt 45 jetzt 60 Minuten lang reden.”
Die Beharrungskräfte eines Lehrkörpers kennt auch Werner Kerski, bis vor kurzem Leiter der Fritz-Steinhoff-Gesamtschule in Hagen. Die Hagener sind 2004 mit dem 60-Minuten-Unterricht gestartet. „Jedes System ist strukturkonservativ, man braucht schon einen gewissen Mut und Pioniergeist”, meint Kerski. Was er an seiner Schule feststellte, überrascht die Befürworter eines längeren Taktes nicht: Der Unterricht hat sich verändert. „Die Lehrer müssen andere Unterrichtsformen und - materialien finden, denn bei 60 Minuten ist es schwierig, frontal zu unterrichten.”
Als Folge der neuen Schulstundenarbeitszeit sei der Anteil der Übungen im Unterricht größer geworden, ebenso die Eigenaktivität der Schüler. „Unter dem Strich wird die effektive Lernzeit erhöht”, sagt Werner Kerski.
Die Kinder und Jugendlichen, das ist nicht nur Kerskis Erfahrung, gewöhnen sich ungeheuer schnell an den neuen Rhythmus. „Ich sage das jetzt mal ironisch: Wenn der Gong läutet, lassen die Schüler den Griffel fallen, gleich ob es 45 oder 60 Minuten sind”, sagt Klaus Kruzinski-Irle von der Schwerter Gesamtschule. „Die neuen Fünftklässler, die es von der Grundschule her nicht kennen, nehmen den längeren Takt überhaupt nicht wahr.”
Die Schüler sind nach Ansicht der Experten die Profiteure des 60-Minuten-Unterrichts. Es gibt weniger Stunden, also müssen die Kinder weniger Bücher und weniger schwere Ranzen schleppen, es gibt auch weniger Hausaufgaben für den nächsten Tag. Es führt auch zu weniger Schäden und Verschleiß in den Klassenräumen und zu weniger Schüler/Lehrer-Wechseln zwischen den Stunden. „Es hat zu einer unglaublichen Beruhigung des Schulalltags geführt, es hat sich ein richtiger Wohlfühl-Charakter eingestellt”, sagt Kruzinski-Irle. Nur nebenbei: Dass die GS Schwerte beim Pisa-Test über dem Landes- und Bundesdurchschnitt lag, führt das Kollegium auch auf die Veränderung der Lernkultur zurück.
Mindestens ein bis zwei Mal pro Monat ist der Schwerter Schulleiter nun unterwegs, die Vorzüge des 60-Minuten-Unterrichts an anderen Schulen zu preisen. Es ist eine ganze Reihe von Schulen, die sich auf diesen Weg begeben haben, sagt Kruzinski-Irle. Darunter auch Gymnasien, die die offenbar versuchen, den durch das Turbo-Abi längeren Schulnachmittag kürzer hinzukriegen. Davor kann Klaus Kruzinski-Irle nur warnen. „Wenn Schulen sich nicht inhaltlich verändern wollen, sollten sie die Finger vom 60-Minuten-Unterricht lassen”, sagt er, „denn nichts ist schlimmer als lehrerzentrierter Unterricht, der dann 60 Minuten dauert.”
12:41
Ich freue mich, dass langsam in den verkrusteten, altmodischen Gymnasialstrukturen über Veränderungen nachgedacht wird. Dabei ist die Länge der Unterichtsstunde m. E. nur ein Randthema. Es sollte viel mehr über die Inhalte der Lernpläne und die emotionale-soziale Persönlichkeitsentwickung der Schüler diskutiert werden. Der veraltete Fächerkanon des Gymnasium passt nicht ins 21. Jahrhundert, wichtige Themen wie z. B. Politk, Wirtschaft, Menschenrrechte, Umwelt oder soziale Kompetenzen kommen viel zu kurz, Zeit zum Vertiefen bleibt bei G8 nicht. Und wenn man das Abi dann geschafft hat, geht die Einengung im Bachelorstudium weiter.
Außerdem scheint es mir so, dass die 60-Minutenstunde als Vehikel genutzt wird, um die sinnvolle 1-stündige Mittagspause für die Schüler bei Nachmittagsunterricht zu umgehen. Fünf verlängerte Schulstunden führen zu einer Verlängerung der Lernzeit um eine halbe Stunde (im Vgl. zu 6 kurzen Stunden) bei gleichzeitig weniger Pausen!