Wie aus dem "Roten Buch" das Stadtarchiv wurde

Die Geschichte des Archivierens begann in Lünen bereits im 15. Jahrhundert: Die Stadtschreiber notierten Wetterereignisse oder Bauarbeiten im "Roten Buch". Vor 30 Jahren begann Fredy Niklowitz als hauptamtlicher Stadtarchivar. Mit ihm hat Redakteurin Beate Rottgardt über Akten, die Fotosammlung und die Arbeit nach dem Krieg gesprochen.

Lünen.. Wann und wie begann die Geschichte des Archivierens in Lünen?
Meine ersten "Vorgänger" waren die Stadtschreiber oder Stadtsekretäre, die schon in der Ratsverfassung standen, die im 15. Jahrhundert aufgestellt wurde. Sie waren damals die einzigen Beamten der Stadt, die auf Lebenszeit eingestellt wurden. Alle anderen wurden immer wieder neu gewählt.

Welche Aufgabe hatten die Stadtschreiber?
Sie führten das sogenannte "Rote Buch", das es in jeder Stadt gab und zwar zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Darin wurden Wetterereignisse, Kriege, Baumaßnahmen, aber auch die Bestallung der Bediensteten eingetragen. Außerdem führten sie die Urkunden der Stadt und bewahrten sie auf - in der sogenannten Stadt- oder Ratskiste. Die erste wurde 1458 erwähnt und aus Sicherheitsgründen in der Sakristei der Stadtkirche aufbewahrt. Über viele Jahrhunderte reichte die Kiste zur Aufbewahrung.

Wann änderte sich die Bedeutung der historischen Akten für die Stadt?
In den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts, da wurden die Papiere zu historischem Schriftgut. 1820 schrieb die Regierung zu Arnsberg alle Kommunen an und forderte sie auf, eine Übersicht über die Archive zu erstellen. Erst ein Jahr danach beginnt Pfarrer Dietrich Hermann Bremer von der Stadtkirche das Schriftgut zu sichten und zu unterscheiden, was wertvoll ist und was nicht. Zur Seite stand ihm Rentmeister Ludwig Holländer, der alte Schriften lesen konnte. Sie sichteten Berge von Materialien und warfen leider auch vieles weg, vor allem Dokumente aus dem Siebenjährigen Krieg. Die Stadt bekam damals für altes Papier Geld. Bremer hat 1842 eine Chronik der Stadt Lünen herausgegeben.

Wie ging die Geschichte des Archivs dann weiter?
Als ehrenamtlicher Archivar betreute der Verwaltungsbeamte Heinrich Tappe von 1922 bis 1928 das Archiv. Er war beim Aufbau der Fotosammlung sehr aktiv, sprach viele Leute an und so bekam das Archiv zahlreiche Dokumente und Fotos. Tappe half noch lange Jahrzehnte im Archiv mit. Anschließend übernahm Dr. Dr. Dr. Josef Tappe, Lehrer am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, die Archivarbeit. Bis 1937, als er aus politischen Gründen entlassen wurde. Er war dann Honorarkraft.

Wie sah es im Zweiten Weltkrieg mit dem Archiv aus?
1943 wurde das Archiv wegen der Bombardierung ausgelagert. Ein Teil kam unter Tage zur Zeche Minister Achenbach und blieb komplett erhalten. Ein anderer Teil wurde ins Sauerland gebracht. Im "Haus Eslohe" ging aber einiges verloren, weil dort geplündert wurde. Prof. Alfons Perlick, Leiter der pädagogischen Akademie in Dortmund, die in die Lüner Berufsschule ausgelagert wurde, holte die Reste nach Lünen. Und er animierte seine Studenten, ihre Examensarbeiten über Lüner Themen zu schreiben. Ihm verdanken wir so viele Befragungen über Hausgeschichten. Das Archiv war damals auch in der Berufsschule.

Wie ging es dann weiter?
Von 1951 bis 1955 war Dr. Gerhard Stephan, Studienrat am Stein-Gymnasium, Honorarkraft im Archiv. Zum 1. April 1955 wurde dann Hiärm Wember erster hauptamtlicher Archivar. Er baute das Archiv weiter auf, das ab 1960 im Keller des Rathauses untergebracht wurde. 1970 starb Wember und sein Nachfolger wurde Adolf Reiß, der Lehrgänge zum Archivar besucht hatte. Er schuf das Fundament, auf dem ich aufbauen konnte, machte das Archiv durch Ausstellungen und die Schriftenreihe bekannt. Ich kam dann 1985 ins Archiv und arbeitete etwas mehr als ein Jahr mit Reiß zusammen.

Wie ist das Archiv für die Zukunft aufgestellt?
Der große Umbruch kam durch die Computer, die wir seit 1993 haben. Die sind natürlich ein großes Hilfsmittel, wenn man etwas sucht. Zudem haben wir die Fotosammlung aufgebaut und zum Teil digitalisiert. 18.000 von 50.000 Fotos aus unserem Bestand haben wir mittlerweile eingescannt.

Was plant das Archiv zum Stadtjubiläum 2016?
An einem Projekt, der Herausgabe des zweiten Bands des Urkundenbuchs - das erste kam zur 650-Jahr-Feier raus - arbeiten wir schon seit 1991. Am zweiten Projekt, einem Buch über Sagen und Legenden und deren Hintergründe, sitzen Wilfried Heß, Dr. Widar Lehnemann und ich jetzt im neunten Jahr. Wir haben uns auf ein Gebiet im Umkreis von zehn Kilometern rund um den Alten Markt konzentriert.

  • Vor zehn Jahren, zum 50. "Geburtstag" des hauptamtlich geleiteten Stadtarchivs gab es eine Feierstunde im Museum in Schwansbell.
  • Bei diesem Anlass schenkte Museumsleiter Dr. Wingolf Lehnemann Stadtarchivar Fredy Niklowitz die "Ratskiste" aus dem Jahr 1920 zurück, die das Museum Jahre vorher aus dem Archiv erhalten hatte.
  • Der 60. Jahrestag des hauptamtlich geführten Archivs wird nicht gefeiert. Wir werden allerdings im Sommer einige Raritäten aus dem Stadtarchiv in einer Serie vorstellen.