So funktioniert das Leben als Taubblinder

Rund 6000 Menschen in Deutschland sind taubblind. Monika Knufmann (49) aus Schwerte hilft Betroffenen bei den kleinen und großen Dingen des Lebens. Im Interview spricht sie über die scheinbar einfachen Dinge, Glücksmomente im Supermarkt und zeigt uns im Video, wie Taubblinde kommunizieren.

Schwerte.. Frau Knufmann, Sie arbeiten seit neun Jahren als Assistentin für Taubblinde. Wie sind Sie überhaupt zu diesem Beruf gekommen?
Während meiner Gebärdensprachausbildung habe ich am Schwarzen Brett einen Aushang gesehen, auf dem stand: Wer möchte einen Taubblinden zur Reha begleiten? Ich habe mich dann gemeldet und durfte anfangen.

Wie lief die erste Begegnung ab?
Das war bei einem Taubblinden-Stammtisch. Vorher hatte ich gedacht, dass dort eine traurige, ruhige Stimmung herrschen würde. Aber das war überhaupt nicht so. Es war eine muntere Gesellschaft, es wurde viel gelacht.

Wie läuft die Kommunikation, wenn man weder hören noch sehen kann?
Es gibt unterschiedliche Formen. Menschen, die von Beginn an taub und später erblindet sind, benutzen häufig die Gebärdensprache. Sie tasten dann die jeweiligen Handzeichen ab, die ihr Gegenüber macht. Auch wird oft das Lormen genutzt, ein taktiles Alphabet. Dabei ist jedem Buchstaben ein bestimmter Punkt oder eine bestimmte Bewegung auf der Hand zugeordnet.

Gefühle werden nicht selten durch Sprechen vermittelt. Wie läuft es bei Taubblinden?
Das geht über Mimik und Gestik. Man kann in Gebärdensprache auch durchaus fluchen oder mit dem Lormen Schimpfworte aufzeichnen (lacht).

Warum sind Taubblinde so sehr auf eine zusätzliche Assistenz angewiesen?
Ohne Begleitung ist es für einige fast nicht möglich, aus dem Haus zu kommen. Ihnen fehlen die beiden Fernsinne. Tasten, riechen und schmecken kann ich nur das, was sich in meiner unmittelbaren Nähe befindet. Hören und sehen hingegen kann ich auch über eine große Distanz. Das Fehlen dieser beiden Sinne macht es so schwer für die Betroffenen. Wenn einer dieser zwei Sinne ausfällt, so sagt man, wird der andere geschärft. So können einige Blinde zum Beispiel heraushören, wie schnell ein Auto fährt. Bei Taubblinden gibt es diesen Ersatz nicht.

An welchen Punkten macht sich die Abhängigkeit im täglichen Leben bemerkbar?
Für Taubblinde fängt das schon damit an, Wasser in ein Glas zu schütten oder Kaffee in eine Tasse. Da geht auch schon mal was daneben.

Es gibt aber kleine technische Hilfsmittel, mit denen man merkt, wann eine Tasse voll ist. Und Zahnpasta schmiert man sich zuerst auf die Zunge, damit man weiß, dass danach nicht zu viel oder zu wenig davon auf die Zahnbürste kommt. Oder bei Butter. Woher weiß ich, dass ich mir nicht ein halbes Pfund aufs Brot schmiere? Vieles ist Übungssache. Es gibt aber durchaus Unterschiede bei den jeweiligen Betroffenen, was die Abhängigkeit angeht.

Wie sehen die aus?
Einige sind fit, wohnen alleine und kommen ganz gut zurecht. Bei anderen ist das Leben, wie man es als Außenstehender kennt, extrem reduziert. Treppensteigen kann zum Fiasko werden, andere hingegen können mit einer speziellen Tastatur sogar Computer bedienen. Das Leben kann in einigen Fällen richtig langsam werden, es reduziert sich auf die Grundbedürfnisse, vieles fällt weg.

Welchen Fall haben Sie besonders in Erinnerung?
Ich habe mal jemandem assistiert, der zuvor 20 Jahre lang nichts gemacht hat, außer auf einer Bank im Garten zu sitzen, zu essen, zu schlafen, zu trinken und zur Toilette zu gehen. Bei ihm wurde alles weniger: Freunde, Ausgehen, jegliches Betätigungsfeld. Auch das Kommunizieren hat er verlernt.

Ist das Leben dann noch lebenswert?
Ja, ganz klar. Ich war ja schon damals baff beim ersten Stammtisch. Und übrigens: Den Mann, der 20 Jahre lang nichts tun konnte, habe ich dann zum Einkaufen begleitet, nachdem ich einige Wochen bei ihm war. Er sagte, dass er das nicht könne, wir sind dann trotzdem gegangen. Er hat den Einkaufswagen geschoben, ich habe den Wagen geführt. Schon da war ein Lächeln in seinem Gesicht. Mit Handbewegungen hat er mir dann gezeigt, was er gerne haben würde. Nach einigem Ausprobieren war klar, dass er eine Mettwurst wollte. Ich habe sie gekauft und ihm gegeben. In diesem Moment war er einfach nur glücklich. Da merkt man, dass sich die Arbeit lohnt.

Sie müssen also ständig aufpassen. Die Kommunikation läuft fast ausschließlich über die Hände. Wie sieht dann ein normaler Tag mit einem Taubblinden aus?
Von dem Moment, wo ich jemanden abhole, um mit ihm was zu unternehmen, bis zu dem Moment, wo ich wieder gehe, herrscht ständig Körperkontakt. Sei es am Büffet im Restaurant, beim Essen am Tisch, im Unterricht, beim Spazierengehen, beim Eisbestellen.

Man kann nicht einfach auf die Toilette gehen, sondern muss sich vorher abmelden. Jede meiner Bewegungen wird von ihm interpretiert, man kann nicht einfach so aufstehen. Man bleibt immer im Umkreis der Betroffenen, und zwar so weit, wie ihre Hände reichen - das ist ihre Welt.

Wenn Sie Ihre bisherigen Arbeitsjahre Revue passieren lassen und an die rund 15 taubblinden Menschen denken, denen Sie bislang assistiert haben. Verspüren Sie manchmal auch so etwas wie Mitleid?
Wenn das so ist, dann arbeite ich nicht professionell genug. Ich möchte kein Mutterersatz sein. Ich kann mich aber nicht komplett davon freisprechen. Je eigenständiger die Betroffenen sind, desto weniger belastend ist die Arbeit - sowohl körperlich als auch mental.