Ente suchte sich Lastwagen als Brutplatz aus

Der Dachspoiler diente als perfekter Sonnenschirm. Hoch oben auf dem Führerhaus eines LKW hatte sich die Ente ihr Nest gebaut. Die Transporter und Radlader, die ringsherum auf dem Hof der Firma Biotrans in Schwerte lärmten, konnten sie bei ihrem Brutgeschäft absolut nicht aus der Ruhe bringen.

Westhofen.. Irgendwie musste der Wasservogel sowieso einen siebten Sinn gehabt haben. Denn er hatte sich als Wohnsitz ausgerechnet einen Container-LKW ausgesucht, der nur noch für Rangierarbeiten auf dem Gelände des Entsorgungsbetriebs an der Hagener Straße bewegt wird. Und Nistmaterial bieten die allgegenwärtigen riesigen Komposthaufen dort ohnehin in Hülle und Fülle.

Auf den ungewöhnlichen Nestbau aufmerksam geworden waren die Praktikanten Niklas Tillmann (14) und Armin Figge (13). Die beiden Eintrachtschüler, die geschützt mit Stahlkappenschuhen und Maleranzügen Mauerpfeiler mit frischer grüner Farbe tünchen, beobachteten, wie die Ente immer wieder das Führerhausdach des alten Büssing ansteuerte. Im Schnabel kleine Zweige und anderes Grünmaterial, von dem einiges beim Nestbau auf die Ladefläche herunterrutschte.

Umzug auf Containerdach

Biotrans-Eigentümer Michael Müller hatte sofort Mitleid mit dem Vogel. "Er muss immer hinterher fliegen, wenn der LKW fährt", berichtete er. Deshalb kam er auf die Idee, das komplette Nest auf das Dach eines benachbarten Containers umzusetzen. "Es hätte auch sein können, dass er uns sagt, wir sollten den LKW ein paar Wochen stehen lassen", raunte ein Mitarbeiter, der die Tierliebe seines Chefs kannte. Schließlich hatte der Nistkästen für Greifvögel in seinem Betrieb aufgehängt und sogar schon mal einen Baby-Fuchs vor dem Verhungern bewahrt.

Zwei Eier im Nest

Dem wollte Niklas Tillmann nicht nachstehen. Nachdem er sich vorsichtig dem Nest genähert hatte, musste er allerdings feststellen, dass es sich nicht in einem Stück anheben ließ, da einige Teile kunstvoll mit den Dachaufbauten verwoben waren. Deshalb reichte der Schüler den äußeren Ring des Geleges und das Füllmaterial getrennt an einen Kollegen weiter, der alles auf dem Containerdach bereitlegte. Behutsam wurden dann auch die beiden Eier, die das Tier schon gelegt hatte, hineingepackt.

Die restlichen Reparaturarbeiten an ihrem Nest muss Mutter Ente jetzt noch selbst vornehmen. Aus sicherer Entfernung beobachtete sie die Umsiedlung ihres Kinderzimmers. Alle Beteiligten hoffen jetzt, dass Mama Ente ihr altes Nest am neuen Standort annimmt.

Eier dürfen nicht auskühlen

Birgit Königs, Sprecherin des Naturschutzbundes (Nabu) in NRW, ist da optimistisch. "Anders als Säugetiere nehmen Vögel den menschlichen Geruch nicht wahr", erklärt Königs. Dass die Ente das Nest also für immer verlässt, weil es von Menschenhand versetzt worden ist, sei eher nicht zu befürchten. Es komme einzig darauf an, ob der neue Nistplatz der Enten-Mutter gefällt - oder nicht. "Man sollte es beobachten. Wenn sie sich draufsetzt, ist alles in Ordnung. Allerdings bleibt nur ein gewisses Zeitfenster von wenigen Stunden, bevor die Eier auskühlen", so die Nabu-Sprecherin.

In den letzten Jahren sei zu beobachten gewesen, dass Enten immer häufiger ungewöhnliche Nistplätze aussuchten, sagt Birgit Königs. "Enten-Mütter wählen da manchmal sehr komische Plätze, zum Beispiel Garagendächer. Oder eben Autodächer. Allerdings ist es aus Entensicht verständlich, schließlich sind sie da vor Nesträubern recht gut geschützt."