Lüner Imam: Pariser Anschlag beleidigt Mohammed

Die islamistisch motivierten Terroranschläge von Paris bewegen die Menschen - weltweit. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Dabei taucht auch die Frage auf, ob es einen Zusammenhang zwischen Islam und Terror gibt. Ein ausführliches Gespräch mit Seluk Dönmez, dem Imam der Lüner DITIB-Selimiye-Moschee.

Lünen.. Herr Dönmez, was haben Sie gefühlt, als Sie von dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Namens des Islam erfahren haben?
Ich denke, jeder der das gesehen hat - unabhängig von Religion oder Herkunft - war erst einmal geschockt. Als Muslim war ich danach angewidert.

Die Täter sollen - in Anspielung auf die Mohammed-Karikaturen - gerufen haben: "Wir haben den Propheten gerächt!" Ist das mit dem Islam zu vereinbaren?
So rächt man unseren Propheten der Liebe und Barmherzigkeit nicht, sondern man beleidigt ihn damit noch mehr, als es jede Karikatur könnte. Das sind keine Helden, sondern Mörder - mit dem falschen Bezugsrahmen.

Die Terrororganisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS, IS) hat die Attentäter als Helden bezeichnet.
Wer billigend den Tod von Menschen in Kauf nimmt, geradezu hinrichtet, kann sich dabei nicht auf den Islam berufen. Unausgereifte Menschen mögen dies trotz der Abscheulichkeit zu erklären versuchen, aber mit unserem Religionsverständnis hat das nichts mehr zu tun. Unser heiliger Koran sagt: Tötest du einen Menschen, ist es so, als hättest du die gesamte Menschheit getötet.

Einige Muslime hegen Sympathien mit der ISIS, verstehen sie als Freiheitskämpfer. Gibt es dieses Phänomen auch in Ihrer Gemeinde?
Unsere Gemeinde hat dies schwer getroffen. Die Gemeindemitglieder sind in doppelter Hinsicht Opfer dieser Tat: zum einen als empathische Bürger, die sich mit den Opfern identifizieren und das Leid teilen, zum anderen als Muslime, die durch die Täter in Mitleidenschaft gezogen wurden. Wertvolle Arbeit der letzten Jahrzehnte wird durch solche Extremisten beschädigt, wir müssen gemeinsam unsere gesellschaftliche Mitte wiederfinden.

Gibt es ISIS-Sympathisanten in ihrer Gemeinde?
In unserer Gemeinde gibt es keine Sympathien für die ISIS. Für Fanatismus und Radikalismus ist kein Platz in unserer Gemeinde. Das gilt für alle Altersgruppen.

Das ist ein Imam
'Imam' ist ein arabischer Begriff mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen.Im Koran steht er für "Vorsteher, Vorbild, Richtschnur, Anführer".In der klassisch-islamischen Staatstheorie bezeichnet Imam das religiös-politische Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft in Nachfolge des Propheten Mohammed.Daneben wird auch der Vorbeter beim Ritualgebet Imam genannt.In den Gemeinden der DITIB, dem Dachverband der türkischen Muslime in Deutschland, wirken ausnahmslos türkisch sprechende Imame - sogenannte Religionsbeauftragte.Ausgewählt werden sie in ihrem Heimatland von der "Gemeinsamen Kulturmission", in der Vertreter verschiedener Ministerien sitzen.Diese Imame werden in der Türkei an staatlich anerkannten islamisch-theologischen Instituten ausgebildet und schließen dort mit einem Diplom ab.Wenn sie ins Ausland entsandt werden, unterstehen sie - als Quasi-Diplomaten - den Attachs für religiöse Dienste der türkischen Generalkonsulate.Seluk Dönmez(38) ist seit September 2014 für fünf Jahre Imam der Lüner DITIB-Selimiye-Moschee. Dann kommt ein neuer Imam.Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Was halten Sie von Karikaturen, mit denen Religionen verspottet werden?
Da halten wir es mit Papst Franziskus: Der hat nach dem Anschlag von Paris gesagt, dass man sich nicht über den Glauben anderer lustig machen darf. Dass Meinungsfreiheit auch Grenzen hat, wenn sie die Gefühle anderer verletzt.

Der Papst hat auch gesagt, dass "Töten im Namen Gottes eine Abirrung" ist.
Wie gesagt, das sehen wir absolut genauso.

Wie ist die Stimmung nach den Anschlägen in Ihrer Gemeinde?
Sie können sich vorstellen, dass die Stimmung gedrückt ist. Und trotzdem wissen wir um unsere Verantwortung: Diese Terroristen werden es nicht schaffen, uns als Gesellschaft zu entzweien.

Was können Sie dafür tun?
Dass der gelebte Dialog dazugehört, ist selbstverständlich. Vielleicht müssen wir auch stärker darauf hinwirken, dass ein Verständnis für die Moschee als offenes Haus entsteht. Die Moschee hat immer eine offene Tür, nicht nur zum Tag der offenen Moschee, wo zudem noch besondere Programme angeboten werden. Wir werden auch im Bereich der Jugendarbeit stärker auf gegenseitige Besuche und gemeinsame Programme setzen - dafür allerdings brauchen wir auch Kooperationsbereitschaft anderer Akteure.

Welcher Akteure?
Dazu zählen unter anderem die Kirchengemeinden, der Integrationsrat, karitative Einrichtungen wie die Caritas und die Arbeiterwohlfahrt, Sportvereine, Schulen, das Multikulturelle Forum, die Volkshochschule.

Sind Muslime in Lünen gut aufgehoben?
Ja. Wir Muslime sind in Lünen sehr gut aufgehoben, wir fühlen uns in Lünen sehr sicher und sehr wohl.

Trotzdem lässt sich das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen sicherlich noch verbessern, oder?
Alles lässt sich verbessern. Bei uns in der Gemeinde laufen verschiedene Programme. Dazu gehört nicht nur der Tag der Offenen Moschee. Unser Frühlingsfest, was für jedermann offen ist, wird sogar in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht. Und es findet ein gemeinsamer Pilgerweg von Muslimen und Nicht-Muslimen - gemeint sind die Evangelische Gemeinde und die Katholische Gemeinde - statt.

Was ist mit nicht-kirchlichen Organisationen?
Unsere Gemeinde veranstaltet regelmäßig Führungen. Daran nehmen verschiedene gesellschaftliche Gruppen aus den Bereichen Schule, Polizei und Bundeswehr teil. Außerdem besuchen uns verschiedene Vereine und zahlreiche Privatpersonen.

Ist es Nicht-Muslimen erlaubt, ohne Erlaubnis an Ihren Gebeten, am Freitagsgebet, teilzunehmen?
Natürlich ist es erlaubt, dass ein Nicht-Muslim an unseren Gebeten teilnimmt. Nur bei großen Gruppen ist eine Anmeldung erwünscht: Damit wir Vorbereitungen treffen können - unsere Gäste mit Kaffee, Tee und Kleinigkeiten begrüßen können.

Wie sieht eine Predigt im Rahmen des Freitagsgebets aus?
Beim Freitagsgebet sieht die Predigt so aus, dass der Imam auch allgemeine Themen, die die Bevölkerung interessieren, anspricht.

Zum Beispiel?
Das können Erdbeben oder Flutkatastrophen sein. Natürlich haben wir sehr intensiv über den Terroranschlag in Paris gesprochen.

Als Dolmetscher fungierte bei dem Interview Erdal Canbay, Vorsitzender des Vereins der Selimiye-Moschee.

Die muslimische Gemeinde in Lünen
In Lünen leben etwa 8000 Muslime. Davon ist die Mehrheit nach Angaben der städtischen Integrationsbeauftragten Dr. Aysun Aydemir Mitglied in einer der vier Lüner Moschee-Gemeinden. Dazu gehört die DITIB-Ulu-Moschee in Brambauer, die VIKZ-Moschee in Gahmen, die Fatih-Moschee in Alstedde und die DITIB-Selimiye-Moschee in Lünen-Mitte mit 550 zahlenden Mitgliedern.Letztere wird von der "Türkisch Islamischen Gemeinde zu Lünen e.V." betrieben und wurde am 30. März 2008 nach neun Jahren Bauzeit eröffnet.Zu diesem Zeitpunkt war sie die größte Moschee in Nordrhein-Westfalen.

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