Unschuldig unter Verdacht - Lüner ähnelt Phantombild

Bernhard Kürsten sah in unserer Redaktion zum ersten Mal das Phantombild des Täters, dem er ähnlich sieht.
Bernhard Kürsten sah in unserer Redaktion zum ersten Mal das Phantombild des Täters, dem er ähnlich sieht.
Foto: Michael Schnitzler
Was wir bereits wissen
Plötzlich mieden die Nachbarn den Lüner Bernhard Kürsten. Dann wurde klar: Er ähnelt dem Phantombild, mit dem nach einem Sexualtäter gefahndet wurde.

Lünen.. Mit einem Phantombild hat die Polizei im November nach einem Mann gesucht, der eine Frau in einem Pflegeheim in Dortmund-Derne missbraucht haben soll. Der Täter stellte sich kurz darauf. Weil jedoch Bernhard Kürsten aus Lünen dem Mann ähnelt, geriet er vollkommen unschuldig unter Verdacht. Das ist seine Geschichte.

Wenn die Polizei ein Phantombild veröffentlicht, sucht sie einen Straftäter. Dringend. Viele Leute sollen die Zeichnung sehen - in der Hoffnung, dass jemand den Täter erkennt. Nur was, wenn das Bild dem Gesicht eines unbescholtenen Bürgers gleicht? Bernhard Kürsten kennt die Antwort. Er ähnelt dem Phantombild eines überführten Straftäters.

Berichte über Missbrauchsfall nicht verfolgt

Davon wusste Kürsten, Mitte 70, Rentner aus Brambauer, bis Mittwoch rein gar nichts. Er liest Zeitung, hatte aber die Berichte über den Missbrauchsfall in einem Pflegeheim in Dortmund-Derne nicht verfolgt. Ein Mann hatte sich am 10. November 2014 als Cousin einer 85-jährigen Bewohnerin ausgegeben und die demenzkranke Frau missbraucht.

Fahndung Mithilfe der Aussagen einer Pflegerin, die den Mann gesehen hatte, erstellte die Polizei ein Phantombild und veröffentlichte es am 13. November. Tags darauf stellte sich ein 77-jähriger Lüner der Polizei. Im Dezember hat die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage wegen sexuellen Missbrauchs einer Widerstandsunfähigen und fahrlässiger Körperverletzung erhoben. Demnächst verhandelt ein Schöffengericht im Amtsgericht Dortmund den Fall.

Nachbar grüßte nur noch verhalten

Bernhard Kürsten kennt, wie gesagt, weder den Fall noch den Täter. Trotzdem war seit einigen Wochen etwas anders als sonst. Ihn beschlich so ein Gefühl, als ob ihn einige gute Nachbarn plötzlich mieden. Einer grüßte verhaltener als üblich; der andere stellte beim Plausch am Gartenzaun nicht wie sonst die Harke zur Seite, sondern harkte stur weiter das Beet. Das machte Kürsten zwar stutzig, aber jeder ist ja mal etwas muffelig. Wird schon wieder.

Weil es aber eben nicht wieder wurde, sprach Kürsten am Mittwochmorgen einen Nachbarn auf der Straße an. "Mensch", sagte dieser, "da ist doch was mit so einem Phantombild". Man könne nachmittags ja mal reden, sagte der Nachbar - und ließ Kürsten mit dieser kryptischen Andeutung zurück.

Wenig später traf Kürsten einen weiteren Nachbarn. Dieser sprach nun ihn an: Es kursiere da so ein Phantombild eines Mannes, der eine Seniorin missbraucht haben soll. Jemand habe ihm das Bild auf einem Handy gezeigt. "Dieser Mann sieht aus wie Du, Bernhard." Kürsten fiel aus allen Wolken. Da half es auch nicht, dass ihm der Nachbar versicherte, er habe nicht wirklich geglaubt, dass Kürsten etwas mit der Sache zu tun hat.

Polizei: Kürsten hat nichts mit dem Fall zu tun

Frau Kürsten riet ihrem aufgewühlten Mann, nichts zu unternehmen: "Du warst es ja nicht." Kürsten sieht es anders: "Es geht ja nicht darum, dass jemand glaubt, ich hätte ein paar Äpfel gestohlen." Mehrere Nachbarn - womöglich die ganze Straße? - kennen das Phantombild des Straftäters und sehen darin eine Ähnlichkeit mit ihm. "Das lasse ich nicht auf mir sitzen."

Kürsten ließ am Mittwoch alles stehen und liegen und ging zur Polizei in Brambauer. Dort beruhigte ihn ein Polizist, klärte ihn auf, worum es bei dem Missbrauchsfall ging - und dass der Täter längst ermittelt sei. "Herr Kürsten hat wirklich nichts damit zu tun - er hat lediglich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Phantombild", sagte ein Polizeisprecher auf Anfrage dieser Redaktion.

Gewisse Ähnlichkeit wurde zum Verhängnis

Das Phantombild hatte Kürsten zu dem Zeitpunkt immer noch nicht gesehen. Er besuchte unsere Redaktion, um das Bild und die Berichte einzusehen. "Hab' ich auch diese Falten um die Mundwinkel?", fragte Kürsten nach einem Blick auf das Bild. "Meine Brille ist auf jeden Fall anders." Eine gewisse Ähnlichkeit, räumte er ein, gebe es. Das war es aber auch - mehr hat er mit dem Angeklagten nicht gemein.

Bernhard Kürsten ist froh, dass das Missverständnis aufgeklärt ist. Und dass ihn die Nachbarn nun nicht mehr meiden. Das Phantombild des Täters darf nicht mehr gezeigt werden, seit er sich der Polizei gestellt hat.