In Lünen wird das Milchpulver knapp

Kosmetik- und Drogerieprodukte im Überfluss machen die Entscheidung im dm-Markt an der Lange Straße in Lünen schwer. Dass es hier im Jahr 2015 einen Notstand gibt, ist kaum vorstellbar. Doch in den Regalen, wo sich ansonsten Milchpulver für Babys befindet, herrscht aktuell Leere.

Lünen.. "Wegen der großen Nachfrage nur noch 1 Packung pro Person", steht auf den Schildern geschrieben, "wenden Sie sich bei Bedarf bitte an einen unserer Mitarbeiter."

Die Lünerin Alexandra Rösner kennt diese Schilder aus verschiedenen Drogerieläden in der Innenstadt: "Das Milchpulver scheint wieder knapp zu sein." Auch die junge Mutter Gina Reinhold bestätigt, dass das Pulver nur noch rationiert verkauft wird. Das passiere immer mal wieder.

Erinnerung an DDR-Planwirtschaft


"Das erinnert an die Planwirtschaft in der DDR", lacht Anne Breitfeld, eine Hebamme aus Lünen. Um trotz Rationierung an genügend Milchpulver zu kommen, ließen die Mütter sich aber etwas einfallen, weiß sie von ihren Wöchnerinnen. "Dann schickt man einmal den Mann, einmal die Mama und dann noch einmal die Freundin in den Laden", erklärt Breitfeld, "oder man schwenkt auf ein anderes Produkt um." Betroffen seien nämlich hauptsächlich die Markenprodukte Aptamil und Milumil von Milupa.

Im dm-Markt an der Lange Straße steht eine Mutter vor dem leeren Milchpulver-Regal. Daraufhin holt eine Mitarbeiterin der Drogerie den Nachschub aus dem Lager. Auskunft möchten die Mitarbeiter der Filiale nicht geben.

Per E-Mail äußert sich Christoph Werner, dm-Geschäftsführer, auf Anfrage unserer Redaktion: "Seit geraumer Zeit verzeichnen wir auf dem Markt eine extrem hohe Nachfrage nach verschiedenen Säuglingsnahrungen, die die Hersteller nicht ausreichend bedienen können." Viele Kunden seien verunsichert und möchten sich bevorraten, so Werner: "Deshalb haben wir uns bereits vor Längerem dazu entschieden, den Kollegen in unseren Märkten eine mengenmäßig beschränkte Abgabe von Milchnahrungs-Produkten zu empfehlen." Betroffen sind auch Drogeriemärkte in anderen Städten: Die dm-Filiale in der Dortmunder Thier-Galerie gibt Milupa-Milchnahrung nur noch auf Nachfrage ab, und dann auch streng rationiert. Ähnliches gibt es aus dem Kreis Recklinghausen zu berichten.

Seit zwei Jahren immer wieder Anstürme

Auch die Lüner Müller-Filiale an der Lange Straße weist Lücken zwischen den Milchpulver-Produkten auf. Eine Auskunft zum Mangel gab es auf Anfrage dieser Redaktion nicht.


Bei Rossmann, in Lünen an der Jägerstraße vertreten, beobachtet man seit etwa zwei Jahren zwischenzeitliche Anstürme auf Baby-Anfangsmilch. Daher gelte in allen Filialen eine Abgabebeschränkung, die sogenannte "haushaltsübliche Abgabemenge" von drei Packungen pro Person, so die schriftliche Auskunft von Rossmann-Sprecher Stephan-Thomas Klose.

Es hält sich die Annahme, dass der Milchpulver-Bedarf durch die Nachfrage von Chinesen steige. Diese sollen sich gerade zu Jahresbeginn, vor dem chinesischen Neujahrsfest am 19. Februar, gerne mit Milchpulver eindecken - zum einen als Vorrat für das einwöchige Fest, zum anderen als Präsent.


Die Babyanfangsmilch werde jedoch nicht in großem Stil von deutschen Unternehmen exportiert, sondern höchstwahrscheinlich aus den Regalen gekauft und weitergereicht, heißt es aus Industriekreisen. Warum Pulver aus Deutschland gekauft wird? Viele Chinesen trauen den heimischen Produkten nach einem Milchpulver-Skandal 2008 nicht mehr.


Milupa, einer der größten Hersteller von Babynahrung in Deutschland, habe die Produktion bereits verdreifacht, könne sie aber nicht endlos ausweiten, so Pressesprecher Stefan Stohl auf Anfrage.

Er beobachtet die hohe Nachfrage seit einigen Jahren jeweils zum Jahresbeginn. Deshalb seien zwar keine Hamsterkäufe möglich, notleiden müsse aber niemand. Sollte den Drogerien das Milchpulver einmal gänzlich ausgehen, können sich Mütter online an Milupa wenden und Nachschub bekommen.